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Kultur
Mittwoch, 28. Dezember 2011
(Sächsische Zeitung)

Exoten auf dem Dancefloor

Von Jens Wollweber

Berlin ist out: In Sachsen gibt es eine außergewöhnlich vitale Techno-Szene und Labels, die über die Landesgrenzen hinaus erfolgreich sind.

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Legt Platten auf und hat Medientechnologie studiert: Jacob Korn Foto: Robert Arnold

Treibend und geradlinig, gleichermaßen emotional aufgeladen und minimalistisch – so begleitet elektronische Klubmusik wie ein durchlaufender Soundtrack jedes Wochenende. Nicht nur in Berlin, der unumstrittenen Clubbing-Hauptstadt des Landes. In den sächsischen Großstädten existieren ähnliche Szenen. In überschaubarerem Rahmen, aber nicht minder vital. Und sie werden zunehmend aufmerksamer von außen beobachtet. Die „New York Times“ oder „FAZ“ schwärmen vom Leipziger Nachtleben als dem von Berlin ebenbürtig. Ein Kamera-Team des internationalen DVD-Musik-Magazins „Slices“ streift durch Dresden und schlendert mit einigen Szene-Protagonisten durch die Landeshauptstadt. Auch in den großen Fachmagazinen stehen Dresden und Leipzig derzeit hoch im Kurs.

Neu ist die elektronische Musik in Sachsen nicht. Techno feierte im letzten Jahr sein 20-jähriges Genre-Jubiläum, und die Anziehungskraft der elektronischen Klubmusik hält seitdem ungebrochen an. Das einstige Stigma der Rave-Exzesse ist jedoch generell einer respektvollen Anerkennung gewichen, die Grenzen zwischen Rock, Pop- und Elektronik-Szenen verwischen zusehends. Auch hinter den sächsischen Kulissen hat sich etwas getan in den vergangenen Jahren. Grund dafür sind Musiker, DJs, Party-Veranstalter und Plattenfirmen-Betreiber mit von unzähligen Nächten gereiften Biografien. Leute zwischen Mitte 20 und Mitte 30, die seit mehr als zehn Jahren die lokalen Subkulturen mitprägen und nun den nächsten Schritt wagen.

Netzwerke sind wichtiger

„Die Szene war immer da, aber es scheint, als wird das Potential der verschiedenen Köpfe hier jetzt besser gebündelt“, meint Jacob Korn. Mit seinen Platten und Auftritten trägt er maßgeblich zur erfolgreichen Verortung Dresdens im internationalen House- und Techno-Geschehen bei. Musikalisch betritt der studierte Medientechnologe dabei wie viele seiner Dresdner und Leipziger Produzenten-Kollegen keineswegs Neuland. Subtil und auf hohem Niveau bewegen sie sich zwischen dem US-amerikanischen Erbe von House, Electro und Techno. Das Drumherum dürfte jedoch eine nicht unwesentliche Rolle für den derzeitigen Schub der sächsischen Klubszene spielen. Er fußt auf freundschaftlichen, semiprofessionellen Strukturen, bei denen liebevoll gestaltete Plattenhüllen und gute Netzwerke mit den Szenen anderer Städte wichtiger scheinen, als rein kommerzielle Ansprüche. Viele der neu entstandenen Plattenfirmen betreiben die Musiker selbst, von zu Hause aus. Und das eben nicht im übersättigten Berlin, sondern im ostdeutschen Hinterland mit seinen noch vorhandenen Freiflächen für Partys und den moderaten Sperrstunden. Hier kommen viele Faktoren zum richtigen Zeitpunkt zusammen.

Unabhängig von der musikalischen Qualität spricht Daniel Stefanik aber auch von einem Exotenbonus, den die sächsischen Metropolen von außen genießen. Stefanik zählt zu jenen Leipziger DJs und Produzenten, die jedes Wochenende quer durch Europa zu Auftritten reisen. „Alle sind nach Berlin gegangen, aber wir bauen etwas in unserer Stadt auf“, fasst der 32-Jährige einen entscheidenden Teil der Außenwahrnehmung zusammen. Dennoch fehle es den hiesigen Szenen an Selbstbewusstsein. „Scheinbar wird hier oft verkannt, was wir Kostbares aufgebaut haben. Es gibt außer Berlin, Hamburg, Frankfurt und München nicht viele Städte mit so einer Dichte an guten, teilweise international renommierten Klubs und Produzenten“, meint Stefanik. Während sich das Engagement der Leipziger Szene auf mehrere Labels wie Kann Records, Moon Harbour, Doumen oder verteilt, konzentriert es sich in Dresden momentan auf Uncanny Valley. 2010 gegründet, landete das Label gleich mit der ersten Werkschau auf Vinyl einen weit hallenden Achtungserfolg. Diese Fokussierung kommt nicht von ungefähr: „Uncanny Valley ist eine Art überregionales Sprachrohr für die verschiedenen Crews der Stadt“, so Jacob Korn.

Eindeutig erste Liga

„Viele Leute haben gemerkt, dass man gemeinsam mit einem größeren Projekt weiter kommt, anstatt sein eigenes Süppchen zu kochen“, ergänzt der Label-Mitbegründer. Und mit bislang sieben Platten innerhalb von nur anderthalb Jahren zeigte Uncanny Valley das kreative Potenzial der zahlreichen Dresdner Musiker eindrucksvoll auf. Ob Provinz-Romantik oder echte Metropolen-Qualität im Kleinformat – im direkten Vergleich mit ähnlich großen Städten spielt die Klubmusikkultur von Leipzig und Dresden eindeutig in der ersten Liga. Und dies dürfte ein nicht unwichtiger Aspekt für die stetig steigende Attraktivität beider Städte sein.



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