Sachsen
Samstag, 9. Dezember 2006
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Die Angst vorm „Chinamännel“
Von Thomas Schade
Seiffen. Im Mekka des Holzspielzeugs kommt die Globalisierung an. Ein Importeur hat im Dorf eröffnet. An ihm scheiden sich die Geister.
Eigentlich ist Bürgermeister Wolfgang Schreiter mit dem ersten Advent ganz zufrieden. „Es läuft gut an“, sagt er. Fast 180 Reisebusse haben sie vergangenes Wochenende in Seiffen gezählt, mehr als vor einem Jahr. An solchen Tagen rollt auf der Hauptstraße des bekanntesten Spielzeugdorfes im Erzgebirge nichts mehr. Über zehntausend Gäste bevölkern dann den Ort am Fuße des Schwartenberges, ziehen von einem Laden zum anderen, um die Angebote zu sondieren in der Hochburg der Räuchermännel und Schwibbögen.
Jedes Jahr im Advent ist Seiffen ein einziger Weihnachtsmarkt. Neu ist nur eine Frage: „Wo ist denn der Laden, von dem alle reden?“ Das wollen viele Besucher wissen, sagt Schreiter. Notgedrungen zeigt er dann talwärts.
Wie ein Stich ins Herz
Ganz untypisch für die Seiffener Vorweihnachtswelt leuchten dort in grellem Gelb Worte wie „Neueröffnung“ und „Kunsthandwerk aus aller Welt“ von der frisch geputzten Fassade. Der Laden gilt im Ort als das Böse schlechthin. Er gehört der Firma Schulte Kunstgewerbe International mit Sitz in Haren im Emsland. Firmenchef Johannes Schulte zählt zu den führenden Importeuren von Holzfiguren, die man in Seiffen verachtungsvoll nur „Chinamännel“ nennt.
Der 52-jährige Schulte ist im Erzgebirge kein Unbekannter. „Zahlreiche Firmen unseres Verbandes haben sich mit ihm schon vor Gericht getroffen und sind fast immer als Sieger nach Hause gekommen“, sagt Dieter Uhlmann, der Geschäftsführer des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller. Stets stritten heimische Firmen mit dem Importeur asiatischer Billigprodukte wegen des Musterschutzes. Um die „Buckligen Alten“ beispielsweise führten die Kunstgewerbewerkstätten Olbernhau einen siebenjährigen „Räuchermänner-Krieg“ mit Schulte. Erst vor dem Oberlandesgericht streckte er die Waffen und verzichtete darauf, die „Buckligen Alten“ zu kopieren.
Nun ist der Emsländer mit einem eigenen Laden voller „Chinamännel“ in Seiffen aufgetaucht. Wie „einen Stich ins Herz unserer Volkskunst“ empfindet das Ringo Müller. Der junge Holzspielzeugmachermeister führt in dritter Generation einen der Traditionsbetriebe. Seine 44Mitarbeiter sind auf hochwertige Pyramiden spezialisiert.
Seit einigen Wochen ist Müller auch Sprecher der Kampagne „Original statt Plagiat“, mit der sich das heimische Kunsthandwerk gegen die drohende „chinesische Übermacht“ zur Wehr setzt. Die Besucher würden erwarten, dass ihnen in Seiffen nur echte Holzkunst angeboten wird, und nun gebe es hier den Laden mit den „Chinamannln“,wie Müller sagt. „Wir können keinen vertreiben, wir können nur sensibilisieren, am Ende entscheidet der Kunde.“ Deshalb zieren von Tag zu Tag mehr Aufkleber mit dem Worten „Original statt Plagiat“ die Seiffener Ladentüren.
Keine Angst vor Mobbing
Johannes Schulte zeigt sich von der Kampagne nicht allzu sehr beeindruckt. Er lasse sich von hier nicht wegmobben, sagt er. Schließlich wollte er anfangs gar nicht nach Seiffen, sondern nach Olbernhau. Dort hatte er ein Gebäude gemietet. „Dann wurde mir plötzlich gekündigt, nachdem man die Vermieterin bearbeitet hatte“, so Schulte. „Wir haben mit der Frau gesprochen“, so Verbandsgeschäftsführer Uhlmann. Danach tauchte Schulte in Seiffen auf, ausgerechnet neben „Max Hetze“, dem mit 150 Jahren ältesten Holzkunst-Verlag im Ort, der nicht mehr tätig ist.
Handfest geht es gegen Schulte auch hier zur Sache. Der Vermieter steht zwar zu seinem Vertrag. Aber schon nach wenigen Tagen durchschlug ein Stein die Scheibe von Schultes Auto. Beim Ausbau des Ladens kündigte ihm ein Handwerker. „Der wurde bedroht“, so Schulte. Auch das Hotel, in dem er logiert hatte, habe ihn vor die Tür gesetzt. Und die Banken im Ort wollten ihm kein Konto eröffnen, sagt er.
