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Donnerstag, 03.09.2015

Billige Gerüchte

Angeblich bezahlen Flüchtlinge in Supermärkten und Geschäften nicht. Das entspricht nicht der Wahrheit.

Von Jana Mundus und Lars Kühl

Die Geschäfte in Dresden setzen auf moderne Überwachungstechnik. Kameras in Supermärkten sind keine Seltenheit.
Die Geschäfte in Dresden setzen auf moderne Überwachungstechnik. Kameras in Supermärkten sind keine Seltenheit.

© dpa

Ein Kunde wägt ab, ob er die Waffelpackung mitnehmen soll, ein anderer hält sich eine Jeanshose vor die Beine. Ein dritter hat sich bereits für eine Chipstüte entschieden. Ansonsten laufen nicht viele durch die Regalreihen. Überfüllt ist was anderes. Das einzig Auffällige ist, dass die meisten Menschen im Aldi-Markt an der Hamburger Straße gestern kurz nach dem Mittag augenscheinlich Flüchtlinge sind. Ansonsten verhalten sie sich ganz normal wie deutsche Kaufwillige auch.

Geht es nach einem Gerücht, das sich hartnäckig in der Stadt hält, sieht die Realität ganz anders aus: Lebensmittel werden von den Asylbewerbern angeblich einfach aufgerissen und noch im Markt verzehrt. Anderes wird eingesteckt und mitgenommen, ohne zu bezahlen. Die Kassierer würden einfach dabei zusehen. Sind sie doch angewiesen, den „Ladendiebstahl“ nicht bei der Polizei anzuzeigen. Jetzt sei es so weit, dass der Aldi auf der Hamburger Straße schließen muss. So wird es sich erzählt.

„Das ist definitiv falsch“, erklärt André Weihnacht, Verkaufsleiter der Aldi-Gesellschaft in Wilsdruff. Er ist auch zuständig für die Märkte in der Landeshauptstadt. Natürlich kämen durch das nahe gelegene Zeltlager in der Bremer Straße derzeit viele Flüchtlinge in die Filiale. Diese würden aber ganz normal einkaufen. „Und sie bezahlen natürlich an der Kasse – mit Bargeld.“ Irgendwelche Gutscheine oder andere Bezahlmarken, die mancher Kunde bei ihnen gesehen haben will, gibt es nicht.

Beliebt bei den Flüchtlingen seien vor allem Snackartikel, wie Kartoffelchips, Pistazien oder Nüsse. Probleme mit den Ausländern gäbe es nur manchmal in Sachen Verständigung. Darauf hätten sich die Mitarbeiter aber eingestellt. „Wir heißen alle Kunden willkommen, egal aus welchem Land sie kommen“, sagt Weihnacht. Wenn deutsche Kunden den Markt nun meiden, weil dort Flüchtlinge einkaufen, sei das eben so. „Solche Meinungen gibt es leider. Aber das ist zum Glück die Ausnahme.“

Betreuung beim Einkaufen

Doch die Gerüchte treiben immer wildere Blüten. Aldi und auch andere Supermärkte würden die durch Diebstahl entstandenen Verluste, verursacht von den Flüchtlingen, aufschreiben und der Stadt melden. Die Verwaltung würde die Rechnung dann bezahlen. „Uns sind diese Gerüchte bekannt, sie entbehren aber jeglicher Grundlage“, äußert betont Stadtsprecher Kai Schulz. Und er wird sehr deutlich: „Wer solche Gerüchte verbreitet, sollte dringend ärztlichen Rat über seine geistige Gesundheit einholen.“ Für Flüchtlinge, die in der Obhut der Stadt Dresden sind, gebe es eine Betreuung durch Sozialarbeiter. „Dies kann durchaus umfassen, dass der Einkauf in hiesigen Supermärkten durch Flüchtlinge ,erlernt‘ werden muss.“ Mit Diebstahl oder dergleichen habe dies aber nichts zu tun, „sondern ausschließlich mit der Frage, wie ein solcher Einkauf ganz technisch funktioniert“.

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In sozialen Netzwerken kocht die Gerüchteküche dagegen kräftig weiter. Auf Facebook finden sich Darstellungen, wonach sich Flüchtlinge in den Geschäften an der Prager Straße einfach bedienen würden. Bei der Filiale der Bekleidungskette s.Oliver beispielsweise hätten Asylsuchende angeblich Klamotten einfach mitgenommen, ohne zu bezahlen. Das will eine Sprecherin des Unternehmens so allerdings nicht stehen lassen. Generell würden alle Diebstähle gemeldet und zur Anzeige gebracht. „Nach interner Recherche können wir die Vorkommnisse nicht bestätigen“, erklärt sie. „Die Behauptungen in Bezug auf s.Oliver sind falsch.“

Auch über die Centrum-Galerie machen die Gerüchte die Runde. „Weder dem Centermanagement noch dem von uns beauftragten Wachdienst, der für die Sicherheit zuständig ist, sind derartige Fälle bekannt“, sagt Chef Dirk Fittkau. Er bezeichnet solche Gerüchte als hanebüchen. „Und das ist der mildeste Ausdruck dafür, was ich von derartigen Einträgen in sozialen Netzwerken halte.“ Auch die Behauptung, die Stadt würde für die durch diesen angeblichen Diebstahl entstandenen Schaden aufkommen, sei Quatsch. Mit Blick auf die eh schon angespannte Finanzlage der Stadt kommentiert er ironisch: „Man kann ja mal beim Stadtkämmerer anrufen und fragen, was er dafür für ein Budget hat.“

Keine aussagekräftigen Zahlen

Bei der Dresdner Polizei sind die Gerüchte auch nicht unbekannt. „Aber niemand kann das hier bestätigen“, erklärt Sprecherin Jana Ulbricht. Ob es allerdings in den vergangenen Wochen einen Anstieg bei Ladendiebstählen mit Beteiligung von Asylbewerbern gegeben hat, dazu liegen im Moment noch keine aussagekräftigen Zahlen vor. „Wenn ein Diebstahl bekannt ist, nehmen wir das auf. Egal, wer das ist, und egal, wo das ist.“