Kultur
Samstag, 28. März 2009
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Der gute Deutsche von Nanjing
Von Marion Krüger-Hundrup
In China ist er Held, in Deutschland kaum bekannt: John Rabe rettete 1937 eine Viertelmillion Chinesen das Leben – Jetzt wurde sein Leben verfilmt.
Als Repräsentant von Siemens in China gab John Rabe Chinesen Zuflucht vor japanischer Soldaten. Szene aus dem Kinofilm mit Ulrich Tukur. Fotos: Majestic,
Fotogalerien
Zhou Ye ist ein ruhiger Zeitgenosse. Doch wenn der Chinese über John Rabe erzählt, geht das mit lebhaften Gesten einher, und die Augen funkeln. Der 34-Jährige kennt die Geschichte des Hamburger Kaufmanns genau. Rabe arbeitete fast 30 Jahre für Siemens in China und wurde dann eher zufällig zu einem Helden.
Zhou Ye stammt aus Nanking (heute: Nanjing), dem Ort des grausamen Geschehens im Jahr 1937. „Jedes Kind kennt dort das John-Rabe-Haus“, sagt er und verweist auf die 2006 eröffnete Gedenkstätte, das Rabe-Forschungszentrum für Friedens- und Konfliktlösung. In diesem Haus hat Rabe gewohnt, Hunderte Chinesen in seinem Garten beherbergt und sie vor dem sicheren Tod bewahrt. Wie viele seiner Landsleute verehrt Zhou Ye den „guten Deutschen von Nanking“, der beim Einmarsch der Japaner blieb, um den Chinesen zu helfen.
Japanisches Massaker
Die Japaner hatten damals Teile Chinas besetzt. Ende 1937 umzingelten sie Nanking und begannen am 10. Dezember mit dem Angriff auf die damalige chinesische Hauptstadt. Es kam zu schlimmen Exzessen der japanischen Soldaten an der Zivilbevölkerung: Sie mordeten, vergewaltigten die Frauen, spießten Babys auf Bajonette auf, verbrannten Zivilisten bei lebendigem Leib. Bei dem Massaker wurden nach chinesischen Angaben in wenigen Wochen 300000 Menschen niedergemetzelt.
In dieser Situation von brutaler Gewalt richtete Rabe zusammen mit anderen in der Stadt lebenden Ausländern eine vier Quadratkilometer große Sicherheitszone ein, die als international kontrolliertes Gebiet der Bevölkerung Zuflucht bieten sollte. Mehr als 200 000 Menschen retteten sich auf dieses Areal. Rabe wurde zum Vorsitzenden des internationalen Komitees für das Schutzquartier gewählt.
Man hoffte, dass er als Deutscher und vor allem als NSDAP-Mitglied Einfluss auf die japanischen Militärs nehmen könne. Japan war seit 1936 mit Deutschland verbündet. Mit dem Parteiabzeichen, der Hakenkreuz-Binde am Arm und Parteibuch trat John Rabe schließlich der kaiserlich-japanischen Armee entgegen.
Augenzeugen berichteten später, dass er so manchen japanischen Eindringling eigenhändig, lautstark und mit der Autorität, die ihm das Hakenkreuz verlieh, vertrieben habe. Mit seinen Mitstreitern verfasste er Berichte an die Regierungen verschiedener Länder, auch an die japanische und an Adolf Hitler. Er bat sie, gegen das Morden einzuschreiten.
Parteiabzeichen als Waffe
John Rabe hielt die Vorgänge in Nanking in seinem Tagebuch fest: „Wir sind in jenen Dezembertagen buchstäblich über Leichen gestiegen“, schrieb er, „fast ein jeder von uns stand dutzend Mal in Gefahr, ermordet zu werden. Ich hatte keine andere Waffe als mein Parteiabzeichen und meine Armbinde mit dem Hakenkreuz.“ Als Rabe am 23.Februar 1938 aus Nanking abreisen musste, schenkten ihm die geretteten Chinesen ein Tuch: „Du bist der lebende Buddha für 100000 Menschen“ stand darauf. „Jeder glaubt, ich sei ein Held, und das kann sehr genierlich sein, denn ich kann nichts Heldenhaftes an oder in mir bemerken“, schrieb er in sein Tagebuch.
