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Donnerstag, 06.02.2014

Blutfreies Operieren

Das Uniklinikum hat einen neuen Simulator. Junge Ärzte können daran üben, bevor es an die echten Patienten geht.

Von Juliane Richter

Das Uniklinikum macht pro Jahr etwa 3.200 Bauch-Operationen. Professor Weitz (li.) zeigt am neuen Simulator, wie durch zwei kleine Löcher in der Bauchdecke ein Blinddarm entfernt wird. Assistenzärztin Johanna Kirchberg (re.) übt mit dem Gerät.
Das Uniklinikum macht pro Jahr etwa 3.200 Bauch-Operationen. Professor Weitz (li.) zeigt am neuen Simulator, wie durch zwei kleine Löcher in der Bauchdecke ein Blinddarm entfernt wird. Assistenzärztin Johanna Kirchberg (re.) übt mit dem Gerät.

© André Wirsig

Der Druck ist groß: Klemmt Professor Jürgen Weitz die Gefäße nicht schnell genug ab, steigt das Wasser über die kritische Marke und die Operation ist vorbei. Moment, Wasser? Richtig. Am neuen OP-Simulator versucht sich der Chirurg in den Grundtechniken des Operierens. Damit auch hier das Gefühl von Zeitdruck aufkommt, steigt auf dem Monitor Wasser in dem Becken, in das Blutgefäße baumeln. „Wenn ich das nicht schaffe, wird mir dann mein Professorentitel aberkannt?“, fragt Weitz lachend.

Auch wenn das Ganze an ein Computerspiel erinnert und die Ärzte kurzzeitig zum Scherzen bringt, hat der Simulator einen ernsten Hintergrund. Chirurg Weitz erklärt: „Studien haben gezeigt, dass junge Ärzte geschickter und mit weniger Fehlern einen Menschen operieren, wenn sie das vorher schon an einem Simulator geübt haben.“ Etwas mehr als 100 000 Euro hat das Klinikum für das neue Gerät ausgegeben, an dem jene Eingriffe im Bauchraum trainiert werden, bei denen die Ärzte keine großen Schnitte machen. Stattdessen bringen sie durch zwei kleine Bauchlöcher die Instrumente samt einer Kamera ein. So steuern sie außerhalb des Körpers, was sie innerhalb operieren. Auf diese Art werden schon seit Jahren Blinddärme und Gallen entfernt, oder auch gynäkologische sowie Prostata-Operationen durchgeführt.

Dreidimensional umdenken

Bisher gab es jedoch nur wenige Möglichkeiten für angehende Ärzte, die einzelnen Operationsmethoden zu üben. Professor Weitz selbst hat einst in seiner Ausbildung in den USA an Schweinen geübt. Hierzulande werden einige wenige, aber teure Seminare angeboten. Durch das neue Gerät ist das Uniklinikum nun von diesen Angeboten unabhängig.

Die rund 30 Assistenz-Ärzte können frei über das Gerät verfügen und üben. Nachwuchsärztin Johanna Kirchberg hat sich bisher dreimal daran versucht. Mit zwei Greifinstrumenten, wie sie auch bei einer richtigen Operation verwendet werden, steuert sie die Bewegungen im virtuellen Körper. Das Ergebnis sieht die junge Ärztin auf dem Monitor. Dort versucht sie nun, einen entzündeten Blinddarm zu entfernen. „Das Schwierige ist, dass man im dreidimensionalen Raum arbeitet, auf dem Monitor aber nur zwei Dimensionen sieht. Das erfordert wirklich Übung“, sagt die 30-Jährige. Würde sie ihre Instrumente falsch bewegen, könnte Johanna Kirchberg im Ernstfall wichtige Adern treffen und eine Blutung hervorrufen oder aber ein anderes, naheliegendes Organ verletzen. Die Simulation ist äußerst realistisch: Der Arzt arbeitet im Stehen, so wie auch am richtigen OP-Tisch. Zudem spürt man über die Greifinstrumente einen Gegendruck, wenn der Arzt irgendwo anstößt oder hängenbleibt. Das alles ist so anstrengend, dass schon nach kurzem Training die Belastung für Arme und Schultern deutlich spürbar ist.

Hinzu kommen verschiedenste Schwierigkeitsstufen. Am Anfang wird der Umgang mit den beiden Greifarmen geübt. Zum Beispiel, indem der Arzt auf dem Bildschirm Gegenstände sieht, die er aufnehmen, an den anderen Greifer übergeben und anschließend ablegen muss. Später kommen die Operationen an den Organen hinzu. Das steigert sich noch, indem der Übende zum Beispiel zunächst einen normal entzündeten Blinddarm operiert, später dann aber einen geplatzten. Auch andere Szenarien sind denkbar, wie unerwartet auftretende Blutungen.

„All das soll den Assistenzärzten helfen, später am realen OP-Tisch schnell die richtigen Entscheidungen zu treffen“, sagt Professor Weitz. Er vergleicht es mit der spektakulären Notlandung eines Airbus auf dem Hudson River in New York im Jahr 2009. Eine solche Landung könne zuvor lediglich am Simulator geübt werden. Zunächst sollen nur die Ärzte der Uniklinik das neue Gerät nutzen. Später soll es auch für das Training auswärtiger Kollegen angeboten werden.

Noch vor wenigen Wochen, bevor die Uniklinik das neue Gerät hatte, mussten Assistenzärzte vor allem durch das Zuschauen beim Oberarzt die richtige Technik lernen. Schritt für Schritt durften sie dann bestimmte Dinge selber machen. „Aber irgendwann kommt der Moment, da muss man allein operieren“, sagt Weitz. Angst sei da programmiert. Der Simulator soll ein wenig Angst nehmen und dafür Sicherheit geben. „Zu einer richtigen Operation ist das Adrenalin dann aber trotzdem da. Wir sind uns schließlich immer bewusst, dass es um das Leben eines Menschen geht“, sagt Johanna Kirchberg.

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