Sonntag, 27.01.2013

#aufschrei-Debatte als Chance

Die Sexismus-Debatte trifft einen Nerv: Zehntausende Kommentare in wenigen Tagen - im Internet schlägt die Diskussion hohe Wellen. Frauen schildern ihre Erfahrungen, Männer reagieren.

Von Walter Willems

Archivfoto vom 13.08.2011 in Berlin auf dem sogenannten „Slutwalk“: Eine Demonstrantin macht klar, dass ein „Nein“ auch nein bedeuten soll.
Archivfoto vom 13.08.2011 in Berlin auf dem sogenannten „Slutwalk“: Eine Demonstrantin macht klar, dass ein „Nein“ auch nein bedeuten soll.

©dpa

Berlin. „Im Klassenraum mit pubertierenden Jungs, die uns Mädchen oft von hinten den BH-Verschluss öffnen.Lehrer:“Stellt euch net so an.“ Julia beschreibt ihre Erfahrungen im Kurznachrichtendienst Twitter. Anne erzählt, was sie erlebt hat: „der kommilitone, der mir anbot, mich nach hause zu fahren und während der fahrt seine hand nicht von meinem knie nahm.“

Seit Beginn der Debatte um angeblich sexistische Äußerungen des FDP-Politikers Rainer Brüderle gingen bei Twitter Zehntausende sogenannte Tweets unter dem Schlagwort (Hashtag) #Aufschrei ein. Am Wochenende flossen pro Minute bis zu zehn Tweets zu dem Thema in das soziale Netzwerk ein. Der Umfang der Kurznachrichten ist auf maximal 140 Zeichen begrenzt, die Rechtschreibung ungeregelt.

An der Diskussion nehmen vor allem Frauen teil. Viele berichten von Beleidigungen und Übergriffen. „Der alte, nette Herr im Verein, der mir beim Kuchenverkauf auf den Mund starrt und sagt „Deine Lippen machen mich verrückt“.“, tweetet eine. Andere geben Ratschläge, die dann wiederum kommentiert werden. Miriam reagiert auf einen Tipp: „“Wehrt Euch“?: Einmal wehrte ich mich verbal gegen verbale Belästigung und wurde zur Antwort mit einer Plastikstange geschlagen.“

Auch Prominente greifen in die Debatte ein, etwa die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach. „Die Welt wäre ohne flirtwillige Männer ziemlich öde. Eine Journalistin die 1 Jahr braucht um sich zu empören ist scheinheilig“, twittert die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV) am Sonntag. Die Reaktionen folgen prompt: „Ein Flirt ist es aber auch nur solange, wie beide Seiten Lust drauf haben. Das war kein Flirt. Das war übergriffig.“, erwidert Sabine.

„Die Diskussion muss sachlich bleiben“

Und die Männer? Ihre Reaktionen schwanken zwischen Sachlichkeit, Trotz und Provokation. „Ich werde durch #Aufschrei stark für mein eigenes Verhalten und das in meiner Umgebung sensibilisiert. Gut so!“, schreibt etwa Martin. Chris wehrt sich gegen pauschale Verurteilung: „Können wir vielleicht der Richtigkeit halber von Tätern und nicht von Männern sprechen? Ich fühle mich so angegriffen.“

Dagegen meint ein Twitterer mit dem Namen Weltherrscher: „die frauen haben mit ihrer #aufschrei aktion vollkommen recht. wir männer sind schweine, nur die frauen sind heilige. wir schämen uns!!!“ Auf solche und heftigere Nachrichten reagiert Christoph mit einem Tweet, der von verschiedenen Männern wiederholt wird: „Ich finde #aufschrei immer wichtiger, je Mehrheit Reaktionen von Männern ich sehe. Sorry, Jungs.“

Viele Teilnehmer hoffen auf eine bessere Verständigung zwischen den Geschlechtern. „Letztlich ist die #aufschrei-Debatte eine Chance: Frauen und Männer näher zueinander zu bringen.“, meint. Teresa. Darauf Michael: „Die Diskussion muss sachlich bleiben. Sonst besteht die Gefahr, dass Mann und Frau sich voneinander entfernen.“ (dpa)

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