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Montag, 17.08.2009

Blubberblasen im Yachthafen

Im Rostock sind neun Seehunde und ein Wissenschaftsteam baden gegangen – und Touristen dürfen ihnen zuschauen.

Von Frank Tausch

Sie haben das Schiff auf den Namen „Lichtenberg“ getauft. Zünftig eine Flasche Sekt an die Bordwand geschmettert. Nur dass die Flasche in einem Leinenbeutel steckte. Keine Scherbe sollte zum Meeresgrund trudeln, der hier bis auf sechs Meter Tiefe abfällt. Schließlich ist er der Lebensraum der halben Crew. Während auf dem Schiff die Wissenschaftler ihren Arbeitstag beginnen, tauchen Moe, Filou, Marco, Sam, Malte, Bill, Luca, Nick und Henry fröhlich unter ihren Füßen.

Seit wenigen Wochen ist die Robbenforschungsstation in Rostock voll in Betrieb. In der Fischküche klappert das Messer. Mit einem Platsch landen die halbierten Heringe im Eimer. Den nimmt Meike Kilian mit, ebenso wie die Ohrenschützer. Sven Wieskotten hat den Kunst-Fisch am Haken. Dann fehlt nur noch die Hauptperson. „Henry, komm“, ruft Meike Kilian, und ein Seehund wuchtet seinen Körper über die Absperrung aus schwarzen Schwimmpontons hinein in das kleinere Versuchsbecken.

Forschung im Meer

Es ist eine einzigartige Anlage. Gleich hinter der Einfahrt zum Yachthafen Hohe Düne ist das Forschungsschiff fest vertäut. Ein ehemaliges Schiff der Berliner Weißen Flotte, breit und lang und flach. Vor den eckigen Panoramascheiben eilen kleine Ostseewellen geschäftig vorbei. Ein Steg führt an einer Seite des Schiffes zur Mole, der alten Ostmole der Warnow. Auf der anderen spannt sich ein Unterwasserkäfig. Ein Netz umgibt 60 mal 30 Meter Ostsee, auf den schwarzen Schwimmpontons, die es im Rechteck halten, steht noch ein etwa anderthalb Meter hoher Maschendrahtzaun. Seehunde sind gelenkig. Ruhig und scheinbar schwerelos gleiten sie durchs Wasser, stromlinienförmige Körper, mit einem Fell, das so dicht anliegt, dass die Tiere aussehen wie lackiert. Die Größten so lang wie ein Mann, mit bis zu 130 Kilogramm Gewicht ordentlich schwer. Manche sind fast schwarz, andere schimmern silbrig oder braun, Kringel und Flecke zieren ihr Fell.

„Ich war täglich acht Stunden im Neoprenanzug im Wasser, als wir hier gebaut haben“, sagt Nele Gläser. Die blonde, schlanke Diplom-Biologin ist mit dem ganzen Team und den Tieren im vergangenen Jahr aus Köln gekommen. Schon seit 1999 wird dort unter Leitung von Professor Guido Dehnhardt intensiv an Seehunden geforscht, die im Kölner Zoo Deutschlands größte Robbenanlage bewohnten. Wie guckt so ein Seehund? „Treuherzig“, würde man als Laie sagen. Den Wissenschaftlern geht es um die Sinnesleistungen der Tiere. Die Forschung im Meer, dem eigentlichen Lebensraum der Tiere, war immer ein Traum der Kölner. Der wahr wurde, als ihre Forschungsarbeit von der Volkswagen-Stiftung mit 1,5 Millionen Euro unterstützt wurde. Sie suchten einen Platz für ihr Vorhaben und wurden in Rostock fündig. Mit der Universität gibt es das wissenschaftliche Hinterland, mit dem Yachthafen Hohe Düne einen geeigneten Liegeplatz und mit der Ostsee ein Meer, in dem Seehunde heimisch sind und die Bedingungen ganz real.

Seehund mit Kopfhörern

Nele Gläser lehnt sich an die Reling und erklärt die Arbeit ihrer Kollegen. Die haben Seehund Henry inzwischen eine Gesichtsmaske angelegt und Kopfhörer aufgesetzt. Blind und taub ist das Tier jetzt und doch soll es der Spur des Kunstfisches folgen, den Sven Wieskotten jetzt durchs Wasser führt. Henry hat keine Mühe. Er kann Spuren im Wasser lesen, so wie ein guter Fährtenhund an Land. Ein Seehund erkennt, wann ein Fisch vorbeischwamm, aus welcher Richtung er kam und wohin er verschwand. Sogar welche Art Fisch es war, können Seehunde feststellen. Es sind ihre Barthaare, die wie feinste Fühler arbeiten und ihnen im großen grauen Meer bei der Jagd helfen. So fein arbeitet kein von Menschenhand produzierter Sensor. Aber wenn er das könnte, würde ein Roboter zum Sensibelchen.

Wieder und wieder taucht Henry, wieder und wieder zieht Wieskotten, der Hydrodynamiker im Team, den geruchlosen Kunstfisch durchs Wasser. Messreihe um Messreihe füllt sich. Ab und an bekommt Henry einen echten Hering, zum Fressen. „Wir arbeiten mit Belohnung“, sagt Nele Gläser. Es gibt keine Fütterzeiten an Bord, es geht nicht zu wie im Zoo. Die Seehunde, allesamt Männchen, sind reine Arbeitstiere.

