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Dresden
Freitag, 4. Dezember 2009
(Sächsische Zeitung)

Malerin darf Orosz nicht entblößen

Von Thilo Alexe

Die Rathauschefin darf nackt nicht mehr gezeigt werden. Das Bild der Künstlerin Erika Lust verletzt die Würde der Politikerin, sagen Richter.

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Kontrahentinnen vor Gericht: OB Orosz (vorn) und Erika Lust. Die Politikerin sieht ihre Persönlichkeitsrechte verletzt. Lust kämpft für Kunstfreiheit.

Die richterliche Begründung mutet wie ein verzweifelter Appell an Künstler, Journalisten, Juristen an: „Irgendwo muss ja ein Tabu sein“, sagt Stephan Schmitt. Ein solches sei erreicht, wenn ein Künstler Geschlechtsorgane eines Porträtierten in „Frontalstellung“ zeige. Das verletze die Schamgrenze des Betroffenen.

Schmitt, Chef der für Medienfragen zuständigen Kammer des Dresdner Landgerichts, hat gestern unter großem öffentlichem Andrang die heikle Aufgabe, zwei elementare Rechtsgüter gegeneinander abzuwägen: die Freiheit der Kunst und den Schutz der Persönlichkeit. Anlass für den pikanten Streit ist ein Gemälde der Dresdner Malerin Erika Lust. Es heißt „Frau Orosz wirbt für das Welterbe“ und zeigt die Rathauschefin fast nackt vor der Waldschlößchenbrücke. Die Oberbürgermeisterin trägt nur ihre Amtskette – und rosa Strapse. Sie breitet die Arme aus. Die Pose erinnert entfernt an die Darstellung gemarterter Heiliger in der mittelalterlichen Kunst.

Treffer für das Amt

„In Würden, aber nicht in Würde“ habe Lust die CDU-Politikerin gezeigt, urteilt Schmitt. „Sie ist nicht nur als private Person getroffen, sondern auch in ihrem Amt.“ Die dritte Zivilkammer untersagt der 46-jährigen Künstlerin, das mittlerweile verkaufte Bild auf ihrer Internetseite zu zeigen. Es darf auch nicht ausgestellt oder vervielfältigt werden. Verstößt Lust gegen das von Orosz erwirkte Urteil, drohen ihr eine Strafe von einer Viertel Million Euro oder sechs Monate Haft.

Die 46-Jährige ist in der regionalen Kunstszene keine Unbekannte. Sie schuf eine Variante des Dresdner Fürstenzuges – mit barbusigen Fürstinnen. Lust malte eine Reihe von Frauenportraits und arbeitete als Bühnenbildnerin und Ausstatterin für Theater in Potsdam, Berlin und Freiberg. Orosz verewigte sie auch verhüllt in einer Burka, als derbe Domina, die die Rathauslöwen züchtigt und als strenge Kämpferin gegen die am Waldschlößchen flatternde Fledermausart kleine Hufeisennase.

Lust wuchs in Kasachstan auf und siedelte 1989 nach Deutschland über. Die Künstlerin stamme aus einem Land, betonte ihre Anwältin Anja Przybilla, in dem der Meinungsfreiheit hohe Schranken gesetzt seien. „Ich stehe zu meinem Bild“, sagt die Malerin. Es sei ihr nicht darum gegangen, Orosz zu verletzen. Vielmehr habe sie auf den für Dresden herben Verlust des Welterbetitels hinweisen wollen. Deshalb sei die Oberbürgermeisterin nackt und mit leeren Händen dargestellt.

Lust, deren Vater während des Zweiten Weltkriegs in einem sowjetischen Straflager interniert war, hat schon immer ein besonderes Verhältnis zu Machthabern. Auf ihrere Homepage schreibt sie: „Mich interessieren die Staatsporträts der Mächtigen der Welt. Was passiert mit der Person, wenn man ihr die Kleidung wegnimmt? Was bleibt dann von der Macht?“ Im Fall von Orosz ein klares Urteil, gegen das Lust aber die Berufung erwägt: „Ich will mich nicht selbst zensieren“, sagt sie.

Orosz, die das Gericht angerufen hatte, zeigt sich zufrieden: „Ich bin erleichtert.“ Während der Verhandlung bezeichnet sie das Werk als „entwürdigend und diskriminierend“. Als Oberbürgermeisterin müsse sie mit Kritik und Karikaturen leben. Doch die Darstellung in Strapsen, die für Orosz Attribut einer Prostituierten sind, sprenge die Grenzen der Kunstfreiheit: „Jeder hat das Bild im Kopf, wenn man mit mir im Gespräch ist.“

Terrorismus--Experte im Saal

Ihr Anwalt, der RAF-Experte und frühere „Aktenzeichen XY“-Moderator Butz Peters, verweist geschickt auf Prominente wie Claudia Schiffer, Shawne Borer-Fielding und Heide Simonis, die sich erfolgreich gegen Kunstwerke und Fotomontagen zur Wehr setzten. Im Fall des Lust-Bildes sieht er „die Menschenwürde“ von Orosz verletzt. Richter Schmitt teilt diese Sicht. „Wir konnten nicht anders entscheiden“, sagt er.



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