erweiterte Suche
Donnerstag, 04.01.2018

Auf der Suche nach dem Zuhause

Am Mittwoch wurde Lydija Zencenko 100 Jahre alt. Sie lebt erst seit sieben Jahren in Wartha. Geboren wurde sie 1 500 Kilometer weiter ostwärts.

Von Carmen Schumann

Lydija Zencenko feierte am Mittwoch ihren 100. Geburtstag. Das Familienfoto von 1971 hütet sie wie einen Schatz. Die meisten Familienmitglieder leben noch in Weißrussland.
Lydija Zencenko feierte am Mittwoch ihren 100. Geburtstag. Das Familienfoto von 1971 hütet sie wie einen Schatz. Die meisten Familienmitglieder leben noch in Weißrussland.

© Carmen Schumann

Wartha. An ihrem 100. Geburtstag bewegt Lydija Zencenko besonders ein Gedanke: „Ich will nach Hause!“. Doch wo ist ihr Zuhause? Die Hochbetagte hat in ihrem Leben das Zuhause mehrmals verloren. Ihr eigentliches Zuhause, das, was ihr geblieben ist und was sie sich bewahrt hat, ist die deutsche Sprache. Die Sprache, die sie viele Jahre nicht sprechen durfte. Denn Lydija Zencenko, geboren am 3. Januar 1918 in einem Dorf in Weißrussland, gehörte der deutschen Minderheit an, die in der Sowjetunion zahllosen Repressalien ausgesetzt war.

Die Angst war so groß, dass sie sogar vor ihren Enkelkindern verheimlichte, dass sie eigentlich eine Deutsche ist. Das Leben in der Sowjetunion erleichterte ihr ein wenig die Tatsache, dass sie einen Ukrainer geheiratet und demzufolge einen ukrainischen Nachnamen hatte. Doch der Ehemann musste an die Front und kehrte nicht zurück. Ihr blieb nur die 1939 geborene Tochter Marija. Geheiratet hat Lydija Zencenko nie wieder, denn sie war der Meinung, ein anderer Mann könne ihrer Tochter nicht dieselbe Liebe schenken, wie ein leiblicher Vater. „Sie war eine starke Frau, die sich mit vielen Widrigkeiten herumschlagen musste“, sagt Enkeltochter Tatjana Hembitski bewundernd. Die 47-Jährige kümmert sich liebevoll um ihre Großmutter. Zusammen mit ihr, dem Schwieger-Enkelsohn und den vier Urenkelinnen im Alter von 24, 21, zehn und sieben Jahren lebt die Jubilarin seit 2010 in dem ehemaligen Gasthaus „Tourist“ in Wartha, das zu Wohnzwecken umgebaut wurde.

Sehr oft umgezogen

Doch bis Lydija Zencenko nun hier endlich ein Zuhause fand, durchlebte sie eine wahre Odyssee. Nicht nur, dass sie in ihrer Kindheit mehrmals umgezogen ist, weil ihre Eltern auf der Suche nach fruchtbarem Boden zum Beackern waren. Auch später, 1986, als die damals schon Hochbetagte mit ihrer Tochter und deren Kindern zusammenlebte, musste sie wieder einmal ihr Zuhause verlassen. Denn die Familie lebte im Grenzgebiet zur Ukraine, nur wenige Kilometer vom havarierten Atomreaktor in Tschernobyl entfernt. „Unser gesamtes Dorf wurde damals abseits der Gefahrenzone neu aufgebaut“, sagt Enkelin Tatjana Hembitski.

Lydija Zencenko hatte sechs Geschwister. Einige von ihnen waren nach Deutschland übergesiedelt. Nachdem sie 2004 mit ihrer Enkeltochter Tatjana Hembitski ebenfalls ins Land der Vorväter ausgereist war, machte sie sich mithilfe ihrer Enkelin auf die Suche nach den Verwandten. Wie sich herausstellte, lebt ein Neffe, der auch schon über 80 ist, in Gifhorn. Ihn und seine Familie besucht Lydija Zencenko regelmäßig. Aber sie scheut auch die 1 500 Kilometer lange Autofahrt nach Weißrussland nicht, um einmal im Jahr ihre Tochter zu besuchen. Dort leben auch die vier anderen Enkelkinder und weitere acht Urenkel.