Im Büro von Matthias Schalling stehen auf dem Tisch zwei Paare „Engel“ und „Bergmann“–traditionelle Figuren des Erzgebirges. Ein Paar stammt aus Schallings Werkstatt, das andere aus Schultes Laden. Beide Paare ähneln einander auffallend, unterscheiden sich nur in Details. Matthias Schalling zeigt auf die Drechselkanten der Figuren. Im direkten Vergleich sieht auch der Laie: Im Erzgebirge wird sauberer gearbeitet. „Aber der Kunde hat den direkten Vergleich meist nicht, deshalb werben wir für das Original“, sagt Schalling.
Er bezeichnet Schultes „Engel“ als Nachahmung, nicht als Plagiat. Ein Gericht müsste erst feststellen, ob der China-Engel durch Diebstahl seines geistigen Eigentums entstand. „Aber für einen teuren Rechtsstreit haben wir kein Geld“, sagt der Seiffener. Er muss damit leben, dass sein „Engel“ ein paar Meter weiter für ein Drittel des Preises zu haben ist. „Da wird die Seele des Engels verkauft“, sagt Schalling.
Etwa 30 Firmen würden derzeit ähnlich wie Schalling durch Nachahmungen geschädigt, sagt Verbandsgeschäftsführer Dieter Uhlmann, nach einem Blick in Schultes aktuellen Katalog. „Herr Schulte soll wissen, dass er hier nicht willkommen ist“, sagt er deutlich.
Nicht ganz zufällig wagt der geschäftstüchtige Emsländer seinen Vorstoß ins geheiligte Spielzeugland gerade jetzt. Nach guten Jahren befinde sich die Branche wirtschaftlich in einer Konsolidierung, sagt Seiffens Bürgermeister Schreiter. Als er vor sechs Jahren sein Amt antrat, betrug die Arbeitslosenquote im Ort nur sechs Prozent. Jetzt seien es etwa 16 Prozent.
Spitzenlöhne locken
Längst hat sich rumgesprochen, dass der Fremde nach einheimischen Fachkräften und weiteren Immobilien sucht. Johannes Schulte macht daraus kein Geheimnis: Einen eigenen Musterbau „mit guten Leuten von hier“ will er in Seiffen aufbauen. In Asien, wo er angeblich 300 Chinesen in Lohn und Brot hat, sollen die Muster dann in Masse gefertigt werden. Schultes Rechnung ist einfach: Hier in Seiffen würden Stundenlöhne von vier bis sieben Euro gezahlt. Den Chinesen müsse er nur einen Euro zahlen und bekomme zunehmend bessere Qualität. Schulte kann sich sogar vorstellen, die Einzelteile in China fertigen zu lassen und die Figuren in Seiffen zu montieren.
Plötzlich, so scheint es, hat die weltweite Globalisierung auch die 2600 Einwohner in dem Erzgebirgsdorf voll erwischt. Kampagnen-Sprecher Ringo Müller ahnt, dass Schultes Laden eher das kleine Problem ist. Er rechnet damit, dass der Emsländer auch den Ortsnamen missbrauchen könnte, wenn er seine Importware künftig von Seiffen aus an die Endkunden versende. Dann käme Schultes asiatisches „Kunstgewerbe“ plötzlich aus Seiffen. Ein böser Bluff, meint Ringo Müller und spricht von einer „direkten Tragödie“.
Bürgermeister Schreiter sieht die heimische Branche eher vor einer neuen Herausforderung. „Der Kampf gegen Plagiate ist nicht neu, er wird nur brisanter“, sagt er. Bisher war das „Chinamännel“ weit weg. Jetzt stehe es mit einem Fuß in der Tür. Mit neuen Formen, Ganzjahresangeboten und der Kraft der Kreativen in der Branche sieht er auch künftig für die erzgebirgische Holzkunst gute Chancen.
Schatten über der Rundkirche
In Schultes Laden halten derweil Tapea und Ines die Stellung. Beide kommen aus der Region. „Wir sind gelernte Holzspielzeugmacherinnen“, sagt Tapea fast trotzig. „Anfeindungen“ seien sie ausgesetzt. Sogar im Laden würden sich die Leute das Maul zerreißen. „Euch werden schon noch Schlitzaugen wachsen“, werde gespottet, sagt eines der Mädchen. Beide hatten nach der Lehre keinen Job. Deshalb nahmen sie Schultes Angebot an. Acht Euro die Stunde zahlt der Chef eigenen Angaben zufolge seinen Frauen. Ein Spitzenlohn in Seiffen.
