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Samstag, 13.01.2018

Brasilianer findet Zittauer Verwandte

Erste Kontakte sind geknüpft. Daran hat auch die SZ ihren Anteil.

Von Jan Lange

Käthe Rieger öffnet für Marcell Besser (rechts) ihre Fotoalben.
Käthe Rieger öffnet für Marcell Besser (rechts) ihre Fotoalben.

© Günter Küpper

Zittau. Marcell Besser ist begeistert über die zahlreichen Fotos, die Käthe Rieger vor ihm auf dem Tisch ausbreitet. Damit hat der junge Brasilianer nicht gerechnet. Vor einigen Wochen besaß er nur ein paar wenige Informationen über seine deutschen Vorfahren, so unter anderem die letzten Briefe, die sich seine Verwandten mit denen in Deutschland schrieben. Die stammen aus den 60er und 70er Jahren.

Mithilfe von Günter Küpper, dem Leiter des Zittauer Geo-Zentrums, startete er jetzt einen Suchaufruf. Durch Zufall sei er auf die Webseite der Zittauer Geologen gestoßsen, berichtet Marcell Besser. Und da Günter Küpper Spanisch spricht, war die Verständigung recht einfach. Für einige Tage weilte der Brasilianer nun in Zittau, um seine deutschen Verwandten zu suchen und zu treffen. Die Suche nach ihnen gestaltete sich einfacher als gedacht. Insgesamt fünf Personen meldeten sich nach dem Suchaufruf bei Günter Küpper, davon allein drei nach dem Artikel in der Zittauer SZ.

So ist Marcell Besser auch auf Käthe Rieger gestoßen. Die mittlerweile 92-jährige Großschönauerin ist mit dem Neffen seines Urgroßvater Walter Besser verheiratet gewesen. Die hochbetagte Dame kann viel erzählen, von ihrem Mann Horst und über ihre Schwiegermutter Charlotte, die bereits 1975 gestorben ist. In den über 40 Jahre alten Briefen, die Marcell Besser besitzt, schrieb Charlotte Rieger auch über ihre Enkelin Ingrid. Mit ihr hat der junge Brasilianer ebenfalls Kontakt aufgenommen. Die heute 65-Jährige lebt in der niedersächsischen Stadt Holzminden.

Es bleiben nicht die einzigen Begegnungen in diesen Tagen. Auch Anita Schubert aus Zittau antwortete auf den Aufruf. Sie ist die Tochter von Walter Bessers Schwester Johanne. Als diese blind wurde, schrieb Anita für sie die Briefe nach Brasilien. Doch die Adresse ging irgendwann verloren und so brach der Kontakt nach Übersee ab. „Sie hatte die ganze Zeit Tränen in den Augen, dass wir uns noch mal treffen konnten und der Kontakt wieder auflebt“, erzählt Marcell Besser von der Begegnung mit seiner deutschen Verwandten.

Den Grund, dass es fast 40 Jahre still zwischen den Familien war, kann der junge Brasilianer nur vermuten. Wahrscheinlich ist eine falsche Adresse schuld gewesen. Sein Großvater Gerhard Besser ist davon ausgegangen, dass die Verwandten in Zittau in der Neuen Straße wohnen. Sie lebten jedoch in der Neißstraße. „Vielleicht ist ja der Brief nicht angekommen“, glaubt Marcell Besser.

Gerhard Besser war zwar 1997 in Zittau, um Familienangehörige zu suchen, aber er hatte keinen Erfolg. Und er verlor auch seine Kamera, sodass keine Fotos mehr von der damaligen Reise existieren. Die jetzigen erfolgreichen Recherchen seines Enkels kann er nicht mehr miterleben. Gerhard Besser starb bereits im Jahr 2009. Marcell Besser wird aber dem Rest der Familie von den deutschen Verwandten berichten. Und er will auch die Geschichte der Familie Besser zu Papier bringen. Sein Vater habe damit vor 30 Jahren schon mal angefangen, er will sie nun vollenden. Dazu gehören natürlich auch die Erlebnisse seiner eigenen Vorfahren. Urgroßvater Walter, der 1903 in Zittau geboren wurde, hatte die Heimat erstmals 1928 in Richtung Brasilien verlassen. In dem südamerikanischen Land lernte Walter Besser Irma Ristow kennen, die ebenfalls deutsche Vorfahren hatte, selbst aber in Brasilien das Licht der Welt erblickte. Mit drei Kindern sind sie 1938 wieder nach Deutschland gekommen, um zehn Jahre später ein zweites Mal nach Brasilien auszuwandern. Dort starb Walter Besser 1968 unter tragischen Umständen. Damals lag er an Weihnachten im Krankenhaus und bekam von einer Schwester die falsche Spritze verabreicht. Auch sein Sohn Heinz und der gleichnamige Sohn seiner Schwester Johanne starben jung und jeweils kurz vor dem Jahresende.

Am Freitag ist Marcell Besser mit all den neuen Informationen nach Brasilien zurückgekehrt. Seine Familie zu Hause wartet schon gespannt, was er ihnen erzählen kann. Künftig soll der Kontakt zwischen Brasilien und Deutschland nicht wieder abbrechen, verspricht er. Post- und Mailadressen hat Marcell Besser auf jeden Fall mit allen Verwandten ausgetauscht.