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Montag, 11.09.2017

Betteln auf der Prager Straße

Auch Straßenmusiker wollen auf der Dresdner Einkaufsmeile Geld machen. Für Ordnungshüter gibt es jeden Tag viel zu tun. Die SZ hat sie begleitet.

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Stundenlang kniet der ältere Mann vor dem Eingang zur Altmarkt Galerie auf dem Boden und bittet die Passanten um Geld.
Stundenlang kniet der ältere Mann vor dem Eingang zur Altmarkt Galerie auf dem Boden und bittet die Passanten um Geld.

© Christian Juppe

  • Stundenlang kniet der ältere Mann vor dem Eingang zur Altmarkt Galerie auf dem Boden und bittet die Passanten um Geld.
    Stundenlang kniet der ältere Mann vor dem Eingang zur Altmarkt Galerie auf dem Boden und bittet die Passanten um Geld.
  • Zu laut, zu oft, zu lange – nach vielen Beschwerden über die Straßenmusiker führte die Verwaltung in diesem Jahr neue Regeln ein.
    Zu laut, zu oft, zu lange – nach vielen Beschwerden über die Straßenmusiker führte die Verwaltung in diesem Jahr neue Regeln ein.

Sein Rucksack liegt unter den Knien. Er hilft gegen die Schmerzen durch den harten Asphalt. Ein älterer Mann kauert vor der Altmarkt-Galerie und bittet um Geld, mitten in der Innenstadt. Die Leute starren ihn an, allerdings nur von Weitem, kaum kommen sie näher, senken die meisten ihren Blick. Überraschend viele zücken ihren Geldbeutel, kramen ein paar Münzen hervor und schmeißen sie in die Mütze, die der Mann vor sich hält. Nur wenige Passanten blicken dem Bettler ins Gesicht.

Kaum ein anderes Thema beschäftigt die Dresdner im Moment mehr als die Bettler auf den Straßen rund um den Altmarkt, am Albertplatz und am Schillerplatz. Neben den bettelnden Kindern, sind auch die Straßenmusiker in der Innenstadt rund um die Prager Straße immer ein Thema. Was passiert eigentlich so an einem Tag auf einer von Dresdens Hauptschlagadern? Eine Tour über die Prager Straße.

Der Bettler bezieht seinen Platz am Vormittag. Um zehn Uhr, wenn die Läden öffnen, ist er da. Die Geschäftsführerin der Altmarkt-Galerie lässt ihn gewähren, solange er nicht zu nah an den Eingang des Einkaufszentrums herankommt, so Nadine Strauß. Sollte das doch der Fall sein, dass Menschen direkt vor dem Center die Passanten um Geld bitten, fordert der Sicherheitsdienst die Bettler freundlich zum Gehen auf, sagt sie. Das klappe immer problemlos. Weiter geht die Tour in Richtung Karstadt. Auch dort: pünktlich zum Öffnen der Läden strömen die Menschen in die Innenstadt. Vor dem Karstadt das gleiche Bild. Allerdings sitzt hier niemand auf dem Boden, um nach Geld zu bitten. Ein kleiner Junge, vielleicht acht Jahre alt, hält den Passanten einen Becher unter die Nase. Einige drehen sich sofort genervt weg, andere öffnen ihr Portemonnaie und geben dem Kind etwas Geld. Doch der Junge muss sich auch einige unangenehme Sprüche anhören: „Geh arbeiten, dann musst du nicht betteln!“ oder „An der nächsten Ecke steht doch dein Vater mit einem dicken Mercedes und holt dich ab, ihr seid doch nicht wirklich arm“. Die Streetworker der Treberhilfe und der Roma-Verband widersprechen dem klar. Die Familien betteln aus Armut, sie haben Probleme bei der Anmeldung bei Behörden. Ohne festen Wohnsitz bekommen sie weder einen Job noch eine Wohnung für sich und ihre Kinder.

13 Platzverweise für Straßenmusiker

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Seit 14. Juli 2017 gilt in Dresden die neue Satzung für die Straßenkünstler. Doch längst nicht alle halten sich daran. Schon über 100 Verstöße registrierte das Ordnungsamt. Die meisten erwischten Musiker spielten ohne Erlaubnis. Die anderen musizierten außerhalb der erlaubten Spielzeit oder an verbotenen Orten.

Bisher war das Ordnungsamt meist kulant. In den meisten Fällen wurden die Regelbrecher verwarnt. Nur einer musste bislang die 50 Euro Bußgeld zahlen. 13 Bands bekamen einen Platzverweis.