Nach Deutschland zurückgekehrt, machte Rabe in Vorträgen auf die Kriegsverbrechen in Nanking aufmerksam. Auch an Hitler verfasste er wiederholt Briefe und hoffte, dass dieser auf die Japaner einwirken würde. Doch die Nationalsozialisten zeigten kein Interesse an Rabes menschenfreundlichem Anliegen. Im Gegenteil: Er wurde von der Gestapo verhaftet, verhört und zum Stillschweigen verurteilt. Er durfte über seine Erlebnisse nicht mehr sprechen. Seine Firma Siemens schob ihn auf unwichtige Posten ab. Nach dem Krieg wurde Rabe von den Briten 1946 nur widerstrebend entnazifiziert. Erst nach langwierigem Verfahren sprachen die Behörden „aufgrund der erfolgreichen humanitären Arbeit in China“ keine Strafe gegen ihn aus.
Die Chinesen aber hatten ihren Retter nicht vergessen. Sie hörten von seinen ärmlichen Lebensverhältnissen in Deutschland und boten ihm an, nach China überzusiedeln und im Hauptkriegsverbrechertribunal in Tokio als Zeuge aufzutreten. Doch das wollte Rabe nicht, weil er keine Japaner hängen sehen wollte, „obgleich sie es verdient hätten“. So sammelten die Chinesen Geld für ihn, das sie ihm nach Deutschland schickten.
Der 67-jährige John Rabe starb im Januar 1950 verarmt und vergessen in Berlin an einem Schlaganfall. Erst 1998 rückte er wieder ins Licht, als seine Tagebücher veröffentlicht wurden. Der Asienexperte und ehemalige deutsche Botschafter in China, Erwin Wickert, hatte diese historischen Dokumente herausgegeben. Wickert lernte Rabe als junger Student 1936 persönlich kennen. Er charakterisierte ihn als einen schlichten Menschen, der hilfsbereit und beliebt war und auch in schwierigen Situationen seinen Humor behielt.
Vor allem sei Rabe kein Nazi gewesen: „Er hat den Nationalsozialismus, von dem er in China nur gelesen, den er aber nicht erlebt hatte, gründlich missverstanden“, schrieb Wickert. Er habe von Hitler und der Wirklichkeit des nationalsozialistischen Deutschland keine Ahnung gehabt. Rabe selbst verzeichnete in seinem Tagebuch: „Hätte ich die Ziele der Partei besser gekannt, wären ich und meine Freunde in China nie in die Partei eingetreten.“
Der Chinese Zhou Ye aus Nanking schätzt sich glücklich, die Tagebücher Rabes im Original eingesehen zu haben. Der Enkel John Rabes, Thomas Rabe, hat sie ihm gezeigt. Der Professor an der Heidelberger Universitäts-Frauenklinik hält das Gedenken an seinen Großvater hoch. Thomas Rabe initiierte das „John Rabe-Kommunikationszentrum“, das in einem kleinen Museum die Tagebücher, Fotos und Briefe aus der Zeit in Nanking aufbewahrt. Außerdem will das Zentrum für Humanismus und Völkerverständigung wirken, indem es Studenten aus China und Japan Stipendien für die Bearbeitung ihrer Forschungsprojekte zur Verfügung stellt. Thomas Rabe spricht von „Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens“, die das Zentrum mit dem Museum als Kristallisationspunkt eröffne. Als nächste Schritte müssten jetzt Informationen über die Geschehnisse, Anerkennung der Taten und gegenseitiges Verzeihen folgen: „Dies wäre sicherlich auch der Wunsch meines Großvaters John Rabe gewesen.“
Verfilmung kommt ins Kino
Zhou Ye bedauert, dass die Geschichte des deutschen Helden in China in Deutschland viel zu wenig bekannt ist. Das wird sich nun möglicherweise ändern. Nächste Woche kommt der Film „John Rabe“ in die deutschen Kinos. Er gilt bereits als Favorit für den deutschen Filmpreis. Regisseur Florian Gallenberger setzt dem Helden wider Willen ein filmisches Denkmal, verklärt ihn aber keineswegs ohne Fehl und Tadel oder gar als bewussten Widerstandskämpfer. Vielmehr zeigt der Film, dass John Rabe an die Spitze des Schutzzonen-Komitees gedrängt wurde und die ihm auferlegte Pflicht mit deutscher Gründlichkeit erfüllt.
