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Politik
Freitag, 6. Oktober 2006
(Sächsische Zeitung)

Schwul in Washington

Von Marcus Günther, SZ-Korrespondent in Washington

US-Wahlkampf. Die neue Praktikantenaffäre könnte die Republikaner die Kongressmehrheit kosten.

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Der Republikaner Mark Foley steht im Zentrum der Sex-Affäre. Foto: AP

Das erschüttert jedes Gewissen“, sagt eine düster klingende Stimme, „führende Kongresspolitiker haben zugegeben, einen Abgeordneten gedeckt zu haben, der im Internet Kinder sexuell belästigt hat.“ Dazu huschen dunkle Schatten über den Bildschirm, und die schlimmen Schlagzeilen der letzten Tage blitzen so kurz auf, dass man nur Wortfetzen sieht: Sex, schwul, Minderjährige, Republikaner. „Und deshalb“, tönt es plötzlich zu helleren Farben, „Patty Wetterling wählen!“

Die Demokratin im Wahlkreis Nr. 6 des Staates Minnesota ist die Erste, die ihre Wahlkampfplanung komplett über den Haufen geworfen hat und nun ganz auf das neue Thema dieser Tage setzt. Erst sollte es in ihrem Wahlkampf um den Autobahnbau gehen, dann um den Krieg im Irak. Jetzt hat Patty Wetterling ein besseres Thema gefunden: Washingtons neueste Praktikantenaffäre, die bis in den Mittleren Westen für Aufregung sorgt.

Der Medienturbo läuft

Die Zusammenfassung der Ereignisse in ihrem Wahlwerbespot ist eine, sagen wir, drastische Zuspitzung. Fest steht bislang nur: Der republikanische Abgeordnete Mark Foley (52) hat 16 und 17 Jahre alten Jungen obszöne E-Mails geschrieben. Seit seinem Rücktritt in der letzten Woche rollt die Lawine: Foley ist die Aufmachermeldung in jeder Nachrichtensendung, CNN hat in den letzten Tagen mehrfach sein Programm für „Breaking News“ unterbrochen, wann immer ein weiterer Praktikant neue E-Mails vorlegen konnte oder Beschuldigungen laut wurden, die Parteiführung, vor allem Dennis Hastert, hätten schon lange gewusst, dass sich Foley immer wieder an die sogenannten Pagen, Praktikanten zwischen 16 und 18 Jahren, heranmache.

Es ist der größte, dollste, schmutzigste Polit-Sex-Skandal, seit die Praktikantin Monica Lewinsky dem Präsidenten im Oval Office zu Diensten war. In den Talkshows sitzen jetzt wieder aufgeregte Mütter, erschütterte Politiker und kluge Psychologen, die das alles erklären. Unter Freunden, Nachbarn und Kollegen werden die E-Mail-Protokolle von Foley herumgereicht, die man im Internet finden kann. US-Medien können wegen der strengen Anstandsregeln nicht daraus zitieren.

Foley meldet sich über seinen Anwalt mit immer neuen Erklärungen, wie das alles passieren konnte. Er sagt jetzt zur Verblüffung seiner Freunde, er sei Alkoholiker, außerdem als Kind selbst Opfer sexuellen Missbrauchs geworden, und, äh, ja, nach zwölf Jahren im Kongress sagt Mark Foley auch endlich, was ohnehin alle wussten: Er ist schwul.

Die amerikanische Mediengesellschaft hat den Turbo eingeschaltet. Doch ganz so neu und unerhört, ganz so superlativ ist die Geschichte eigentlich gar nicht. Im Kapitol, wo die Männer sehr dunkle Anzüge tragen und die jungen Frauen sehr kurze Röcke, sind Anmache und Affäre alltäglich. Manchmal wird darüber getuschelt, manchmal wird geschwiegen, manchmal endet es mit Skandal und Rücktritt, vor allem wenn Praktikanten im Spiel sind. Schon 1983 mussten zwei Abgeordnete zurücktreten, weil sie sexuelle Kontakte zu 17 Jahre alten Pagen hatten.

Konservative Revolution

Hat die Hysterie der modernen Massenmedien ein Klima geschaffen, in dem aus einem mittelmäßigen Skandälchen gleich ein Schwerverbrechen wird? Die Antwort liegt dort, wo Amerikas konservative Revolution stattgefunden hat, wo man die Verfassung ändern will, um die Homo-Ehe zu verbieten (wofür selbst Foley stimmte!), wo man Wahlkampf mit „moralischen Werten“ macht, die man pauschal für sich selbst beansprucht und dem politischen Gegner pauschal abspricht. Selbst für einen Moslem als Präsidenten würden Amerikaner eher stimmen als für einen Schwulen, ermittelte neulich eine Umfrage.

Politische Wende?

Jetzt heißt es, die Republikaner könnten wegen Foley sogar ihre Kongressmehrheit verlieren. Das mag davon abhängen, ob weitere Vorwürfe ans Licht kommen und ob Straftatbestände erfüllt sind. Bislang hat das FBI noch nichts gefunden, was man Foley zur Last legen könnte. Aber vielleicht macht das auch keinen Unterschied. Vielleicht scheitern die Konservativen tatsächlich ausgerechnet an einem Sex-Skandal.

Die politische Wende nach sechs Jahren Bush und knapp 3 000 Kriegstoten im Irak durch einen homosexuellen Hinterbänkler? Es wäre irgendwie lächerlich, ironisch, witzig und plausibel.



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