erweiterte Suche
Freitag, 12.01.2018

Behinderter demonstriert

Dietmar Landsmann stößt nach einer Amputation auf bürokratische Hürden. Das konnte sich der Dippser nie vorstellen.

Von Franz Herz

Mit diesem Schild machte Dietmar Landsmann am Rande des Dippser Weihnachtsmarktes auf sich und sein Problem aufmerksam. Der Dippoldiswalder sitzt im Rollstuhl und ist wegen eines fehlenden Unterschenkels schwer behindert.
Mit diesem Schild machte Dietmar Landsmann am Rande des Dippser Weihnachtsmarktes auf sich und sein Problem aufmerksam. Der Dippoldiswalder sitzt im Rollstuhl und ist wegen eines fehlenden Unterschenkels schwer behindert.

© Egbert Kamprath

Dippoldiswalde. Dietmar Landsmann versteht die Gesetze nicht. Er hat Diabetes. Im vorletzten Jahr wurde ein Zeh schwarz und daraufhin amputiert. Aber dabei blieb es nicht. Ihm musste noch der halbe Fuß abgenommen werden. Und als es Probleme mit der Wundheilung gab, auch noch der Unterschenkel. Seitdem ist er auf den Rollstuhl angewiesen.

Er würde aber gerne möglichst mobil bleiben. Dabei stößt er auf schier unüberwindbare Schwierigkeiten. Daher hat der 77-Jährige sich ein Schild mit seinem Anliegen angefertigt, sich warm angezogen und ist beim Weihnachtsmarkt auf den Dippser Marktplatz vor die Rathaustür gerollt, um auf sein Anliegen aufmerksam zu machen. Er weiß sich nicht mehr anders zu helfen als mit so einer Privatdemonstration.

Die Umstellung auf den Rollstuhl bringt für seine Frau Herta und ihn Mühen mit sich, die sie sich früher nicht vorstellen konnten. Seit 1969 wohnen sie im Hochparterre einer kommunalen Wohnung auf der Goethestraße in Dipps. Eine Treppe muss Dietmar Landsmann mindestens überwinden. Er hat sich schon um eine barrierefreie Wohnung bemüht, steht aber auf einer langen Warteliste, wie er sagt.

Mit Hilfe seiner Stöcke schafft er es, in den Keller zu gehen. Dort steht sein Elektrorollstuhl, und zum Glück hat der Keller einen ebenerdigen Ausgang. So kann er zum Auto fahren, das auf einem gemieteten Platz steht. „Dort muss ich den Rollstuhl aber stehenlassen, weil ich ja ins Auto umsteigen muss“, sagt er. Er hat sich nach der Amputation ein Auto mit Automatikschaltung angeschafft, mit dem er fahren kann. Das Problem beginnt aber sofort wieder, wenn er einen Parkplatz sucht. Er kann nur ganz kurze Strecken gehen. Und die Behindertenparkplätze, die es beispielsweise vor dem Eingang zum Kaufland in Reinholdshain gibt, bleiben ihm versperrt.

Dafür hat er eigentlich einen Schwerbehindertenausweis beantragt. Dort wurde ihm auch problemlos bestätigt, dass er zu 90 Prozent beeinträchtigt ist, und er bekam auch das Merkzeichen „G“ für eine „erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit“. Das reicht aber nicht. Für die Behindertenparkplätze wird das Merkzeichen „aG“ benötigt, also für eine außergewöhnliche Gehbehinderung. Insgesamt haben im Landkreis 2 161 Menschen eine solche Einstufung. Doch das Landratsamt hat entschieden, dass dies nach Gesetzeslage Dietmar Landsmann nicht zusteht. Wie die Entscheidung zustande kam, weiß Landsmann nicht. Das Landratsamt gibt in solchen Fällen die Unterlagen an den Amtsarzt oder einen Gutachter, erläutert Tilo Georgi, der Leiter des Sozial- und Ausländeramts, auf SZ-Nachfrage. Die sind offenbar zu dem Schluss gekommen, dass die Voraussetzungen nicht ausreichen. Die lägen laut Sozialgesetzbuch erst vor, wenn er sich dauernd nur mit fremder Hilfe oder mit großer Anstrengung außerhalb seines Kraftfahrzeuges bewegen könnte. Es müssten beispielsweise beide Beine amputiert sein. „Aber dann nützt es mir auch nichts mehr. Dann kann ich nicht mehr mit dem Auto fahren“, stellt er fest. Dietmar Landsmann versteht diese Regelung nicht. „Das kostet den Staat doch nichts, und wie ich sehe, sind die Behindertenparkplätze meistens auch leer“, sagt er. „Von der Krankenkasse habe ich alle nötigen Hilfsmittel ordnungsgemäß bekommen. Das ist viel teurer.“

Wenn möglich würde er gerne vor seinem Haus das Auto abstellen. Dort hat die Stadt Kurzzeitparkplätze eingerichtet. Er hat sich mit seinem Anliegen ans Rathaus gewandt. Die Mitarbeiter fragen ihrerseits beim Landratsamt nach, und damit hat sich die Katze in den Schwanz gebissen. Denn das hatte ja bereits festgestellt, dass die Voraussetzungen nicht erfüllt sind. Nun versucht Landsmann, sich noch an andere Stellen zu wenden, und hofft, dass seine Gesundheit bleibt. Denn am zweiten Bein hat er auch schon Probleme. Wenn die stärker werden, bekommt er vielleicht das Merkzeichen für die Parkberechtigung. Ob ihm das dann noch etwas nützt?