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Donnerstag, 04.05.2017 Gut zu wissen

Aufstieg aus der Hilflosigkeit

Zwei Mentoren helfen Flüchtlingen im Landkreis, gute Jobs zu bekommen. Das ist oft nicht leicht.

Von Franz Werfel

Giselle Kronfle und Robert Fischer kümmern sich darum, dass geflüchtete Menschen in der Region eine gute Arbeit finden.
Giselle Kronfle und Robert Fischer kümmern sich darum, dass geflüchtete Menschen in der Region eine gute Arbeit finden.

© Karl-Ludwig Oberthür

Osterzgebirge. Der junge Iraner hatte sein Chemie-Studium noch in der Heimat beendet. Dann flüchtete er nach Deutschland und stand vor dem Nichts. Als sein Asylantrag bewilligt wurde und klar war, dass er die nächsten Jahre in der Bundesrepublik bleiben kann, suchte er sich Hilfe. Mit einer Arbeitsvermittlerin bewarb er sich beim Leibniz-Institut in Dresden. Dort bekam er einen Minijob als Forschungsassistent. Wenn es gut läuft für ihn, könnte er am Institut schon bald seine Doktorarbeit beginnen.

Die Arbeitsvermittlerin heißt Giselle Kronfle. Sie begleitete den Iraner an seinem ersten Arbeitstag ins Institut. Kronfle ist eine von zwei Arbeitsmarktmentoren im Landkreis, die seit Januar versuchen, Flüchtlinge in Jobs zu bringen. Menschen wie der junge Iraner motivieren sie und ihren Kollegen Robert Fischer. Beide scheinen wie gemacht zu sein für ihre neue Aufgabe. Giselle Kronfle hat Großeltern aus Syrien und dem Libanon, ist in Ecuador geboren und hat eine Zeit lang in den USA gelebt. In Deutschland hat sie schließlich internationales Management studiert. Sie spricht neben Deutsch, Englisch und Französisch auch Spanisch und Arabisch. Als vor zwei Jahren immer mehr Menschen nach Deutschland flüchteten, heuerte Giselle Kronfle in einer Dresdner Erstaufnahmeeinrichtung an. Sie sah das Leid – und das Potenzial, das in den Menschen steckte. Der Dresdner Robert Fischer, ein studierter Soziologe, hat nach seinem Studium erst im Jobcenter gearbeitet und dann zwei Jahre lang als Sozialarbeiter mit Geflüchteten. „In meiner neuen Aufgabe kommen nun diese beiden Aspekte zusammen“, sagt er.

Die beiden teilen sich ein kleines Büro in der Pirnaer Innenstadt. Bis Ende 2019 sollen es Kronfle und Fischer schaffen, bis zu 150 Geflüchtete in gute Jobs zu bringen. Gut heißt, dass sie sozialversichert sind und ein vernünftiges Einkommen garantieren. Bisher haben die beiden viel Werbung für ihr Programm gemacht. Schon nach vier Monaten haben sie 36 Teilnehmer, darunter vier Frauen. Sechs Männer konnten bereits eine Arbeit oder Ausbildung beginnen oder stehen kurz davor: zwei Schweißer, ein Pfleger, ein Gartenbauer, ein Konditor. Mancher braucht mehr Hilfe als andere. Wer schon in seiner Heimat einer geregelten Arbeit nachging, findet sich auch in Deutschland schnell besser zurecht.

Damit sie ihr Ziel erreichen, haben Giselle Kronfle und Robert Fischer unter anderem einen Kooperationsvertrag mit dem Arbeitsamt unterschrieben. „Die Zusammenarbeit klappt super“, sagt Robert Fischer. Wenn ein Mitarbeiter des Amtes einen Flüchtling für geeignet hält, ruft er die Mentoren an. Die übernehmen dann. Und über die Agentur findet sie die freien Stellen im Landkreis. „Unser Vorteil ist, dass wir für die kulturellen Herausforderungen geschult sind“, sagt Fischer. Und dass sie mehr Zeit haben als die Jobvermittler vom Arbeitsamt. Anfangs begleiten sie die Flüchtlinge bei der Arbeit, halten den Kontakt zu den Firmen und fragen, wie es läuft. „Für die Firmen ist wichtig zu merken: Wir kümmern uns“, sagt Kronfle. Geht ein Praktikum oder eine Ausbildung zu Ende, unterstützen sie ihre Schützlinge weiter.

„Viele junge Flüchtlinge wollen am liebsten sofort arbeiten oder eine Ausbildung anfangen“, sagt Giselle Kronfle. Mit denen, die weniger Lust auf Arbeit haben, komme sie gar nicht erst in Kontakt. „Dann dauert es, bis wir sie überzeugen können, dass die deutsche duale Ausbildung in Berufsschulen und Betrieben zwar ganz wunderbar ist. Voraussetzung dafür sind aber gute Sprachkenntnisse.“ Das sei die größte Herausforderung. Wer aus Syrien, dem Irak und Iran, Eritrea und Somalia nach Deutschland flüchtet, bekommt noch während des Asylverfahrens einen Deutschkurs. B2-Kurse, die zu dem Sprachniveau führen, das Voraussetzung für Berufsschulen ist, gibt es im Landkreis viel zu wenige, kritisieren die Arbeitsmarktmentoren.

Denn derzeit sei die Situation am Arbeitsmarkt sehr gut. Er ist noch immer „aufnahmefähig“, wie Analysten sagen. Lange nicht gab es so viele freie Stellen wie derzeit. Es hilft, dass ich selbst Ausländerin bin“, sagt Giselle Kronfle. So kann sie glaubhaft von ihren eigenen Startschwierigkeiten in Deutschland erzählen. „Ich kann sagen: Ihr müsst Deutsch lernen. Wer in der Berufsschule nicht scheitern will, muss gut verstehen und schreiben können. Sonst schafft er die Prüfungen nicht.“

Kontakt: arbeitsmarktmentoren@awo-sonnenstein.de oder per Telefon  03501 5091600. Das Büro befindet sich in der Gerichtsstraße 4a in Pirna.