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Politik
Mittwoch, 21. Mai 2008
(Sächsische Zeitung)

Der Feind in meinem Briefkasten

Von Wolfgang Donsbach

Perspektiven – unter diesem Titel veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Kommentare, Essays und Analysen zu aktuellen Themen. Texte, die aus der ganz persönlichen Sicht des Autoren Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen. Heute der Medienwissenschaftler Professor Wolfgang Donsbach zu der Frage, wie die Haltung der Gegner und Befürworter der Dresdner Waldschlößchenbrücke ihre Sicht auf die Zeitungsberichte zu diesem Thema beeinflusst und sie zu unterschiedlichen Wertungen kommen lässt.

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Nicht nur an der geplanten Waldschlößchenbrücke in Dresden – hier eine Computersimulation vom Januar 2008 – scheiden sich die Geister, auch an der Berichterstattung über das Pro und Kontra in den Zeitungen. Gegner und Befürworter nehmen sie – je nach Standpunkt – unterschiedlich wahr. Forscher bescheinigen den Beiträgen hingegen überwiegend Neutralität. Abb.: Henry Ripke Architekten/dpa

Eine vertraute Situation für Chefredakteure überall auf der Welt: Sie gaben sich die größte Mühe, ein konfliktgeladenes Thema so neutral und objektiv wie möglich darzustellen, lassen alle Seiten gleich zu Wort kommen und achten peinlichst darauf, dass keine in einem besseren Licht erscheint als die andere. Und am nächsten Morgen? Die Telefone laufen heiß, sie werden mit E-Mails und Faxen überschüttet, in denen man sie beschimpft, wieder einmal einseitig und manipulativ berichtet zu haben. Meistens münden diese Reaktionen in die Androhung, diese parteiische Zeitung nun endlich abzubestellen.

Das Interessante daran: Die Beschimpfungen kommen gleichermaßen von beiden Konfliktpartnern. Der erfahrene Chefredakteur wird sich wissend in dem Bewusstsein zurücklehnen, alles richtig gemacht zu haben. Denn wenn sich beide Seiten beschweren, war der Bericht wohl wirklich ausgewogen.

Paradebeispiel Brücke

Ein lokales Paradebeispiel für dieses Phänomen ist in Dresden das Thema Waldschlößchenbrücke. Es hat alle Zutaten eines richtigen Konfliktthemas. Die Fronten sind verhärtet. Es gibt Aktivisten auf beiden Seiten, und beide reklamieren für ihre Seite die moralisch besseren Werturteile. Anna-Maria Mende, heute wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft, legte für ihre Examensarbeit überzeugten Anhängern und Gegnern der Brücke einen vorher auf Ausgewogenheit getesteten Beitrag zum Thema vor. Die Gegner der Brücke waren überzeugt, der Artikel ergreife Partei für den Bau. Die Anhänger der Brücke, meinten, er sei verzerrt zugunsten eines Baustopps.

Das gleiche Phänomen finden wir, wenn wir die Dresdner Bevölkerung ganz allgemein danach fragen, ob in den Zeitungen eher die Gegner oder eher die Anhänger zu Wort kommen. Dresdner, die selbst gegen die Brücke sind, meinen mehrheitlich, die Anhänger kämen eher zu Wort, und Dresdner, die selbst für die Brücke eintreten, behaupten, die Zeitungen gäben den Gegnern mehr Raum (siehe Grafik).

Wer hat nun recht? Auch das haben wir untersucht. Grit Schreiter analysierte den Inhalt von 704 Beiträgen, die in allen Dresdner Zeitungen zwischen Mitte 1996 und Mitte 2006 zum Thema Brücke erschienen waren.

Das Bild ist eher durchwachsen. Mal publizierten die Dresdner Zeitungen mehr Beiträge, die für die Brücke sprachen, mal mehr dagegen. Das Jahr 2003 war bei allen Dresdner Zeitungen ein Anti-Jahr, 2005 – das Jahr des Bürgerentscheids – ein Pro-Jahr. Die Trendwechsel haben die Zeitungen fast immer gemeinsam vollzogen, auch wenn die Sächsische Zeitung insgesamt das Brückenprojekt etwas positiver darstellte und die Dresdner Neuesten Nachrichten etwas kritischer.

Zwangsläufig verzerrt

Unsere Inhaltsanalyse der Berichterstattung zeigte auch, dass in den mit Abstand meisten Beiträgen nicht erkennbar war, ob der betreffende Journalist oder die Journalistin selbst für oder gegen den Bau der Brücke ist: Bei 20Prozent war sie schwach, bei nur acht Prozent deutlich erkennbar. Am neutralsten berichtete im Übrigen die Sächsische Zeitung, bei der nur 16Prozent der Beiträge über die Waldschlößchenbrücke die Meinung des Redakteurs durchscheinen ließen (Grafik unten).

Das Thema Waldschlößchenbrücke ist also eigentlich kein Grund für wütende Abbestellungen oder zumindest Beschimpfungen der Redaktionen. Was steckt aber hinter den Urteilen der Aktivisten?

Die Kommunikationswissenschaft hat für dieses Phänomen einen Namen: die „Theorie des feindlichen Mediums“. Zum ersten Mal haben dieses Phänomen in den achtziger Jahren drei Forscher daran untersucht, wie amerikanische Studenten einen neutralen Fernsehbeitrag über einen israelischen Angriff auf ein Palästinenserlager im Libanon wahrnahmen. Sie ließen pro-israelische, pro-palästinensische und neutrale Versuchspersonen unter anderem einschätzen, wie objektiv der Fernsehbericht war, welche Seite er bevorzugte, welche Meinung der Redakteur wohl hat und ob er die Zuschauer eher in die eine oder andere Richtung beeinflussen würde.

Die Ergebnisse waren ganz eindeutig: Immer sahen die Zuschauer mit einer fester Meinung zum Israel-Konflikt eine Verzerrung, die gegen die eigene Meinung gerichtet war, während die neutralen Zuschauer den Beitrag für ausgewogen hielten. Die Forscher hatten eine einfache Erklärung für dieses Phänomen: Je parteiischer ein Leser oder Zuschauer ist, desto einseitiger ist sein Reservoir an relevanten Argumenten zu dem Konflikt. Mit anderen Worten, der Gegner kennt viel mehr Kontra-Argumente und der Befürworter viel mehr Pro-Argumente. Aus der jeweiligen Perspektive ist dann selbst der ausgewogenste Beitrag zwangsläufig verzerrt, weil er relativ mehr Argumente der Gegenseite enthält, als der Aktivist kennt.

Zurück zur Dresdner Waldschlößchenbrücke. Auch wenn der Leser zu Recht in dem einen oder anderen Beitrag die nötige Neutralität oder Sachlichkeit vermisst: Man sollte sich immer erst fragen, ob das Urteil über die Zeitung nicht vielleicht an der eigenen Parteilichkeit liegt.



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