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Tagesthema
Freitag, 15. Juli 2005
(Sächsische Zeitung)

Ein Geist verschwindet

Vor einer Woche feierte die Tharandter Schule 95-Jähriges. Heute gibt es Zeugnisse. Und in einem Jahr wird sie geschlossen.

Von Frank Tausch
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Ein junges Haus, solange Kinder die Schule in Tharandt mit Leben erfüllen. Doch die Mittelschule soll in einem Jahr geschlossen werden. Foto: SZ/Thomas Lehmann

Fest gefügt stehen die dicken Mauern auf dem breiten Sockel aus Bruchstein. In frischem Gelb reckt sich die Fassade. Noch neu glänzt der schwarze Schiefer am Dach, an den Giebeln und am Turm, dessen Uhr weit ins Tal zeigt. Ein Haus wie eine Burg. Wer es sehen will, muss aufschauen. Es steht auf einem Berg, blickt über die Dächer der Stadt. Groß, mächtig, stolz. Noch ein Jahr. Dann wird es still. Dann ist die Burg im Sturm genommen – ach, wenn es ein Kampf wäre. Einige Blätter Papier und dürre Worte in Amtsdeutsch reichen. Ein Stempel besiegelt das Ende, eine Rechtsbehelfsbelehrung vertreibt den Geist, der fast ein Jahrhundert durch dieses Haus wehte. Die Mittelschule in Tharandt hat ein letztes Jahr. Dann wird sie geschlossen. „Es wird festgestellt, dass das öffentliche Bedürfnis für die Fortführung der Mittelschule Tharandt . . . nicht besteht“, heißt es im Bescheid des Kultusministeriums.

Die Direktorin

„Es läuft völlig normal weiter,“ sagt Sabine Klotz. Sie sagt es schmallippig und steif, abwehrend. So redet man als Direktorin einer Schule öffentlich. „Zur Schulschließung sage ich nichts.“ Sabine Klotz weiß, wie man sich als Pädagoge gegenüber seinem Dienstherren zu verhalten hat. Der mag keine Kritik von Angestellten. Dabei ist Sabine Klotz gar nicht so eine Schmallippige, Schnippische. Im Gegenteil. Kaum kann sie über ihre Schule reden, so wie sie jetzt noch ist, schon taut sie auf. Da kann sie Scherze machen und Anekdoten erzählen. Da geht sie mit dem dicken Schlüsselbund in der Hand und mit energischen Schritten in wehender knallroter Bluse durch die breiten, dämmrigen Gänge über taubenblaues Linoleum und zeigt stolz ihre Schule. 95 Jahre, aber kein bisschen alt, solange Kinder in den Gängen lachen und toben.

Sabine Klotz ist hier selbst zur Schule gegangen. Das große Gebäude am Schulberg 2 in Tharandt war immer Schule. Nicht nur Bildungseinrichtung. Als Sabine Klotz vor 13 Jahren wieder die Stufen hinaufschritt, als Direktorin diesmal, da war das ein besonderes Gefühl. Sie war Oberhaupt von Lehrern, bei denen sie selbst einst Unterricht hatte, als Klein-Sabine. So schloss sich ein Kreis. Was für ein Gefühl das sein mag, wenn sie zum letzten Mal die Treppen hinuntergeht, das will sie sich gar nicht ausmalen.

Natürlich haben sie um Schüler gekämpft. Haben attraktive Angebote gemacht. Seit sechs Jahren sind sie „bewegte Schule“ – körperliche Aktivität, wo immer es geht. Sie haben ein Ganztages-Angebot entwickelt, mit Hilfe der Stadt und der Sport- und Kulturvereine. Judo, Volleyball, Tischtennis, Informatik, Kreativnachmittag, Hausaufgaben-Betreuung durch die Fachlehrer. Sie haben ein sprachliches Profil. Sie haben Förderunterricht für Lese- und Rechtschreibschwache. Aber sie haben wenig Kinder. Jedes Jahr gibt es einen Tag der offenen Tür für die Viertklässler aus der Tharandter Grundschule. Eine halbe Stunde Physik, eine halbe Stunde Französisch, Klassenzimmer anschauen. Das war, bevor der Schließungs-Beschluss kam. Die vielen Treppen, haben die Kleinen noch gestaunt und: Die vielen Männer.

