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Sonntag, 01.10.2017

Berauschender Auftakt

Die Puppen tanzen, die Musik spielt und der Bürgermeister ruft zum Trinken auf: Das Weinfest in Radebeul ist gestartet.

Von Nina Schirmer

Bunt und laut ging es am Freitagabend beim Festumzug über den Anger in Altkötzschenbroda zu. 50000Besucher werden am ganzen Wochenende erwartet.
Bunt und laut ging es am Freitagabend beim Festumzug über den Anger in Altkötzschenbroda zu. 50 000 Besucher werden am ganzen Wochenende erwartet.

© Norbert Millauer

Radebeul. Der Kontrabass gibt den Beat vor. Dann setzt die Klarinette ein mit ihrem quietschigen Gesang, das Akkordeon summt dazu, die Geige geigt. Und Bacchus, der trinkt. Aus dem größten Glas, das in Radebeul zu finden war. Wie es sich für den Weingott gehört. So ziehen sie am Freitagabend über den Anger in Altkö. Ganz vorn die Winzer mit der Kalebstraube. Der Weingott mit Gefolge samt Weinprinzessinnen und Oberbürgermeister folgen. Die Musiker der Kapela Timingeri aus Polen hinterher. Dann die Stelzentänzer. Jetzt dröhnt eine Tuba.

„Juhu“, ruft irgendwo ein Mann aus der Menge und braucht gar nicht mehr als diese kleine Freudenbekundung, um zu zeigen, wie die Stimmung ist beim Auftakt des Weinfests. Fröhlich. Ausgelassen. Friedlich. Auch Doris Messerle ist schon nach den ersten Minuten verzaubert. „Das sieht alles so schön aus“, sagt die Freiburgerin. Weinfeste kennt sie aus ihrer Heimat natürlich auch. „Aber so riesig mit Musik, Theater und allem Drum und Dran sind die nicht.“ Im letzten Jahr war sie zum ersten Mal in Radebeul. Dieses Mal ist sie schon am Montag angereist, um beim Aufbau des Labyrinths an der Elbe mitzuhelfen. Fünf Tage lang hat sie gewerkelt.

Der Anger sieht gut aus, er klingt, er duftet, er schmeckt. Kein Wunder, dass es viele Leute schon Stunden vor der Eröffnung dort hingetrieben hat. Der Wein mundet auch schon am Nachmittag. Vor der Friedenskirche sind die Sitzplätze ganz zeitig gefüllt. Eine Gruppe Frauen aus Thüringen hat sich dort niedergelassen. Mädelsausflug. Geschlafen wird in Reichenberg, weil in Radebeul alles ausgebucht ist, erzählen sie. An ihrer Stimmung kratzt das nicht. Heim geht’s später mit dem Taxi.

Selbst Herr Böswetter ist nicht ganz so pissig wie sonst. Auch wenn die kauzige alte Puppe mit gebrochenem Bein auf einem mobilen Klostuhl über den Anger rollt. Weingott Bacchus hat auch noch eine Idee. Er will eine Partei gründen, die „Liebe zum Wein“ heißt – „ohne Blau zu sein“. Ringsherum läuft der gute Tropfen in die Gläser. Das Weingut Henke aus Weinböhla hat allein 50 Liter Federweißer nur für den ersten Abend mitgebracht. „Mal sehen, ob das alle wird “, sagt die Verkäuferin. Den Segen des Bürgermeisters haben die Weingenießer jedenfalls. „Behalten Sie unseren Wein in guter Erinnerung und vor allem: Trinken Sie ihn“, ruft Bert Wendsche den Leuten zu. Wer im Hof „Zur Blauen Stunde“ zum Weinglas greift, tut damit nicht nur sich selbst etwas Gutes. Die Radebeuler Rotarier verkaufen dort sächsische Weine. Der Erlös soll in soziale Projekte fließen, sagt Matthias Kratschmer. Gerade sammeln sie für die Opfer der Sturmkatastrophen im Pazifik.

Zur späteren Stunde strahlt sogar der Turm der Friedenskirche. Botschaften von Martin Luther sind dort zu lesen – mit Licht an die Westseite projiziert. 20 Sprüche wechseln an der Mauer. Einer passt besonders gut zum Anlass: „Man kann Gott nicht allein mit Arbeit dienen, sondern auch mit Feiern und Ruhen.“ Für Ruhe bleibt aber auch noch nächste Woche Zeit.

Denn nach der ersten rauschenden Partynacht geht das Feiern am Sonnabend schon am frühen Nachmittag weiter. Ab 14 Uhr spielt die Prager Stimmungskapelle auf dem Kirchplatz auf. Zur selben Zeit geht es auch an anderen Stellen los. Vor allem mit Theater. Das Wandertheaterfestival huldigt in diesem Jahr Europa. Da geht es auch um Verständigung. Wie im Stück der belgischen Compagnie Chemins de Terre. Drei Fremde, die nicht dieselbe Sprache sprechen, unterhalten sich mit Hilfe eines Teesiebs, Beutels und Korkenziehers. Sie treten 14.30 und 18. 30 Uhr hinter der Kirche auf. Ohne Worte kommen auch Punt Moc aus Spanien aus. Sie spielen mit der Vorstellungskraft des Publikums und wechseln unablässig ihre Gestalt im Hoftheater Nummer 15 um 15 und 19 Uhr.

Musik, Tanz, Comedy, Akrobatik und jede Menge Weingenuss gibt es dann wieder bis tief in die Nacht. Ehe am Sonntag der ganze Spaß von vorn losgeht. Juhu!