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Donnerstag, 04.02.2016

Braunkohle zieht Vattenfall noch tiefer in die Krise

Der Konzern ächzt unter niedrigen Strompreisen und den Folgen des deutschen Atomausstiegs.

Von André Anwar, SZ-Korrespondent in Stockholm

Schön anzusehen, aber schwer zu verkaufen. Behält Vattenfall das Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde doch?
Schön anzusehen, aber schwer zu verkaufen. Behält Vattenfall das Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde doch?

© Patrick Pleul/dpa

Schwarzer Mittwoch für Vattenfall. Schwedens staatlicher Energiekonzern hat seinen Jahresbericht für 2015 vorgestellt. Demnach verzeichnet das Unternehmen einen Verlust nach Steuern von rund 19,8 Milliarden Kronen (2,1 Milliarden Euro). Das ist mehr als doppelt so viel wie noch im Jahr 2014. Der Umsatz sank leicht von knapp 166 auf 164,5 Milliarden Kronen (17,6 Milliarden Euro). Bereits in der Vergangenheit hat Vattenfall Tausende Mitarbeiter entlassen. Laut Informationen des öffentlich-rechtlichen Radio Schweden (SR) sollen weitere Entlassungen anstehen. Konkrete Zahlen oder Standorte wurden nicht genannt. Eine Ausschüttung an den schwedischen Staat wird es für 2015 nicht geben, hieß es von der Konzernführung in Stockholm.

Dabei war Vattenfall lange der Goldesel des schwedischen Staates. Jährlich schaufelte der Konzern massive Gewinne in die Kassen und expandierte kräftig. Dann kam die Energiewende. Vattenfall, dessen wichtigster Auslandsmarkt Deutschland ist, leidet an dem niedrigen Strompreis, der Kernkraftabwicklung und dem immer verlustreicheren Geschäft mit der Braunkohle.

Jetzt hat Vattenfall mit geringeren Vermögenswerten zu kämpfen. „Die deutsche Entscheidung, die -Emissionen langfristig zu mindern, hat den Wert unseres Braunkohle-Vermögens einem Risiko ausgesetzt“, erklärte Konzernchef Magnus Hall. Das habe eine Wertminderung zur Folge gehabt. Seit Herbst 2015 stehen Kohlegruben und Kraftwerke in Sachsen und Brandenburg zum Verkauf. Der Staatskonzern will künftig keinen Strom mehr aus Braunkohle produzieren.

In Schweden legt Vattenfall zwei Atomkraftwerke früher als geplant still. Die notwendigen Investitionen in die Sicherheit hätten eine profitable Stromerzeugung unwahrscheinlich gemacht, sagte Hall.

Und der enorme Ausbau erneuerbarer Energien wie Wind und Sonne auf bis zu 30 Prozent der deutschen Stromquellen und die Bevorzugung von Ökostrom bei der Einspeisung ins Netz machen das einst so lukrative Braunkohlegeschäft wirtschaftlich kaum noch tragbar. Auch drohen neue Auflagen für die viel Kohlendioxid () ausstoßenden Anlagen.

Doch der angedachte Verkauf der Tagebaue und Kraftwerke könnte sich als neues Fiasko herausstellen. „Wo will man dafür einen Käufer finden? Ein Blick in die Bilanz sagt doch alles“, erklärte der deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), als er dem inzwischen zum Ministerpräsidenten gewählten Sozialdemokraten Stefan Löfven 2014 im Wahlkampf half. Und da waren die Bilanzzahlen besser als jetzt.

„Verkaufsprozess lässt sich stoppen“

Immer wieder wird seitdem ein möglicher Verkaufspreis hinunterkorrigiert. Inzwischen ist gar die Rede von zwei bis drei Milliarden Kronen statt der einst angepeilten 25 Milliarden Kronen. Ebenso wird spekuliert, dass Vattenfall beim Verkauf sogar noch drauflegen könnte. Die schwedische Tageszeitung Svenska Dagbladet zitierte am Mittwoch Überlegungen von Konzernchef Hall, die Kohlesparte möglicherweise doch nicht zu verkaufen, sondern selbst abzuwickeln. Ein Verkaufsprozess lasse sich immer auch stoppen, sagte Hall dem Blatt. Svenska Dagbladet bezeichnete die Verkaufspläne als „Albtraum für Vattenfall“.

Drei tschechische Kaufinteressenten, darunter der halbstaatliche Energiekonzern CEZ, hoffen darauf, die Braunkohleanlagen von Vattenfall richtig billig zu bekommen. Nach deutschem Gesetz fallen für den letzten Eigentümer solcher Anlagen nach deren Stilllegung nämlich hohe Kosten für die Sanierung an.

In der Basis der schwedischen Grünen ist man sauer auf die eigenen Mitglieder in der rot-grünen Regierung. Denn die hatten ein auch wirtschaftlich attraktives Angebot ausgeschlagen. Die Umweltorganisation Greenpeace hatte Interesse am Kauf von Vattenfalls Kohlekraftanlagen angemeldet, um die Werke direkt zu schließen. „Die Politiker tun zu wenig. Die Kohle muss für den Klimaschutz in der Erde bleiben“, begründete Annica Jacobson, die Chefin von Greenpeace Schweden, den unkonventionellen Schritt.

„Vattenfalls Milliardenverlust ist der tiefrote Beweis, dass sich kein Energiekonzern auf Dauer gegen die Energiewende stellen kann“, kommentierte am Mittwoch Greenpeace-Branchenexperte Karsten Smid die aktuellen Zahlen. Für Gerd Lippold, den Energie-Beauftragten der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag, steht fest: „Noch schneller als die Gletscher im Klimawandel schmilzt der Wert von Braunkohlekraftwerken und Tagebauen. Es ist unverantwortlich, angesichts dieser Situation die von Umsiedlung und Heimatverlust durch Tagebauerweiterungsvorhaben bedrohten Menschen noch immer in Unsicherheit über ihre Zukunft zu lassen.“

Der Görlitzer Landrat und Vorsitzende des Regionalen Planungsverbandes Oberlausitz-Niederschlesien, Bernd Lange (CDU), weiß: „Die derzeitige Unsicherheit führt zu einem nicht unerheblichen Grad an psychischer Belastung bei den potenziellen Umsiedlern.“ Auch er fordert baldige Planungssicherheit. (mit dpa und SZ/tbe)