Die Lehrer

Einer davon ist Uwe Hemmerling. Es ist die Woche der Jubiläen für ihn. 95 Jahre für die Schule, genau 20 davon war Hemmerling dabei. Als junger Mann fing er hier an, nun ist der Lehrer 45 Jahre alt. Aber er sitzt schwarzhaarig und sehr gerade im Stuhl, wirkt jünger und größer als er ist. Konzentriert schaut er auf die lange Tafel vor sich mit der Stundenplanung – daran hängen Zettel. „Aufsatz Bitte nicht stören! und „Heute keine Hofpause“. Schulalltag. „Man gibt ein Stück auf“, sagt Hemmerling und empfindet Trauer. 19 Kollegen sind sie, mit Direktorin, im Durchschnitt um die 40, sechs Männer unterrichten. Eine gute, eine junge Mischung, sagt Hemmerling. Er hat die 5, 6, 7 im Sport, eine 10. in Deutsch und eine 10. in Sport. Wie die Direktorin, deren Stellvertreter er ist, kennt er jede Schülerin und jeden Schüler. Und eine Menge Eltern. An dieser Schule ist kein Platz für Anonymität. Aber für Kreativität. Drei Sportfeste feiern sie im Jahr, nicht nur Weitspringen und 100-Meter-Lauf. Sondern Staffelschwimmen und Wettrutschen beim Badfest und Schrubberweitwurf beim Waldfest. Sie haben etwas aufgebaut. Lehrer, Eltern, Schüler und Stadt – gemeinsam. Die alte Hellerau-Schrankwand steht dagegen immer noch im Lehrerzimmer. Irgendwie war immer anderes wichtiger. Mal neue Bänke, mal neue Tafeln, mal ein Hauswirtschaftszimmer. Nun kann es die Schrankwand auch noch ein Jahr machen. „Vielleicht kann man das eine oder andere mitnehmen“, hofft Sabine Klotz und meint nicht das antiquierte Furnier.

Die Schüler

Wie sollen Siebtklässler schon reagieren auf die Frage, ob die Schule Spaß macht. 13-jährige Jungs, denen macht Fußball Spaß oder Baden, Lesen vielleicht, Computer spielen sicher. Aber die drei sagen „Ooch ja“ und „Nu, eigentlich schon“ und denken wohl mehr an ihre Freunde, als an den Lernstoff. Aber immerhin. Sie gehen gern in ihre alte Schule. Sie werden wechseln müssen. „Ich wohne in Freital, da gehe ich dann wahrscheinlich auch hin. Die Schule dort hat einen großen Sportplatz“, tröstet sich Philipp, ein kleiner Aufgeweckter, und die Zahnspange blitzt. „Wir kommen nach Klingenberg, bis auf ein paar Einzelne“, weiß Tom, ein Schmaler mit braunen Locken. „Das soll ein Betonklotz sein.“ Die Ausstattung sei vielleicht nicht schlecht, „aber von außen sieht die Schule nicht so schön aus“, gibt Karl, ein Pfiffiger mit blondem Stoppelhaar und Brille zu bedenken. Er hat auch das letzte Wort: „Am besten wäre, wenn unsere Schule nicht geschlossen würde.“

Die Eltern

Die Ankündigung war ein Schock. Mit Schließung hatten sie nicht gerechnet. Dass es für eine fünfte Klasse nicht reicht – das schon. „Aber trotzdem“, sagt Anke Mittag. Man könne doch nicht nur Zahlen sehen – da sei das Engagement, das Klima, die Leistungen. Die 36-Jährige wollte ihren Sohn in die Fünfte einschulen, eine Tochter hat die Tharandter Mittelschule gerade beendet, die andere ist in der Neunten. Sylke Naumann hat einen Sohn in der Siebenten. Mit anderen Eltern haben sie ein Plakat gemalt. „Aus nach 95 Jahren? Nein! Rettet unsere Schule!“. Weithin sichtbar hängt es am Gebäude. Viel Hoffnung haben sie nicht mehr. Die Eltern haben demonstriert, über 1 000 Unterschriften gesammelt, Briefe geschrieben an Regierung und Abgeordnete. Wie tönt es doch immer? Unsere Zukunft sind die Kinder. Bildung ist eine Investition in die Zukunft. Im Bescheid des Kultusministeriums steht: „Im Übrigen ist die Beschulung gesichert.“

Die Eltern haben sich zusammengesetzt. Sonderelternabend. „Die Kinder sollen nach Klingenberg, um den Klassenverband zu erhalten und damit die Klassenlehrer mitgehen können“, sagt Anke Mittag.

Viele wollten auch nicht auf eine Schule in Freital. Stadt – das ist anonym. Mehr Gewalt, mehr Drogen, mehr Probleme. Siebenzügig startet allein das Gymnasium in Freital, 135 Fünftklässler. Anke Mittag schüttelt den Kopf. Noch wollen sich die beiden Frauen Tharandt nicht ohne die Schule vorstellen. „Es gehen doch auch Impulse in die Stadt, die Kinder haben Programme gestaltet, die Schule ist öffentlich vertreten“, sagt Sylke Naumann. Sie selbst war auf der Schule, ihre Eltern auch. Und was die Frauen besonders den Kopf schütteln lässt: „In wenigen Jahren hat Tharandt wieder genug Kinder. Die Krippe, die Kindergärten sind übervoll, die müssen anbauen.“

220 Schüler bekommen heute an der Tharandter Mittelschule Zeugnisse. 130 werden nach den Ferien wiederkommen, für ein letztes Jahr. Keine Fünfte mehr, die Sechste wechselt schon samt Lehrerin nach Klingenberg. Es soll trotzdem kein trauriges Jahr werden, der Kinder wegen nicht. „Die Schüler werden nichts davon merken, dass es ein letztes Jahr ist“, sagt Sabine Klotz. Wieder macht sie die Lippen schmal. Diesmal entschlossen.



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