Vor einer Woche kehrte die kleine Bergparade demonstrativ vor Schultes Laden um. Am dritten Advent werden 400 Trachtenträger auf der Hauptstraße zur großen Bergparade aufmarschieren. Sollten auch sie den Eindringling auf diese Weise strafen, dann liegt wohl endgültig ein dunkler Schatten über dem leuchtenden Rundkirchlein, das dieser Tage in der Dämmerung eine trügerische Idylle vermittelt.
Jedes Jahr im Advent ist Seiffen ein einziger Weihnachtsmarkt. Neu ist nur eine Frage: „Wo ist denn der Laden, von dem alle reden?“ Das wollen viele Besucher wissen, sagt Schreiter. Notgedrungen zeigt er dann talwärts.
Wie ein Stich ins Herz
Ganz untypisch für die Seiffener Vorweihnachtswelt leuchten dort in grellem Gelb Worte wie „Neueröffnung“ und „Kunsthandwerk aus aller Welt“ von der frisch geputzten Fassade. Der Laden gilt im Ort als das Böse schlechthin. Er gehört der Firma Schulte Kunstgewerbe International mit Sitz in Haren im Emsland. Firmenchef Johannes Schulte zählt zu den führenden Importeuren von Holzfiguren, die man in Seiffen verachtungsvoll nur „Chinamännel“ nennt.
Der 52-jährige Schulte ist im Erzgebirge kein Unbekannter. „Zahlreiche Firmen unseres Verbandes haben sich mit ihm schon vor Gericht getroffen und sind fast immer als Sieger nach Hause gekommen“, sagt Dieter Uhlmann, der Geschäftsführer des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller. Stets stritten heimische Firmen mit dem Importeur asiatischer Billigprodukte wegen des Musterschutzes. Um die „Buckligen Alten“ beispielsweise führten die Kunstgewerbewerkstätten Olbernhau einen siebenjährigen „Räuchermänner-Krieg“ mit Schulte. Erst vor dem Oberlandesgericht streckte er die Waffen und verzichtete darauf, die „Buckligen Alten“ zu kopieren.
Nun ist der Emsländer mit einem eigenen Laden voller „Chinamännel“ in Seiffen aufgetaucht. Wie „einen Stich ins Herz unserer Volkskunst“ empfindet das Ringo Müller. Der junge Holzspielzeugmachermeister führt in dritter Generation einen der Traditionsbetriebe. Seine 44Mitarbeiter sind auf hochwertige Pyramiden spezialisiert.
Seit einigen Wochen ist Müller auch Sprecher der Kampagne „Original statt Plagiat“, mit der sich das heimische Kunsthandwerk gegen die drohende „chinesische Übermacht“ zur Wehr setzt. Die Besucher würden erwarten, dass ihnen in Seiffen nur echte Holzkunst angeboten wird, und nun gebe es hier den Laden mit den „Chinamannln“,wie Müller sagt. „Wir können keinen vertreiben, wir können nur sensibilisieren, am Ende entscheidet der Kunde.“ Deshalb zieren von Tag zu Tag mehr Aufkleber mit dem Worten „Original statt Plagiat“ die Seiffener Ladentüren.
Keine Angst vor Mobbing
Johannes Schulte zeigt sich von der Kampagne nicht allzu sehr beeindruckt. Er lasse sich von hier nicht wegmobben, sagt er. Schließlich wollte er anfangs gar nicht nach Seiffen, sondern nach Olbernhau. Dort hatte er ein Gebäude gemietet. „Dann wurde mir plötzlich gekündigt, nachdem man die Vermieterin bearbeitet hatte“, so Schulte. „Wir haben mit der Frau gesprochen“, so Verbandsgeschäftsführer Uhlmann. Danach tauchte Schulte in Seiffen auf, ausgerechnet neben „Max Hetze“, dem mit 150 Jahren ältesten Holzkunst-Verlag im Ort, der nicht mehr tätig ist.
Handfest geht es gegen Schulte auch hier zur Sache. Der Vermieter steht zwar zu seinem Vertrag. Aber schon nach wenigen Tagen durchschlug ein Stein die Scheibe von Schultes Auto. Beim Ausbau des Ladens kündigte ihm ein Handwerker. „Der wurde bedroht“, so Schulte. Auch das Hotel, in dem er logiert hatte, habe ihn vor die Tür gesetzt. Und die Banken im Ort wollten ihm kein Konto eröffnen, sagt er.
