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Montag, 14.04.2014

Böse Knochen

John Klinger gilt als der beste Wrestler Europas. Nun plant er seinen Durchbruch in Amerika und pflegt sein Image in Dresden.

Von Henry Berndt (Text) und Ronald Bonss (Foto)

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John Klinger alias Bad Bones zerriss sich schon als Vierjähriger sein Hemd wie Hulk Hogan.
John Klinger alias Bad Bones zerriss sich schon als Vierjähriger sein Hemd wie Hulk Hogan.

© Bonss

Nicht doch an den Ohren! Dieser bärtige Brite zieht den legendären Bad Bones doch tatsächlich an Ohren nach oben, nur um ihn kurz darauf wieder krachend auf die Bretter zu schicken. Bad Bones hat Probleme, ganz klar. Aus seinem Gesicht spricht der Schmerz. Mit letzter Kraft streckt er dem Publikum seinen zitternden Arm entgegen. „Bones, Bones, Bones!“, bellen die Fans vor dem Ring. „Winner, Winner!“, ruft Sha Samuels zurück, bevor er vom plötzlich wieder genesenen Bad Bones überrumpelt wird. Mit den Füßen voran springt Bones den Briten vom obersten Seil aus in die Parade. 250 Zuschauer im Alten Schlachthof zu Dresden toben.

Es ist der erste Kampf des Abends, aber die Fans sind schon auf Betriebstemperatur. Beim Einmarsch haben sie nur ihren Helden Bad Bones gefeiert. Für seinen übellaunigen Gegner gab es „Pfui“-Rufe und heruntergestreckte Daumen. Das Publikum ist jung und überwiegend männlich. Affinitäten zur Metal-Szene sind unverkennbar. Aber auch einige Familien haben sich auf den Weg gemacht. Zwei mal füllte die Westside Xtreme Wrestling, Deutschlands größter Wrestling-Verband, im vorigen Jahr den Club „Tante Ju“ in Dresden. Diesmal ist die Halle schon größer.

Übersetzt heißt „Wrestling“ nichts anderes als „Ringen“. Und doch hat es mit der olympischen Sportart, von der es abstammt, nicht mehr viel zu tun. Die Welt des professionellen Wrestlings ist für Außenstehende nur schwer zu begreifen. Sie haben Mühe zu verstehen, warum sich kostümierte Muskelpakete gegenseitig durch den Ring werfen, obwohl jeder weiß, dass alles nur Show ist. Über Sieg und Niederlage, unfaire Attacken und überraschende Wendungen hat längst ein Regisseur entschieden. Dem echten Fan in der Halle oder vor dem Fernseher ist das egal. Er fiebert mit, als sei es ein sportlicher Wettstreit mit immerhin überdurchschnittlichem Unterhaltungswert.

Früher nannte man Wrestling hierzulande noch Catchen. Nach britischer Tradition stand lange der Sport im Vordergrund. In den 80er-Jahren wurde das Catchen zunehmend vom amerikanischen Show-Wrestling verdrängt und steuerte in den 90ern dank amerikanischer Idole wie Hulk Hogan und dem Undertaker auf seinen vorläufigen Höhepunkt zu. In den Zeitungsläden lag zeitweise ein halbes Dutzend teurer Wrestling-Magazine. Der Fernsehsender RTL2 fuhr im Spätprogramm Traumquoten ein. Deutschland wurde zum drittgrößten Markt nach den USA und Japan.

Überall im Land kämpften jetzt Kinder mit ihren Bettdecken, so auch ein kleiner Junge aus Bitburg in Rheinland-Pfalz. John Klinger war vier Jahre alt, als er im Fernsehen Hulk Hogan zujubelte. „Ich wollte mir so wie er mein T-Shirt zerreißen, habe es aber nicht geschafft“, erinnert er sich. Seine Mutter musste das Hemd erst einschneiden, dann klappte es.

Wer wollte damals nicht alles Wrestlingstar werden, wenn er groß ist. Während die meisten später dann aber doch Bäcker oder Anwalt wurden, zog John Klinger seinen Plan durch. In der Hamburger Wrestlingschule lernte er, wie man den Gegner gefahrlos in die Mangel nimmt, auf den Ringseilen läuft und krachend auf den Ringboden fällt, ohne sich wehzutun. Ein Berufs-Wrestler muss alles sein: durchtrainierter Kämpfer, Stuntman, Schauspieler und Geschäftsmann.

Die Mühe hat sich gelohnt, heute gehört John Klinger unter seinem Künstlernamen Bad Bones (Böse Knochen) zu den bekanntesten und erfolgreichsten Wrestlern Deutschlands. Für nicht wenige ist der 29-Jährige sogar der Beste in ganz Europa. Vor wenigen Wochen wurde er nach einer gewonnenen Fan-Abstimmung im Internet als erster Deutscher nach 15 Jahren in eine amerikanische Liga eingeladen und kämpfte unter anderem gegen Samoa Joe, einen der derzeit angesagtesten US-Stars überhaupt. Bones war chancenlos, aber jetzt hat er den Fuß in der Tür. Als „German Psycho“, wie ihn die fanatischen US-Fans schon liebevoll betiteln, könnte er den Sprung in die erste Liga schaffen. Schon mehrfach war er im Fernsehen zu sehen, auch in Deutschland auf Sky und Sport1.

