Ratgeber
Freitag, 21. September 2007
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Was tun gegen das Gewitter im Kopf?
Von Renate Berthold
Migräne-Patienten müssen oft nicht nur gegen Kopfschmerzen, sondern auch gegen Vorurteile kämpfen.
Dr. Elke Wollenhaupt (44) hat in Berlin und Dresden Medizin studiert. Sie ist Fachärztin für Neurologie und für Psychiatrie mit der Zusatzbezeichnung Psychotherapie. Seit 1996 arbeitet sie in eigener Praxis, seit zwei Jahren ist dies eine Akademische Lehrpraxis an der TU Dresden. Elke Wollenhaupt ist verheiratet und hat einen 24-jährigen Sohn. Foto: R. Bonß
In sz-online
Special
SZ-Sprechstunde: Ärzte für Sie am Telefon
Spezialisten aus Sachsen geben Rat zu Volkskrankheiten.
Spezialisten aus Sachsen geben Rat zu Volkskrankheiten.
sz.service@dd-v.de
Richten Sie Ihre Fragen an die Experten.
Richten Sie Ihre Fragen an die Experten.
Na klar, Madame hat wieder einmal ihre Migräne. – Wie oft wird dieser Satz herablassend gesprochen, wenn eine Kollegin wegen ihrer Kopfschmerz-attacken zu Hause bleiben muss.
Wie bei kaum einer anderen Krankheit wird die Diagnose und Therapie durch Vorurteile und Unwissenheit so erschwert wie bei Migräne, sagen Schmerzexperten. Noch immer meinen viele, die Betroffenen seien lediglich hysterisch, überspannt, eingebildete Kranke oder Drückeberger. Migräne-Patienten leiden häufig unter der Stigmatisierung: Sie gelten als wehleidig oder hysterisch, sie werden manchmal gar als Hypochonder und Simulanten dargestellt. „Nach dem Mittagessen kriegte Frau Direktor Pogge Migräne. Migräne sind Kopfschmerzen, auch wenn man keine hat“, spottete auch Erich Kästner in seinem Buch „Pünktchen und Anton“.
Auch Männer betroffen
Diese falsche Einschätzung resultiert vielleicht daraus, dass Frauen viel häufiger betroffen sind als Männer, sagt Dr. Elke Wollenhaupt, niedergelassene Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie in Dresden, die auch Migräne behandelt. Dabei gibt es viele prominente Migräne-Männer: Wilhelm Busch, Friedrich Wilhelm Nietzsche, Charles Darwin oder Heinrich Heine zum Beispiel. Doch darüber redet Mann nicht.
Migräne – das sind plötzlich auftretende Attacken mit Kopfschmerzen, häufig einseitig pulsierend und pochend, die bei körperlicher Anstrengung zunehmen, erklärt Elke Wollenhaupt. Begleitbeschwerden sind fast immer Appetitlosigkeit, Übelkeit, häufig auch Erbrechen. Typisch sind Lichtscheu und Lärmempfindlichkeit. Auch auf bestimmte Gerüche wird oft überempfindlich reagiert. Häufig ziehen sich die Patienten zurück in einen ruhigen, dunklen Raum, begeben sich freiwillig in die Isolation.
„Manche Patienten erleben vor der Kopfschmerzattacke eine sogenannte Aura“, erzählt die 44-jährige Medizinerin. Dazu gehören Einschränkungen des Gesichtsfeldes oder Blitze und Zick-Zack-Linien vor den Augen, Sprachstörungen bis hin zu einseitigen Lähmungen – Anzeichen, wie sie auch auf einen Schlaganfall hindeuten können. 20 bis 30 Minuten nach dieser Aura folgt meist die Schmerzattacke, die unbehandelt zwischen vier und 72 Stunden andauern kann. Bei anderen Patienten kündigt sich ein Migräneanfall durch depressive Verstimmung, Unruhe, Benommenheit oder durch Überaktivität und Hochgefühle an.
Vorsicht vor Selbstmedikation
Etwa sechs bis acht Prozent aller Männer und 12 bis 14 Prozent aller Frauen leiden unter einer Migräne. Vor der Pubertät sind übrigens Jungen und Mädchen gleich häufig betroffen. Danach sind Frauen deutlich häufiger von diesen Attacken geplagt als Männer: Zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr sogar dreimal so häufig. Kleiner Trost: Zwischen 50. und 70. verschwindet die Migräne häufig von selbst.
Leichte bis mittelschwere Migränekopfschmerzen können mit ASS, Ibuprofen oder Paracetamol beispielsweise behandelt werden. Dabei haben Brause- oder Kautabletten den Vorrang, weil die Wirkstoffe schnell aufgenommen werden können. Allerdings ist bei der Selbstmedikation Vorsicht geboten: Wer zu häufig Schmerzmittel schluckt, könnte einen medikamenten-induzierten Dauerkopfschmerz auslösen. Daher rät Elke Wollenhaupt von einer Eigentherapie ab. „Die Medikation gehört in die Hand des Arztes“, sagt sie. Bei starken und schweren Attacken werden Triptane eingesetzt, am besten gleich zu Beginn eines Anfalls. Diese Mittel wirken gezielt gegen die Migräne und deren Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen.