Die Stadtmusikanten können ganztags von 9.30 bis 22 Uhr in der Dresdner Innenstadt auftreten. Die Künstler dürfen immer nur eine halbe Stunde an einem Ort spielen und dort jeweils nur einmal am Tag. Dafür müssen sie sich bei der Stadt anmelden. Das geht über eine App, per Computer oder persönlich im Amt. (SZ/jv)

Ebenso pünktlich wie die Passanten zum Shoppen sind auch die Straßenmusiker da. Allerdings dürfen sie zwischen Karstadt und der Treppe am Ufa-Palast nicht spielen, das hat der Stadtrat in seiner neuen Satzung für die Straßenkünstler so beschlossen. Das wurde nötig, nachdem es im vergangenen Jahr Beschwerden gehagelt hatte. Zu laut, zu oft, zu lange hätten die Musiker gespielt, schimpften Anwohner und Händler. Eine Gruppe will gerade vor der Centrum Galerie ihre Instrumente auspacken, da tauchen zwei Männer vom Ordnungsamt auf. Die Band packt ein und geht ein paar Hundert Meter weiter Richtung Bahnhof, dort dürfen sie spielen. Alle 46 Plätze von Neumarkt bis Goldener Reiter, Prager und Wilsdruffer Straße müssen die Mitarbeiter des Ordnungsdienstes kontrollieren. Dabei teilen sich der Stadtordnungsdienst und die besondere Einsatzgruppe auf. Immer zu zweit laufen sie ab 7.30 Uhr Streife.

Eingeführt wurden die neuen Regeln am 14. Juli und seitdem haben schon einige Musiker dagegen verstoßen. Die einen bewusst, die anderen, weil sie diese noch nicht kennen. Insgesamt rund 100 Verstöße hat das Ordnungsamt festgestellt. In 73 Fällen hatten die Stadtmusikanten keine Erlaubnis. 59 spielten außerhalb der erlaubten Spielorte. Die Ordnungshüter waren bisher kulant. In 100 Fällen wurde nur eine Verwarnung ausgesprochen, die 50 Euro Bußgeld musste bislang nur einer zahlen. 13 Musiker kassierten einen Platzverweis.

Doch längst nicht alle Stadtmusikanten verstoßen, bewusst oder unbewusst, gegen die Regeln. Genauso wie es Bands gibt, die ihr Publikum mit schrägem Gesang nerven, gibt es Musiker, die es schaffen, ganze Menschentrauben um sich zu versammeln. So wie James, der am Springbrunnen spielt. Er ist Student aus Dresden und verdient sich mit seiner Gitarre ein paar Euro zum Bafög dazu. „Ich finde die neuen Regeln gut, auch die App zum Anmelden funktioniert“, sagt er. Er wolle die Passanten nicht nerven, sondern gut unterhalten. Genervt waren die Anwohner und Händler vor allem von der osteuropäischen Band, die nur ein einziges Lied in Dauerschleife im Repertoire hatte. Gegenüber des Springbrunnens arbeitet Bernd Junkersdorf in einem Kinderwunschzentrum. Die Klinik hatte sich oft über die Musiker beschwert. Doch jetzt sei es deutlich ruhiger geworden. „Die „Sperrzone“ zwischen Starbucks und Dr.Külz-Ring wird von einigen ,Künstlern‘ nicht eingehalten, aber das lässt sich ertragen“, so der Mediziner. Wichtig sei, dass das Ordnungsamt kontrolliere, sagt er.

Anrücken muss das Ordnungsamt auch, wenn sich Passanten über aggressive Bettler beschweren. 2015 lagen 37 Beschwerden vor, 2016 waren es 109. In diesem Jahr liefen schon 79 Anzeigen ein, so das Ordnungsamt. Läuft man die Prager Straße weiter entlang Richtung Hauptbahnhof, sieht man immer wieder Bettler in der Menschenmenge. Zwischen Passanten mit Tüten und bunt geschminkten Teilnehmerinnen eines Junggesellenabschiedes laufen sie durch die Menge mit Pappbechern in der Hand.

Vor dem McDonald's sitzt Pepe mit seinem Hund. Sein Pappbecher steht vor ihm. Pepe, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, ist Ur-Dresdner, wie er sagt und lebt seit zehn Jahren auf der Straße. Sein Geld verdient er mit „Schnorren“. Begeistert ist er von den bettelnden Kindern nicht. „Seit sie da sind, kommt viel öfter die Polizei vorbei und kontrolliert.“ Pepe sitzt mit seinen Freunden auf der Prager oder am Hauptbahnhof sowie in der Neustadt. Hauptsache, viele Menschen laufen vorbei. Das erhöht die Chance auf einen vollen Becher, sagt er. Auch am Hauptbahnhof ist verstärkt Polizei, beobachtet er. Dort vor allem wegen der Drogendealer. Denn Probleme mit Straßenmusikern und Bettlern gäbe es dort nicht, sagt Sprecher Holger Uhlitzsch.