Im Büro von Matthias Schalling stehen auf dem Tisch zwei Paare „Engel“ und „Bergmann“–traditionelle Figuren des Erzgebirges. Ein Paar stammt aus Schallings Werkstatt, das andere aus Schultes Laden. Beide Paare ähneln einander auffallend, unterscheiden sich nur in Details. Matthias Schalling zeigt auf die Drechselkanten der Figuren. Im direkten Vergleich sieht auch der Laie: Im Erzgebirge wird sauberer gearbeitet. „Aber der Kunde hat den direkten Vergleich meist nicht, deshalb werben wir für das Original“, sagt Schalling.
Er bezeichnet Schultes „Engel“ als Nachahmung, nicht als Plagiat. Ein Gericht müsste erst feststellen, ob der China-Engel durch Diebstahl seines geistigen Eigentums entstand. „Aber für einen teuren Rechtsstreit haben wir kein Geld“, sagt der Seiffener. Er muss damit leben, dass sein „Engel“ ein paar Meter weiter für ein Drittel des Preises zu haben ist. „Da wird die Seele des Engels verkauft“, sagt Schalling.
Etwa 30 Firmen würden derzeit ähnlich wie Schalling durch Nachahmungen geschädigt, sagt Verbandsgeschäftsführer Dieter Uhlmann, nach einem Blick in Schultes aktuellen Katalog. „Herr Schulte soll wissen, dass er hier nicht willkommen ist“, sagt er deutlich.
Nicht ganz zufällig wagt der geschäftstüchtige Emsländer seinen Vorstoß ins geheiligte Spielzeugland gerade jetzt. Nach guten Jahren befinde sich die Branche wirtschaftlich in einer Konsolidierung, sagt Seiffens Bürgermeister Schreiter. Als er vor sechs Jahren sein Amt antrat, betrug die Arbeitslosenquote im Ort nur sechs Prozent. Jetzt seien es etwa 16 Prozent.
Spitzenlöhne locken
Längst hat sich rumgesprochen, dass der Fremde nach einheimischen Fachkräften und weiteren Immobilien sucht. Johannes Schulte macht daraus kein Geheimnis: Einen eigenen Musterbau „mit guten Leuten von hier“ will er in Seiffen aufbauen. In Asien, wo er angeblich 300 Chinesen in Lohn und Brot hat, sollen die Muster dann in Masse gefertigt werden. Schultes Rechnung ist einfach: Hier in Seiffen würden Stundenlöhne von vier bis sieben Euro gezahlt. Den Chinesen müsse er nur einen Euro zahlen und bekomme zunehmend bessere Qualität. Schulte kann sich sogar vorstellen, die Einzelteile in China fertigen zu lassen und die Figuren in Seiffen zu montieren.
Plötzlich, so scheint es, hat die weltweite Globalisierung auch die 2600 Einwohner in dem Erzgebirgsdorf voll erwischt. Kampagnen-Sprecher Ringo Müller ahnt, dass Schultes Laden eher das kleine Problem ist. Er rechnet damit, dass der Emsländer auch den Ortsnamen missbrauchen könnte, wenn er seine Importware künftig von Seiffen aus an die Endkunden versende. Dann käme Schultes asiatisches „Kunstgewerbe“ plötzlich aus Seiffen. Ein böser Bluff, meint Ringo Müller und spricht von einer „direkten Tragödie“.
Bürgermeister Schreiter sieht die heimische Branche eher vor einer neuen Herausforderung. „Der Kampf gegen Plagiate ist nicht neu, er wird nur brisanter“, sagt er. Bisher war das „Chinamännel“ weit weg. Jetzt stehe es mit einem Fuß in der Tür. Mit neuen Formen, Ganzjahresangeboten und der Kraft der Kreativen in der Branche sieht er auch künftig für die erzgebirgische Holzkunst gute Chancen.
Schatten über der Rundkirche
In Schultes Laden halten derweil Tapea und Ines die Stellung. Beide kommen aus der Region. „Wir sind gelernte Holzspielzeugmacherinnen“, sagt Tapea fast trotzig. „Anfeindungen“ seien sie ausgesetzt. Sogar im Laden würden sich die Leute das Maul zerreißen. „Euch werden schon noch Schlitzaugen wachsen“, werde gespottet, sagt eines der Mädchen. Beide hatten nach der Lehre keinen Job. Deshalb nahmen sie Schultes Angebot an. Acht Euro die Stunde zahlt der Chef eigenen Angaben zufolge seinen Frauen. Ein Spitzenlohn in Seiffen.
Vor einer Woche kehrte die kleine Bergparade demonstrativ vor Schultes Laden um. Am dritten Advent werden 400 Trachtenträger auf der Hauptstraße zur großen Bergparade aufmarschieren. Sollten auch sie den Eindringling auf diese Weise strafen, dann liegt wohl endgültig ein dunkler Schatten über dem leuchtenden Rundkirchlein, das dieser Tage in der Dämmerung eine trügerische Idylle vermittelt.