„Ich wusste überhaupt nichts von der Existenz dieses John Rabe“, sagt auch Hauptdarsteller Ulrich Tukur. Er sieht Rabe keineswegs als Helden. „Hinter jedem Held steht ja auch nur ein Mensch, der Fehler macht“, sagt Tukur. Auch Rabe sei eine widersprüchliche Figur. Er ist ein Kind seiner Zeit, aber er hatte Mut und eine große Liebe für seine Leute. Es ist die Geschichte einer großen Zivilcourage.“ (dpa)
Zhou Ye stammt aus Nanking (heute: Nanjing), dem Ort des grausamen Geschehens im Jahr 1937. „Jedes Kind kennt dort das John-Rabe-Haus“, sagt er und verweist auf die 2006 eröffnete Gedenkstätte, das Rabe-Forschungszentrum für Friedens- und Konfliktlösung. In diesem Haus hat Rabe gewohnt, Hunderte Chinesen in seinem Garten beherbergt und sie vor dem sicheren Tod bewahrt. Wie viele seiner Landsleute verehrt Zhou Ye den „guten Deutschen von Nanking“, der beim Einmarsch der Japaner blieb, um den Chinesen zu helfen.
Japanisches Massaker
Die Japaner hatten damals Teile Chinas besetzt. Ende 1937 umzingelten sie Nanking und begannen am 10. Dezember mit dem Angriff auf die damalige chinesische Hauptstadt. Es kam zu schlimmen Exzessen der japanischen Soldaten an der Zivilbevölkerung: Sie mordeten, vergewaltigten die Frauen, spießten Babys auf Bajonette auf, verbrannten Zivilisten bei lebendigem Leib. Bei dem Massaker wurden nach chinesischen Angaben in wenigen Wochen 300000 Menschen niedergemetzelt.
In dieser Situation von brutaler Gewalt richtete Rabe zusammen mit anderen in der Stadt lebenden Ausländern eine vier Quadratkilometer große Sicherheitszone ein, die als international kontrolliertes Gebiet der Bevölkerung Zuflucht bieten sollte. Mehr als 200 000 Menschen retteten sich auf dieses Areal. Rabe wurde zum Vorsitzenden des internationalen Komitees für das Schutzquartier gewählt.
Man hoffte, dass er als Deutscher und vor allem als NSDAP-Mitglied Einfluss auf die japanischen Militärs nehmen könne. Japan war seit 1936 mit Deutschland verbündet. Mit dem Parteiabzeichen, der Hakenkreuz-Binde am Arm und Parteibuch trat John Rabe schließlich der kaiserlich-japanischen Armee entgegen.
Augenzeugen berichteten später, dass er so manchen japanischen Eindringling eigenhändig, lautstark und mit der Autorität, die ihm das Hakenkreuz verlieh, vertrieben habe. Mit seinen Mitstreitern verfasste er Berichte an die Regierungen verschiedener Länder, auch an die japanische und an Adolf Hitler. Er bat sie, gegen das Morden einzuschreiten.
Parteiabzeichen als Waffe
John Rabe hielt die Vorgänge in Nanking in seinem Tagebuch fest: „Wir sind in jenen Dezembertagen buchstäblich über Leichen gestiegen“, schrieb er, „fast ein jeder von uns stand dutzend Mal in Gefahr, ermordet zu werden. Ich hatte keine andere Waffe als mein Parteiabzeichen und meine Armbinde mit dem Hakenkreuz.“ Als Rabe am 23.Februar 1938 aus Nanking abreisen musste, schenkten ihm die geretteten Chinesen ein Tuch: „Du bist der lebende Buddha für 100000 Menschen“ stand darauf. „Jeder glaubt, ich sei ein Held, und das kann sehr genierlich sein, denn ich kann nichts Heldenhaftes an oder in mir bemerken“, schrieb er in sein Tagebuch.
Nach Deutschland zurückgekehrt, machte Rabe in Vorträgen auf die Kriegsverbrechen in Nanking aufmerksam. Auch an Hitler verfasste er wiederholt Briefe und hoffte, dass dieser auf die Japaner einwirken würde. Doch die Nationalsozialisten zeigten kein Interesse an Rabes menschenfreundlichem Anliegen. Im Gegenteil: Er wurde von der Gestapo verhaftet, verhört und zum Stillschweigen verurteilt. Er durfte über seine Erlebnisse nicht mehr sprechen. Seine Firma Siemens schob ihn auf unwichtige Posten ab. Nach dem Krieg wurde Rabe von den Briten 1946 nur widerstrebend entnazifiziert. Erst nach langwierigem Verfahren sprachen die Behörden „aufgrund der erfolgreichen humanitären Arbeit in China“ keine Strafe gegen ihn aus.