Der ältere Bettler sitzt indes immer noch vor dem Durchgang zur Altmarkt-Galerie. Irgendwann steht er auf und kauft sich von dem Geld in seinem Becher ein Brötchen beim Bäcker.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 12 Kommentare

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  1. Sören

    Vor einigen Wochen habe ich mal so einem bettelnden Kind, das, auf seinen Bauch deutend, mir Hunger signalisierte, nach seinem Wunsch eine warme Mahlzeit gekauft und mich mit ihm zusammen im Imbiß hingesetzt und das Kind essen lassen. Nach einigen wenigen Bissen war der angeblich so große Hunger gestillt und er sah zu, möglichst schnell wieder verschwinden zu können, freilich dabei nicht zu vergessen, noch einmal auf seinen Becher zu deuten. Wer wirklich Hunger hat, bekommt von mir etwas zu essen - keine Frage, doch Geld gibt es keinen Cent. Weiterhin stellt sich mir die Frage, wieso für diese Bettelkinder nicht das Jugendamt zuständig ist - Stichwort Schulpflicht bzw. Verletzung der Aufsichtspflicht der Eltern.

  2. J.A.Woll

    Die Treberhilfe und der Romaverband sehen das Problem also bei der Anmeldung bei Behörden. Aha. Was macht die Treberhilfe und der Romaverein überhaupt? Warum nehmen Sie die Bettler nicht an die Hand, gehen mit Ihnen zur Behörde, dort bekommen sie eine Wohnung und wenn sie gemeldet sind auch sofort Arbeit. Es gibt doch tausende freie Stellen. Problem gelöst !? Das Problem dürfte ein anderes sein, oder ?

  3. macmue

    Straßenmusiker können das innerstädtische Geschehen durchaus bereichern. Dass das Ordnungsamt strenge Kontrollen durchführt und auf Einhaltung der Vorgaben achtet, ist sehr lobenswert, sollte konsequent beibehalten werden und verhindert Wildwuchs in dieser Hinsicht. Allerdings habe ich keinerlei Verständnis für Bettler jeglicher Art und gab noch nie eine “Spende” in einen ihrer Becher. Deutschland ist ein reiches Land, in dem niemand hungern muss. Das deutsche soziale Netz ist ein so engmaschiges, um das uns andere Länder der Welt beneiden. Freilich scheint es einfacher, die eigenen Kinder mit einem rührseligen Blick zum Geldverdienen rauszuschicken, als sein Problem dem zuständigen Amt vorzutragen oder gar arbeiten zu gehen. Ich bin in einem Unternehmen beschäftigt, das händeringend Arbeitskräfte – auch ungelernte für Hilfsarbeiten – sucht. Und dabei ist unser Betrieb in guter Gesellschaft ...

  4. Wossim

    Das Sören-Erlebnis @1 kann ich komplett bestätigen. Bettelkind klingelt an der Haustür, ich hatte gerade Eintopf fertiggekocht, Kind reingebeten, Eintopftschüssel vorgesetzt. Nach einem Löffel entflieht das Kind. Essen anbieten klappt auch auf dem Parkplatz, wenn man beim Einkauf-einladen angebettelt und bedrängt wird. Nix Euro, stattdessen Apfel rüberreichen, oder was man gerade so da hat, und schon beendet sich die Szene.

  5. MLP00

    Auf der Kamenzer Straße in der Neustadt wird man regelmäßig vor dem Kindergarten/Netto von Roma angebettelt, besonders im Beisein von kleinen Kindern, denen man die komplexe Thematik kaum erklären kann. Als ich kürzlich dort auf die leere Straße trat, kam gerade ein Jugendlicher zügig gelaufen, der bei meinem Anblick reflexartig seine demutsvolle Miene aufsetzte und mit seinem Becher dienerte. Genervt von dem täglichen Schauspiel entgegnete ich ihm ein deutliches "Nein", was er freundlicherweise mit "Verpiss Dich!" in gutem Deutsch quittierte. Am Ende des Tages bleiben vor dem Netto-Eingang übrigens nicht selten die als Sitzgelegenheiten herbeigeschafften Kisten und Decken liegen, nebst Lebensmittel, die von Einkäufern gespendet wurden. Systematisches Plätzetauschen mit anderen Roma-Bettlern und unauffälliges Geldabholen kann man regelmäßig beobachten. Die Bedürftigkeit der bettelnden Roma ist für mich jedenfalls nicht plausibel - eher ein organisiertes Familiengeschäft.

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