erweiterte Suche
Freitag, 15.04.2016

Auf die Haut gerückt

Die Ausstellung „Täter – Opfer“ im Rathaus spielt mit der Sichtweise des Betrachters. Fotografin Kristin Ferse plant bereits das nächste Projekt.

Von Natasha G. Allner

Die Dresdner Fotografin Kristin Ferse zeigt im Waldheimer Rathaus Porträts von Menschen, die Opfer oder Täter wurden. Dazu entstandene Texte sind mit Namen versehen, aber den Porträtierten nicht direkt zu geordnet.
Die Dresdner Fotografin Kristin Ferse zeigt im Waldheimer Rathaus Porträts von Menschen, die Opfer oder Täter wurden. Dazu entstandene Texte sind mit Namen versehen, aber den Porträtierten nicht direkt zu geordnet.

© Dietmar Thomas

Waldheim. Die Bilder sind unterschiedlich groß und schwarz-weiß. Das aber ist eher ein Zufall und der Auswahl für die Schau im Waldheimer Rathaus geschuldet, sagt Kristin Ferse. Denn die Dresdner Fotografin hat das komplette Projekt in Farbe und digital fotografiert. In einigen Fällen, so sagt sie, „aber intuitiv die Farbe entzogen“. Die 47-Jährige setzt zwei Kameras ein, eine Leica und eine Fuji. Im Berufsleben arbeitet die gebürtige Potsdamerin als Suchtbeauftragte für die Landeshauptstadt.

In drei Dresdner Gefängnissen hat sie Aushänge gemacht, nach Tätern und Opfern gesucht. Dabei sei es einfacher gewesen, Täter zu finden. 22 Menschen wurden schließlich befragt und während des Interviews – ohne die Situation zu stellen – fotografiert. Herausgekommen sind Bilder, über die der Betrachter den Porträtierten quasi „auf die Haut“ zu rücken vermag. Deutlich sind Löcher ehemaliger Piercings, jetzige Piercings, Narben und Falten zu sehen. Man sieht, wie Haare um Finger gewickelt werden und feuchte Augen oder Blicke, die ins Leere gehen, manch zaghaftes Lächeln. „Aber geweint haben sie an einem bestimmten Punkt der Treffen alle“, erklärt Kristin Ferse, die manchmal die einzige oder auch erste Gesprächspartnerin war, für die sich die Porträtierten derart öffneten. Kristin Ferse ging sensibel mit ihren Protagonisten um, bewahrte deren persönliche Grenzen. Eine Herausforderung war es beispielsweise, eine Magersüchtige zu fotografieren, denn dies habe kaum noch Zähne im Mund gehabt.

Aus den Gesprächen heraus sind Texte entstanden, die in einfacher Sprache aufgeschrieben wurden,trotzdem in die Tiefe gehen, viel über den Einzelnen aussagen. Manchmal habe es Wochen gebraucht, bis Krsitin Ferse sich den Texten widmete. Der Abstand sei mitunter nötig gewesen. Nicht jedes Detail wurde ausformuliert, denn „da waren teilweise heftige, zu persönliche Dinge dabei“, sagt die Fotokünstlerin. Immer aber dokumentieren die Texte, wie sich der Einzelne in welcher Rolle fühlt. „Mancher, der nicht nur Täter, sondern selbst auch Opfer war, ist dabei. Andere dokumentieren ihre Angst, wieder aus dem Knast zu kommen und der Situation nicht gewachsen zu sein“, weiß die Fotografin. Ein Gesprächspartner, vorher heroinsüchtig, sagte: „Ich würde die Finger nicht davon lassen können.“ Jens, der 19 Jahre und vier Monate wegen Totschlags, Mord und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte einsitzen muss, wünscht sich für sein Leben danach, eines ohne Drogen. Er möchte auf dem Dorf bei seiner Mutter wohnen und bei seinem Bruder arbeiten.

Als Ausstellungsbesucher ist man versucht, den Gesichtern die Rolle des Täters oder Opfers zuzuordnen. Aber das gelingt nicht. Das ist Absicht, sagt Kristin Ferse. Die den Blickwinkel auf Situationen verändern möchte, damit sich Menschen ohne Vorurteile begegnen können. Ihr nächstes Projekt unter dem Arbeitstitel „Lebensorte“ wird Bilder aus Frankreich, Serbien, Albanien und Orten wie Bischofswerda gegenüberstellen. Das Projekt „Täter – Opfer“ wurde vorher in der Dresdner Johannstadthalle und in der Justizvollzugsanstalt Chemnitz gezeigt. Die Schau im Waldheimer Rathaus ist bis zum 11. Mai zu sehen.