Die Chinesen aber hatten ihren Retter nicht vergessen. Sie hörten von seinen ärmlichen Lebensverhältnissen in Deutschland und boten ihm an, nach China überzusiedeln und im Hauptkriegsverbrechertribunal in Tokio als Zeuge aufzutreten. Doch das wollte Rabe nicht, weil er keine Japaner hängen sehen wollte, „obgleich sie es verdient hätten“. So sammelten die Chinesen Geld für ihn, das sie ihm nach Deutschland schickten.
Der 67-jährige John Rabe starb im Januar 1950 verarmt und vergessen in Berlin an einem Schlaganfall. Erst 1998 rückte er wieder ins Licht, als seine Tagebücher veröffentlicht wurden. Der Asienexperte und ehemalige deutsche Botschafter in China, Erwin Wickert, hatte diese historischen Dokumente herausgegeben. Wickert lernte Rabe als junger Student 1936 persönlich kennen. Er charakterisierte ihn als einen schlichten Menschen, der hilfsbereit und beliebt war und auch in schwierigen Situationen seinen Humor behielt.
Vor allem sei Rabe kein Nazi gewesen: „Er hat den Nationalsozialismus, von dem er in China nur gelesen, den er aber nicht erlebt hatte, gründlich missverstanden“, schrieb Wickert. Er habe von Hitler und der Wirklichkeit des nationalsozialistischen Deutschland keine Ahnung gehabt. Rabe selbst verzeichnete in seinem Tagebuch: „Hätte ich die Ziele der Partei besser gekannt, wären ich und meine Freunde in China nie in die Partei eingetreten.“
Der Chinese Zhou Ye aus Nanking schätzt sich glücklich, die Tagebücher Rabes im Original eingesehen zu haben. Der Enkel John Rabes, Thomas Rabe, hat sie ihm gezeigt. Der Professor an der Heidelberger Universitäts-Frauenklinik hält das Gedenken an seinen Großvater hoch. Thomas Rabe initiierte das „John Rabe-Kommunikationszentrum“, das in einem kleinen Museum die Tagebücher, Fotos und Briefe aus der Zeit in Nanking aufbewahrt. Außerdem will das Zentrum für Humanismus und Völkerverständigung wirken, indem es Studenten aus China und Japan Stipendien für die Bearbeitung ihrer Forschungsprojekte zur Verfügung stellt. Thomas Rabe spricht von „Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens“, die das Zentrum mit dem Museum als Kristallisationspunkt eröffne. Als nächste Schritte müssten jetzt Informationen über die Geschehnisse, Anerkennung der Taten und gegenseitiges Verzeihen folgen: „Dies wäre sicherlich auch der Wunsch meines Großvaters John Rabe gewesen.“
Verfilmung kommt ins Kino
Zhou Ye bedauert, dass die Geschichte des deutschen Helden in China in Deutschland viel zu wenig bekannt ist. Das wird sich nun möglicherweise ändern. Nächste Woche kommt der Film „John Rabe“ in die deutschen Kinos. Er gilt bereits als Favorit für den deutschen Filmpreis. Regisseur Florian Gallenberger setzt dem Helden wider Willen ein filmisches Denkmal, verklärt ihn aber keineswegs ohne Fehl und Tadel oder gar als bewussten Widerstandskämpfer. Vielmehr zeigt der Film, dass John Rabe an die Spitze des Schutzzonen-Komitees gedrängt wurde und die ihm auferlegte Pflicht mit deutscher Gründlichkeit erfüllt.
„Ich wusste überhaupt nichts von der Existenz dieses John Rabe“, sagt auch Hauptdarsteller Ulrich Tukur. Er sieht Rabe keineswegs als Helden. „Hinter jedem Held steht ja auch nur ein Mensch, der Fehler macht“, sagt Tukur. Auch Rabe sei eine widersprüchliche Figur. Er ist ein Kind seiner Zeit, aber er hatte Mut und eine große Liebe für seine Leute. Es ist die Geschichte einer großen Zivilcourage.“ (dpa)
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