Entspannung und ein moderates Ausdauertraining wie Radfahren, Walken oder Schwimmen können helfen, Migräneanfällen vorzubeugen. Elke Wollenhaupt empfiehlt vor allem die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen. Dabei werden einzelne Muskeln für fünf bis sieben Sekunden angespannt und anschließend 30 bis 40 Sekunden bewusst entspannt.
Rotwein oder Käse als Auslöser
Und noch etwas ist ganz wichtig. Migräne-Attacken können verschiedene Auslöser haben. In der Fachsprache werden sie Trigger genannt. Solche Auslöser können körperlicher oder seelischer Stress sein oder Hormonschwankungen oder auch ein veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus. Daher treten Migräne-Attacken häufig an den Wochenenden oder im Urlaub auf. Wer anfällig dafür ist, sollte auch an freien Tagen seinen gewohnten Rhythmus beibehalten und nicht länger schlafen, rät Elke Wollenhaupt.
Auch bestimmte Lebensmittel wie Rotwein, Käse oder Schokolade sind als Trigger bekannt. Mit einem Schmerztagebuch lässt sich das genau herausfinden. Interessant ist: Wer regelmäßig Kaffee trinkt, kann Migräne bekommen, wenn der Koffeinspiegel im Blut sinkt.
„Vor der Migräne gibt es leider keinen Schutz. Betroffene können lediglich die Auslöser meiden und bei den ersten Anzeichen schnell reagieren, um die Attacken einzudämmen“, sagt die Neurologin. „Lange Zeit sind wir Ärzte hilflos gewesen. Mit den Triptanen gibt es endlich eine effektive Behandlungsmöglichkeit.“
Sie weiß, wie sehr die Schmerzanfälle die Lebensqualität beeinträchtigen. „Der Leidensdruck ist groß. Oft ziehen sich die Patienten zurück. Freizeitaktivitäten werden gestrichen.“ Dazu kommt noch häufig der Vorwurf, eingebildete Kranke zu sein. „Menschen, die unter Migräne leiden, sind oft ganz besonders ehrgeizig und pflichtbewusst, zuverlässig und genau – . Sie sind Kämpfernaturen, die nur ab und zu ein Migräneanfall umhaut.“
Lesen Sie am Montag: Schützen Kreuzworträtsel vor Demenz?
Wie bei kaum einer anderen Krankheit wird die Diagnose und Therapie durch Vorurteile und Unwissenheit so erschwert wie bei Migräne, sagen Schmerzexperten. Noch immer meinen viele, die Betroffenen seien lediglich hysterisch, überspannt, eingebildete Kranke oder Drückeberger. Migräne-Patienten leiden häufig unter der Stigmatisierung: Sie gelten als wehleidig oder hysterisch, sie werden manchmal gar als Hypochonder und Simulanten dargestellt. „Nach dem Mittagessen kriegte Frau Direktor Pogge Migräne. Migräne sind Kopfschmerzen, auch wenn man keine hat“, spottete auch Erich Kästner in seinem Buch „Pünktchen und Anton“.
Auch Männer betroffen
Diese falsche Einschätzung resultiert vielleicht daraus, dass Frauen viel häufiger betroffen sind als Männer, sagt Dr. Elke Wollenhaupt, niedergelassene Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie in Dresden, die auch Migräne behandelt. Dabei gibt es viele prominente Migräne-Männer: Wilhelm Busch, Friedrich Wilhelm Nietzsche, Charles Darwin oder Heinrich Heine zum Beispiel. Doch darüber redet Mann nicht.
Migräne – das sind plötzlich auftretende Attacken mit Kopfschmerzen, häufig einseitig pulsierend und pochend, die bei körperlicher Anstrengung zunehmen, erklärt Elke Wollenhaupt. Begleitbeschwerden sind fast immer Appetitlosigkeit, Übelkeit, häufig auch Erbrechen. Typisch sind Lichtscheu und Lärmempfindlichkeit. Auch auf bestimmte Gerüche wird oft überempfindlich reagiert. Häufig ziehen sich die Patienten zurück in einen ruhigen, dunklen Raum, begeben sich freiwillig in die Isolation.
„Manche Patienten erleben vor der Kopfschmerzattacke eine sogenannte Aura“, erzählt die 44-jährige Medizinerin. Dazu gehören Einschränkungen des Gesichtsfeldes oder Blitze und Zick-Zack-Linien vor den Augen, Sprachstörungen bis hin zu einseitigen Lähmungen – Anzeichen, wie sie auch auf einen Schlaganfall hindeuten können. 20 bis 30 Minuten nach dieser Aura folgt meist die Schmerzattacke, die unbehandelt zwischen vier und 72 Stunden andauern kann. Bei anderen Patienten kündigt sich ein Migräneanfall durch depressive Verstimmung, Unruhe, Benommenheit oder durch Überaktivität und Hochgefühle an.