„Seehunde sind unglaublich motiviert, dazu gelehrig, sehr neugierig, lebhaft und experimentierfreudig“, sagt Nele Gläser. „Delfine brauchen zum Lernen oft deutlich länger.“ Wie zur Bestätigung reckt ein Seehund seinen Kopf aus dem Wasser und fixiert die Biologin. Er sieht ein bisschen nach einer Mischung aus einem Baby mit großen Kulleraugen und lustigem alten Herrn mit putzigem Schnurrbart aus. Unwiderstehlich. „Das ist Malte, mein Seehund“, sagt Nele Gläser und lächelt. Malte wartet schon auf seinen Einsatz, er hat Nele Gläsers Stimme gehört.

Die 27-Jährige arbeitet an Experimenten zur mentalen Rotation. Sie erforscht für ihre Doktorarbeit, wie sich Seehunde orientieren, wenn sie im offenen Meer unterwegs sind. Wie sie Objekte, aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, wahrnehmen. Es sind komplizierte Experimente, es ist ja auch ein kompliziertes Thema. Ein halbes Jahr Training kann erforderlich sein, bis das Tier für den Versuch bereit ist. Zunächst lernt es, identische Objekte anzuzeigen. Der Seehund wird dann mit der Nase auf Bocciakugeln drücken.

Mit den Tieren wird täglich gearbeitet, auch am Wochenende. Da gibt es Gruppentraining. In der Futterküche der „Lichtenberg“ hängt der Plan der Forscher, in den sie ihre Experimente eintragen. Sie haben im Wasser einen abgetrennten Versuchsbereich, in dem die anderen Seehunde nicht stören, und eine schwimmende Plattform. Sie haben ihre Büros an Bord des Schiffes, ein Labor, einen Seminarraum. Dass ihr Arbeitsplatz mitunter leise schwankt, daran haben sie sich längst gewöhnt.

Pfiffe und Handzeichen

„Es ist Luxus, so zu arbeiten“, sagt Nele Gläser. Noch bleiben sie mit den Tieren innerhalb des abgegrenzten Areals. Aber künftig soll es auch Forschung im offenen Meer geben. Das gibt ganz neue Möglichkeiten, etwa um herauszufinden, wie Seehunde Strömungen im Meer lesen und zur Orientierung nutzen. Die Leistungen vieler Meeressäuger sind enorm – aber immer noch in hohem Maße unerklärlich. Ein Seehund schwimmt 50 Kilometer ins Meer hinaus, um zu jagen, und findet zielgenau zu seiner Sandbank zurück, auch bei Dunkelheit und schwerer See. Eine ganze Robbenkolonie, die einen Hafen bevölkerte, wurde mit einem Hubschrauber einige Hundert Kilometer entfernt in einen neuen Lebensraum geflogen – alle Tiere schwammen geradewegs zurück.

Filou hat den erweiterten Lebensraum schon getestet. Er ist einer der kleinsten und jüngsten Seehunde in der Forschungsstation – mit drei Jahren noch ein rechter Teenager. Filou hat prompt ein Loch ins Netz gebissen und schwamm plötzlich draußen herum, Moe folgte. Aber beide Seehunde kamen auf Kommando zurück. Sie reagieren wie Hunde auf Zurufe, außerdem auf Pfiffe und auf Handzeichen – für den Fall, dass der allgegenwärtige Wind an der Küste die Töne verweht. Seitdem wird das Netz bei Tauchgängen kontrolliert.

Die Tiere müssen erst noch an ein Boot gewöhnt werden und an ein Rückrufsignal. Aber sie haben sich für einige Jahre an der Ostsee eingerichtet. Weltweit dürfte nur noch die US-Navy so umfangreich mit Meeressäugern arbeiten, wie es die Rostocker Forscher tun. Die Erkenntnisse können vielen Bereichen zugutekommen. So haben sich die Barthaare der Seehunde als außerordentlich strömungsstabil entpuppt. Sie sind nicht rund, sondern flach, mit einer wellenförmigen Struktur versehen. „Das lässt sich nutzen, etwa beim Bau von Windkraft-Offshore-Anlagen. Die müssen bei Windströmungen stabil sein“, sagt Nele Gläser.

Neun Kilo Hering täglich

Touristen dürfen den Forschern bei ihrer Arbeit im Yachthafen zuschauen. Tausende waren schon da. Vom Sonnendeck der „Lichtenberg“ aus lassen sich die Tiere und die Wissenschaftler bei ihren Experimenten beobachten. Sogar schwimmen und tauchen kann man mit den Seehunden – nach Vereinbarung und gegen ein ordentliches Entgelt. Die Eintrittsgelder helfen, das kostenintensive Projekt zu finanzieren. Allein die Futterkosten sind immens – im Winter vertilgt ein Seehund bis zu neun Kilogramm Hering täglich.

Im Sommer, wenn die Tiere keine so dicke Speckschicht brauchen, reichen auch zwei bis drei Kilogramm Fisch pro Nase. Der kommt aus dem Großmarkt in Rostock. In den nächsten Jahren könnten weitere Seehunde in die Forschungsstation einziehen. „Platz haben wir noch“, sagt Nele Gläser. Allerdings nur Männchen, denn züchten wollen die Wissenschaftler nicht. Männchen sind in vielen Zoos sogar überzählig. In ihren 8000 Kubikmeter Ostsee benehmen sich die Seehunde zur Paarungszeit wie ihre wilden Verwandten. „Wir machen tolle Blubberblasen, wir knurren, wir klatschen auf das Wasser, nicht wahr, Jungs?“, sagt Nele Gläser von der Reling aus zu den neun Seehundköpfen, die erwartungsvoll über das Wasser zu der Biologin schauen. Dann geht sie in ihrem leuchtend roten Anzug auf die Plattform, spreizt alle fünf Finger einer Hand zum Wasser hin, gibt das Kommando: „Malte, komm!“ und beginnt ihre Arbeit mit dem herbeigesprungenen Tier.