Mit seinem kahlrasierten Schädel und dem Henriquatre-Bart sieht Klinger aus wie der böse Bruder von Stefan Raab. Seit er 2005 im Ring debütierte, hat er sich einen Charakter erarbeitet, und vor allem das zählt in der Branche. „Du musst nicht der Stärkste sein“, sagt er, „du musst nur der Beste sein.“ Am Fanartikelstand im Alten Schlachthof gibt es neben Autogrammkarten auch Bad-Bones-T-Shirts. 2007 erschien eine DVD mit einer vier Stunden langen Dokumentation über ihn. Der Titel: „The Psycho in me.“

Klinger managt sich selbst, liebt den Papierkram zu Hause am Schreibtisch, der ihm als freiberuflichen Künstler stetig neue Aufträge verschaffen muss. An 250 Tagen im Jahr tourt er durch die Welt, auch in Japan war er schon. Insgesamt brachte er es bislang auf etwa 1.000 Kämpfe. Wrestling ist ein Kampf um Aufmerksamkeit. Mit tätowiertem Oberkörper, Stiernacken und grimmigem Blick hat man da schon mal gute Karten. Gegen Bones gestählten Körper wirken die anderen Kämpfer in Dresden wie Tüten voller Wackelpudding.

„Ganz zufrieden bin ich nie, aber die Richtung stimmt“, sagt Klinger mit Blick auf seine Oberarme. „80 Prozent sind Essen, 20 Prozent Training.“ Er muss es wissen, denn Klinger ist staatlich geprüfter Diät-Assistent. In diesem Beruf arbeitete er vier Jahre, bevor er ab 2009 mit dem Wrestling genug Geld verdiente, er schrieb Speisepläne für Sportler und Diabetes-Patienten in Krankenhäusern. Klinger selbst isst sieben Mahlzeiten am Tag: Steak, Eiweißshakes, Hühnerbeine, insgesamt etwa 5.000 Kalorien täglich. Von nichts kommt nichts. Die einschlägig bekannte Internetseite genickbruch.com verrät, dass er derzeit 108 Kilogramm auf die Waage bringt.

Auch ein bärtiger Brite darf sich vor so einem Ungetüm fürchten. Der Ringrichter beim Kampf in Dresden kommt wie Klinger aus Bitburg. Aber kein Thema, dessen Rolle beschränkt sich sowieso weitgehend auf das Zählen von eins bis drei. Auch als Bones und der Brite ihre Prügelei außerhalb des Ringes fortsetzen, zuckt der Referee nur mit Schultern. Bones hat sich jetzt endgültig berappelt und schleudert Samuels zur Freude der Zuschauer mit dem Kopf in die Ringecke. Vielleicht packt er ja auch noch seinen gefürchteten Kryptonite Krunch Spear oder den Spinning Backbreaker aus? Der Kampf wogt hin und her. Beide werden mehrfach angezählt. Nicht alles sieht aus der Nähe betrachtet wirklich echt aus, vor allem die Schläge auf den Kopf mit gleichzeitigem Aufstampfen. Doch die Fans feiern die Illusion.

Über die geplanten Handlungen und Showeinlagen zu reden, das kommt für Bad Bones nicht infrage. „Es geht nicht um Leben und Tod, aber es wird auch nicht viel abgesprochen“, sagt er nur und fragt vielsagend hinterher: „Wer will das denn überhaupt wissen? Zauberer verraten doch auch nicht ihre Tricks.“

Wer zum Wrestling kommt, der will unterhalten werden. Das geht den 250 Fans im Alten Schlachthof nicht anders als den 75.000 Fans im Superdome von New Orleans, die sich vor wenigen Tagen zur WrestleMania zusammenfanden, dem größten Wrestling-Ereignis der Welt. Irgendwann will auch John Klinger vor so einem Publikum sein Können zeigen, doch der Weg dorthin ist noch weit. „Wrestling erlebt gerade in allen Ländern einen Aufschwung“, sagt er. Nach der Saure-Gurken-Zeit zu Beginn des neuen Jahrtausends sollen Hulk Hogans Erben auch in Deutschland wieder vom Nischen-Event zur Massenveranstaltung werden. Und Big Bones will dabei sein.

Der übellaunige Sha Samuels in Dresden darf da natürlich keine Hürde sein. Nach zehn Minuten reicht es Bad Bones und er knockt den Briten humorlos aus. Während der Gegner geschlagen aus der Halle torkelt, lässt sich der Sieger in allen vier Ringecken feiern. Noch einmal posiert Klinger in finsterer Pose, dann folgt der triumphale Abgang. Der Regisseur hat es gut mit ihm gemeint.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Jens

    Ihr unkritischer Artikel ebnet mit erschreckender Naivität der Gewaltverherrlichung Tür und Tor: Menschen, und auch Kinder (siehe Ihr Artikel), die schreien und klatschen, wenn anderen Schmerzen zugefügt werden (egal, ob Show oder nicht), gehören behandelt. Und Kinder haben dort nichts zu suchen. -- Morgen berichten Sie wieder voller Entsetzen über einen Jugendlichen, der einfach mal zuschlägt (oder ähnliches). Und Ihr Artikel wird wieder nach Motiven fragen und sich über die Senkung der Gewaltschwelle wundern…

  2. TP

    mimimimimimimi...

  3. Maiko

    Lieber Jens, beim Boxen ist das "Ziel" sogar den Gegne real auszuknocken - aber ganz Deutschland liebt es. Beim Wrestling ist dies alles nur Show und niemand will sich absichtlich verletzen oder Schmerzen zufügen. Eine differenziertere Betrachtungsweise wäre also angebracht. Dass Kinder nichts beim Wrestling zu suchen haben, steht jedoch außer Frage.

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