Vorsicht vor Selbstmedikation
Etwa sechs bis acht Prozent aller Männer und 12 bis 14 Prozent aller Frauen leiden unter einer Migräne. Vor der Pubertät sind übrigens Jungen und Mädchen gleich häufig betroffen. Danach sind Frauen deutlich häufiger von diesen Attacken geplagt als Männer: Zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr sogar dreimal so häufig. Kleiner Trost: Zwischen 50. und 70. verschwindet die Migräne häufig von selbst.
Leichte bis mittelschwere Migränekopfschmerzen können mit ASS, Ibuprofen oder Paracetamol beispielsweise behandelt werden. Dabei haben Brause- oder Kautabletten den Vorrang, weil die Wirkstoffe schnell aufgenommen werden können. Allerdings ist bei der Selbstmedikation Vorsicht geboten: Wer zu häufig Schmerzmittel schluckt, könnte einen medikamenten-induzierten Dauerkopfschmerz auslösen. Daher rät Elke Wollenhaupt von einer Eigentherapie ab. „Die Medikation gehört in die Hand des Arztes“, sagt sie. Bei starken und schweren Attacken werden Triptane eingesetzt, am besten gleich zu Beginn eines Anfalls. Diese Mittel wirken gezielt gegen die Migräne und deren Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen.
Entspannung und ein moderates Ausdauertraining wie Radfahren, Walken oder Schwimmen können helfen, Migräneanfällen vorzubeugen. Elke Wollenhaupt empfiehlt vor allem die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen. Dabei werden einzelne Muskeln für fünf bis sieben Sekunden angespannt und anschließend 30 bis 40 Sekunden bewusst entspannt.
Rotwein oder Käse als Auslöser
Und noch etwas ist ganz wichtig. Migräne-Attacken können verschiedene Auslöser haben. In der Fachsprache werden sie Trigger genannt. Solche Auslöser können körperlicher oder seelischer Stress sein oder Hormonschwankungen oder auch ein veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus. Daher treten Migräne-Attacken häufig an den Wochenenden oder im Urlaub auf. Wer anfällig dafür ist, sollte auch an freien Tagen seinen gewohnten Rhythmus beibehalten und nicht länger schlafen, rät Elke Wollenhaupt.
Auch bestimmte Lebensmittel wie Rotwein, Käse oder Schokolade sind als Trigger bekannt. Mit einem Schmerztagebuch lässt sich das genau herausfinden. Interessant ist: Wer regelmäßig Kaffee trinkt, kann Migräne bekommen, wenn der Koffeinspiegel im Blut sinkt.
„Vor der Migräne gibt es leider keinen Schutz. Betroffene können lediglich die Auslöser meiden und bei den ersten Anzeichen schnell reagieren, um die Attacken einzudämmen“, sagt die Neurologin. „Lange Zeit sind wir Ärzte hilflos gewesen. Mit den Triptanen gibt es endlich eine effektive Behandlungsmöglichkeit.“
Sie weiß, wie sehr die Schmerzanfälle die Lebensqualität beeinträchtigen. „Der Leidensdruck ist groß. Oft ziehen sich die Patienten zurück. Freizeitaktivitäten werden gestrichen.“ Dazu kommt noch häufig der Vorwurf, eingebildete Kranke zu sein. „Menschen, die unter Migräne leiden, sind oft ganz besonders ehrgeizig und pflichtbewusst, zuverlässig und genau – . Sie sind Kämpfernaturen, die nur ab und zu ein Migräneanfall umhaut.“
Lesen Sie am Montag: Schützen Kreuzworträtsel vor Demenz?
sz-online-Partnersites
Weitere Online-Angebote der Bertelsmann AG | Weitere Online-Angebote der DD+V-MediengruppeWeitere Online-Angebote des Verlagshauses G+J AG & Co KG:
art, augenzeuge.de, Börse-Online, BRIGITTE.de, bym.de, bym-WG, Capital, chefkoch.de, Diät.com, DOGS MAGAZIN, eBay-Magazin, Eltern.de, Elternfamily.de, Emotion.de, ESSEN UND TRINKEN, FTD, Gala, GEO, GEOlino, GEO-Reisecommunity, GraumarktInfo.de, G+J, G+J Electronic Media Sales, G+J Media Sales, G+J PresseDatenBank, healthyliving.de, Immobilien-Kompass, Impulse, Impulse Gründerzeit, kino.de, LIVING AT HOME, meinABO.de, NATIONAL GEOGRAPHIC, NEON, neueszuhause.de, Nido, Park Avenue, PM Online, Shortlist, stern.de, VIEW, WieWohnstDu.de, xx-well.com







