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Mittwoch, 14.01.2015

Asylbewerber in Dresden erstochen

In einer Dresdner Plattenbausiedlung wird ein toter Mann aus Eritrea gefunden. Die Polizei geht zunächst nicht von einem Verbrechen aus. Doch schon am Tag danach wird die Mordkommission personell verstärkt.

Ein Polizeifahrzeug steht vor dem Plattenbau an der Johannes-Paul-Thilman-Straße im Stadtteil Dresden-Leubnitz-Neuostra, wo die Leiche eines 20 Jahre alten Eritreers gefunden worden war.
Ein Polizeifahrzeug steht vor dem Plattenbau an der Johannes-Paul-Thilman-Straße im Stadtteil Dresden-Leubnitz-Neuostra, wo die Leiche eines 20 Jahre alten Eritreers gefunden worden war.

© dpa

Dresden. Der in Dresden tot aufgefundene Asylbewerber aus Eritrea ist einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Die Obduktion habe ergeben, dass der 20-Jährige durch mehrere Messerstiche in Hals und Brust starb, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden, Lorenz Haase, am Mittwoch. Die Behörde ermittelt wegen Totschlags. Täter, Hintergründe und Umstände des Verbrechens seien noch unbekannt. Auch die Tatwaffe wurde bisher nicht gefunden. Die Ermittler suchen nach Hinweisen auf eine mögliche Auseinandersetzung. Möglicherweise ist der Fundort der Leiche nicht der Tatort.

Tod eines Asylbewerbers in Dresden

Die Mordkommission wurde inzwischen personell auf 25 Beamte aufgestockt. Kriminaltechniker sicherten Spuren in der Wohnung und am Fundort des Afrikaners. Die Ermittler befragen nach Angaben der Staatsanwaltschaft unter anderem die Mitbewohner des Ostafrikaners und suchen mögliche Zeugen der Tat, wobei eventuell auch Videoaufnahmen aus Bahnen und Bussen interessant sein könnten. Die Behörden hatten in ihrer ersten Information zu dem Fall zunächst mitgeteilt, dass es für eine Fremdeinwirkung keine Anhaltspunkte gäbe. Noch am Mittwochmorgen erklärte ein Polizeisprecher, dass alles möglich sei - von Unfall bis Mord. Am Nachmittag sprach dann Polizeipräsident Dieter Kroll davon, dass die Ermittler von einem Gewaltverbrechen ausgingen, Unfall oder Selbstmord ausgeschlossen würden.

Nach Medienberichten war der 20-Jährige zuletzt am Montagabend gesehen worden, als er einkaufen gehen wollte. Er kehrte nicht in die Plattenbausiedlung im Stadtteil Leubnitz-Neuostra zurück. Am nächsten Morgen entdeckten Passanten die Leiche des jungen Mann vor dessen Wohnhaus und verständigten die Polizei. Wie lange er schon tot war und dort gelegen hatte, konnte Haase nicht sagen

Orosz warnt vor Spekulationen

„Die Nachricht, dass ein junger Mann, durch Messerstiche getötet, in Dresden gefunden wurde, hat mich sehr geschockt“, erklärte Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU). Sie warnte vor Spekulationen über Täter und Hintergründe. Sie hoffe sehr, dass Polizei und Staatsanwaltschaft diese Fragen schnell klären können. „Ich habe aber auch vollstes Vertrauen in die Sicherheitsbehörden, dass dies geschieht“, sagte die CDU-Politikerin.

Nach den Worten von Orosz wird sich die Stadt nun um die anderen Asylbewerber kümmern, die mit dem Opfer zusammengelebt haben. Das Sozialamt sei bereits beauftragt, eine Betreuung zu organisieren.

Spontane Mahnwache in der Neustadt

Aus Solidarität mit dem Toten, angeblich heißt er Khaled I., haben sich am Mittwochnachmittag Dresdner am Jorge-Gomondai-Platz zu einer Mahnwache versammelt. Dabei waren auch mehrere Dutzend Asylbewerber aus Eritrea. Sie sprachen davon, dass sie Angst haben und Hilfe brauchen. In der Stadt herrsche ein fremdendfeindliches Klima, es gebe auch offene Anfeindungen gegenüber Asylbewerbern.

Vor dem Dresdner Albertinum versammelten sich anschließend mehr als 200 Menschen und trauerten um den Toten. Am gleichen Ort findet am Mittwoch der Neujahrsempfang des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) statt. Petra Köpping (SPD), die Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, traf sich vor dem Gebäude mit den Demonstranten und Asylbewerbern, um über die aktuelle Situation und Fremdenfeindlichkeit zu sprechen. „Ich möchte, dass Sie wieder angstfrei in Sachsen leben können.“ Sie sagte, dass es in der nächsten Zeit weitere Gespräche geben wird.

Khaled I. hatte mit weiteren Asylbewerbern erst seit wenigen Wochen in einer Wohnung in der Johannes-Paul-Thilman-Straße gelebt. Seine Mitbewohner machen sich nun Sorgen um ihre Sicherheit.

Aus dem Landtag kamen Forderungen nach umfassender Aufklärung des Falls. Dabei müsse auch ein mögliches rassistisches Motiv geprüft werden, sagte die Abgeordnete Juliane Nagel (Linke). Albrecht Pallas (SPD) mahnte zur Besonnenheit. „Spekulationen - in welche Richtung auch immer - helfen nicht weiter.“ Valentin Lippmann (Grüne) warnte „in der aufgeheizten Atmosphäre“ vor Vorverurteilungen und Schnellschüssen. „Ergebnisse der Ermittlungen müssen abgewartet werden.“ (lex mit dpa)