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Donnerstag, 18.02.2016

Bombardier streicht in Deutschland 1430 Stellen

Weltweit will sich der kanadische Konzern von 7 000 Mitarbeitern trennen. Das wirkt bis nach Bautzen und Görlitz.

Von Tilo Berger

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Doppelstockzüge sind das Flaggschiff des Görlitzer Bombardier-Werkes. Auch hier drohen Stellenstreichungen – wie überall im Konzern.
Doppelstockzüge sind das Flaggschiff des Görlitzer Bombardier-Werkes. Auch hier drohen Stellenstreichungen – wie überall im Konzern.

© ddp/Norbert Millauer/Archiv

Montreal/Berlin. Der Bahntechnik-Hersteller Bombardier Transportation streicht in Deutschland 1 430 der knapp 10 500 Arbeitsplätze. Das kündigte die Bahn-Sparte des kanadischen Konzerns am Mittwoch in Berlin an. Die Hälfte der Betroffenen seien Leiharbeiter, deren Verträge nicht verlängert werden, hieß es. Der Stellenabbau in Deutschland ist Teil eines weltweiten Kürzungsprogramms von 7 000 Arbeitsplätzen bei dem Konzern, der auch Flugzeuge baut. Allein 3 200 Jobs sollen in der Waggonbau-Sparte wegfallen, die weltweit derzeit noch rund 39 700 Arbeitsplätze zählt.

„Wir formen Bombardier Transportation für die Zukunft“, sagte Präsident Laurent Troger. Der 52-jährige Franzose hatte erst im Dezember 2015 den Chefsessel bei Bombardier eingenommen. Bei seinem Amtsantritt hatte er angekündigt, vorausschauender in den Markt zu gehen. „Wir waren sehr reaktiv und wir werden proaktiver werden.“ Gut zwei Monate später verkündete er nun am Mittwoch das erste Ergebnis seiner Proaktivität. Zwar sei die Finanzlage derzeit solide und der Auftragsbestand gut, sagte Troger am Mittwoch. Es gehe aber darum, Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen und profitabler zu werden.

Keine Werksschließungen

Wann wie viele Stellen in welchen Werken wegfallen, wollte die Konzernspitze noch nicht sagen. Werke schließen wolle Bombardier aber nicht. Die Kürzungen sollen in den kommenden zwei Jahren vollzogen werden. In Deutschland entwickelt und baut Bombardier Transportation in Hennigsdorf, Görlitz, Bautzen, Braunschweig, Kassel, Mannheim, Frankfurt am Main und Siegen Züge, Straßenbahnen und Lokomotiven.

Der Umsatz der Zugsparte schrumpfte nach Angaben vom Mittwoch im vergangenen Jahr von 9,6 Milliarden auf 8,3 Milliarden US-Dollar, in Euro umgerechnet von rund 8,6 auf 7,4 Milliarden. Troger begründete den Rückgang mit dem Abschluss einiger großer Projekte.

Der Konzern hatte schon in den vergangenen Jahren wiederholt Stellen gestrichen und sich auch von Werken getrennt, so in Niesky, Vetschau und Halle-Ammendorf. Erst vor vier Wochen hatten Bombardier-Manager bei einem Besuch im Görlitzer Werk angekündigt, diesen Betrieb mit dem in Bautzen zu fusionieren. Aus beiden Standorten solle binnen der nächsten drei Jahre das Werk Sachsen werden. Die Umstrukturierung solle „so schnell und so reibungslos wie möglich“ vor sich gehen und spätestens in drei Jahren abgeschlossen sein, hatte der für Zentral- und Osteuropa zuständige Bombardier-Präsident Dieter John angekündigt. Das Werk in Görlitz solle für den Roh- und Komponentenbau von Reisezugwagen zuständig werden, das Werk in Bautzen für den Innenausbau und die Montage der Fahrzeuge. In Bautzen verbleibe außerdem zumindest vorerst der Bau von Straßenbahnen, aber offenbar nicht mehr im gleichen Umfang wie bisher. Um Platz zu schaffen für den Bau der Reisezugwagen, würden Teile der Straßenbahnfertigung ins Bombardier-Werk Wien verlagert. „Wir wollen dadurch in Sachsen wettbewerbsfähiger werden“, hatte John vor vier Wochen bekräftigt.

Eine langfristige Bestandsgarantie für beide Betriebe hatte der Zentral- und Osteuropa-Präsident dabei ebenso vermieden wie konkrete Aussagen zur künftigen Zahl der Mitarbeiter. „Wir sagen aber nicht, dass alle, die heute eine Stelle haben, diese auch behalten.“

Keine Bestätigung gibt es bisher für Vermutungen, wonach in Bautzen und Görlitz vor allem die Leitungsebenen zusammengelegt werden, die Jobs in der Produktion aber weitgehend unangetastet bleiben sollen. Ebenso wenig wird bestätigt, dass Bautzen auf absehbare Zeit überhaupt keine Straßenbahnen mehr baut. Zurzeit arbeiten im Görlitzer Werk etwa 2 500 Beschäftigte, im Bautzener reichlich 1 000. Viele von ihnen sind Leiharbeiter – allein in Görlitz mehr als 800.

Gewerkschafter: „Wir greifen an!“

Der Ostsachsen-Chef der Industriegewerkschaft Metall, Jan Otto, kam nach der jüngsten Ankündigung von Bombardier auf eine Formulierung vom Januar zurück. Da hatte er vor den Bombardier-Managern für den Fall von Stellenstreichungen „eine andere Gesprächskultur“ angekündigt. „Dann sitzen wir nicht mehr so gemütlich zusammen.“ Das wird jetzt auch passieren: „So nicht! Wir greifen jetzt an“, erklärte Otto am Mittwoch. „Wenn es an die Arbeitsplätze geht, machen wir nicht mit.“

Deutliche Worte kamen auch aus dem Betriebsrat. „Mit drastischem Personalabbau lassen sich vielleicht die Aktienmärkte beeindrucken. Bestehende Probleme werden dadurch jedoch eher verschärft als gelöst“, sagte Michael Wobst, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates der deutschen Bombardier Transportation. „Zur Zukunftssicherung der Standorte und Arbeitsplätze in Deutschland erwarten wir deshalb vom Management, das Unternehmen endlich zukunftssicher zu gestalten.“

Ostsachsens IG-Metall-Chef Otto erhofft konkretere Aussagen zu einzelnen Werken von einer außerordentlichen BombardierAufsichtsratssitzung an diesem Freitag. IG Metall und Betriebsräte wollen am 4. März auf einer gemeinsamen Konferenz einen Aktionsplan erarbeiten, „der zeigt, dass es auch anders geht. Gemeinsam soll eine Strategie für die Abwehr der Kahlschlagpläne und für die Sicherung der Zukunft der Bombardier-Standorte entwickelt werden.“ Auch Aktionen an einzelnen Standorten seien geplant.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. fragwürdigeStrategie

    In Zeiten aufkommender starker Konkurrenz versucht man eigentlich besonders hart die Marktanteile zu verteidigen. Die Gewinn-sparte, noch dazu bei aufkommender Konkurrenz, für eine Krisensparte ins Risiko zu ziehen, kann zu 2 Krisensparten führen. Für die Flugzeugsparte hätte man neue Anteilseigner ohne Ausschlachtungsinteressen anwerben sollen. Bessere Züge zu bauen, höhere Marktdurchdringung und Kundenpflege, wären wohl die besseren Lösungs- strategien gewesen.

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