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Mittwoch, 26.07.2017

Aus dem Schatten ins Licht

Über 60 Mittelsachsen erzählen öffentlich von Wendepunkten in ihrem Leben. Die Resonanz auf das Projekt ist immens.

Von Maria Fricke

Rund 60 solcher Briefkästen, wie ihn Katja Tietsch von der Stadtbibliothek in Döbeln zeigt, stehen derzeit im gesamten Landkreis. Noch bis zum 31. Juli können in diese Stehaufgeschichten eingeworfen werden.
Rund 60 solcher Briefkästen, wie ihn Katja Tietsch von der Stadtbibliothek in Döbeln zeigt, stehen derzeit im gesamten Landkreis. Noch bis zum 31. Juli können in diese Stehaufgeschichten eingeworfen werden.

© Dietmar Thomas

Region Döbeln. Er war schon immer etwas blass und hatte häufig Nasenbluten. Doch dass etwas mit ihm nicht stimmt, wollten weder Bernd noch seine Eltern wahrhaben. Erst als der Fünfjährige nach dem Frühstück einen Blutsturz erlitt und mit einem Mal heftig aus Nase und Mund blutete, war klar: Der Junge ist krank. Bernd kam in verschiedene Kliniken, bevor ihm in der Uniklinik Leipzig geholfen wurde. Der Fünfjährige musste in den OP. Dort stellten die Ärzte fest: Er hatte eine dritte Niere und einen Tumor zwischen Niere und Milz. Dieser Tag hat sich in Bernds Erinnerung eingebrannt. Er prägt sein Leben bis heute. Seinen Umgang mit den eigenen Kindern, seine Sorge auch um die Gesundheit der Enkel. Es war sein Wendepunkt, sein Umbruch, seine Stehaufgeschichte.

Bernd kommt aus der Nähe von Döbeln und ist einer rund 60 Mittelsachsen, die sich bisher am Projekt Stehaufgeschichten des Müllerhofes Mittweida beteiligt haben. „Der Aufruf hat einen erstaunlich guten Anklang gefunden“, sagt Jens Ossada, Künstler aus Ehrenberg und zugleich künstlerischer Leiter des Projektes. Jede Woche kommen auf elektronischem Weg eine Handvoll neue Geschichten rein.

Wie viele Aufzeichnungen noch in den rund 60 Briefkästen warten, die im gesamten Landkreis aufgestellt worden sind, ist offen. Ursprünglich sollten die Kästen am 21. Juni eingesammelt werden. Doch die Projektleitung hat die Frist verlängert, weil die Resonanz so gut gewesen ist. Bis zum 31. Juli bleiben die Briefkästen, wie sie unter anderem in den Bibliotheken in Döbeln und Hartha zu finden sind, noch stehen. Darüber hinaus können bis Jahresende weitere Geschichten per Mail sowie Post eingesandt werden.

Einen Großteil der Erlebnisse haben die Einsender selbst in Worte gefasst. Viele haben dabei, so Ossada, die Möglichkeit genutzt, anonym zu schreiben. Wem das Schreiben schwer fällt, der kann sich auch von den Projektverantwortlichen in einem Gespräch interviewen lassen. Anna aus Gersdorf, die über die Geburt ihrer Tochter in Gersdorf im Striegistal berichtet, hat sich sogar gemeinsam mit Tochter Wanja während des Interviews filmen lassen.

Eine Vielzahl an Storys ist schon auf der Internetseite des Projektes veröffentlicht worden. Hinzugefügt wird jedem Beitrag ein Foto, das die Thematik des Textes aufgreift. Im Ursprung vorgesehen war, dass jeder Verfasser seine Füße zeigt. „Manche haben sich auch für ein Foto entschieden, das den Umbruch darstellt“, sagt Ossada.

Im Rahmen des Projektes gab es bisher auch einige Veranstaltungen, unter anderem startete am 3. Juli eine Schreibwerkstatt mit Autorin Dr. Sylvia Eggert zum Thema Licht und Schatten. Auch Frank Niemann ist mit einem Kalligrafie-Kurs in das Projekt involviert. Für den 5. Oktober ist ein Geschichten-Erzähl-Abend im Döbelner Rathaus geplant. Material ist auch in ein Theaterprojekt eingeflossen. Zudem gibt es Überlegungen zu Wort-Kunst-Installationen.

„Dabei sollen Auszüge aus Geschichten auf Hausfassaden gebracht werden“, sagt Ossada. Angedacht sei, die bewegendsten Geschichten in gedruckter Form, in einem Buch oder verschiedenen Heften zu veröffentlichen. „Wir planen, das Projekt bis 2018 zu verlängern“, kündigte Ossada an. Rund 6 250 Euro sind für dessen Finanzierung notwendig. Knapp 2 000 Euro fehlen noch in der Spendenkasse.

stehaufgeschichten.de