Tagesthema
Mittwoch, 4. Januar 2006
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Gewalttätiges Monstrum
Von Heinrich Magirius
Prof. Dr. Heinrich Magirius
Die wieder aufgeflammte Diskussion, ob das geplante Brückenbauwerk der „Waldschlößchenbrücke“ mit dem gerade erst verliehenen Status der Elbelandschaft Dresdens als Weltkulturerbe übereinstimmt, sollte die Befürworter noch einmal zum Nachdenken veranlassen. Mit dem Bau steht für Dresden sehr viel auf dem Spiel. Maßgeblich darf nicht die Rechthaberei derer sein, die schon immer das „Sowohl-als-Auch“ von Brücke und Welterbe-Status im Auge hatten. Alle Befürworter des Bauwerks sollten noch einmal die Qualität der geplanten Brücke prüfen. Sie kann wirklich nicht als „innovativ“ gelten. In ihrer Kompaktheit und Aufdringlichkeit der Formgebung erhebt sie einen Anspruch, der der städtebaulichen Situation in keiner Weise gerecht wird. Der mehrheitliche Wunsch der Dresdner, an dieser Stelle eine Elbüberquerung haben zu wollen, rechtfertigt dieses gewalttätige Monstrum eines Brückenbauwerkes keinesweg. Hinter dem Projekt steht offensichtlich ein Wille zur Selbstdarstellung, nicht ein Bedürfnis. Wer oder was gebietet eine derartige Zeichenhaftigkeit in hochsensibler landschaftlicher Situation? Der Anspruch von Architekten, sich wichtig zu machen? Die zwanghafte Sucht des Auftraggebers, in diesem Falle einmal zeigen zu können, dass sich die Stadt Dresden endlich zu „Neuem“ – sei es, wie es sei – bekennt?
Diejenigen, die im Sinne eines „Entweder-Oder“ glauben, in diesem oder ähnlichem Sinne den Status des „Welterbes“ zu Gunsten dieser Brücke wieder preisgeben zu sollen, gestehen immerhin ein, dass – von anderer Sicht her – die Brücke eine Missgeburt sein könnte. Für sie ist allerdings eine Abwägung von Argumenten völlig unerheblich.
Was bisher in der Öffentlichkeit zwar diskutiert, aber kaum durch Pläne belegt worden ist, sind die Folgemaßnahmen einer Brücke, die optische und funktionale Wirkung ihrer verkehrlichen Anbindungen im Stadtganzen. Selbst wenn am Ende doch eine bescheidenere Brücke oder ein Elbtunnel gebaut werden sollte, wären die Auswirkungen sehr weitreichend. Davon wären insbesondere die relativ gut erhaltenen Stadtquartiere im Osten der Stadt, von Johannstadt und Gruna, betroffen.
An die zentrale Stelle der Diskussion aber gehört nicht das Problem der Vereinbarkeit oder Nichtvereinbarkeit der geplanten Brücke mit dem Welterbestatus. Es geht vielmehr um etwas schwer messbar „Seelisches“. Dresden ist es bisher gelungen, über viele Katastrophen hinweg, nicht zuletzt durch seine großzügige landschaftliche Lage am Elbestrom seine Identität zu wahren und zurückzuerobern. Nicht zuletzt darum ging es beim Wiederaufbau der Frauenkirche, deren Kuppel – vom Pavillon am Waldschlösschen her gesehen – sich wieder über dem Strom und den Wiesen, die seine Ufer begleiten, erhebt. Wenigstens von hier aus stört bisher nichts den Eindruck, dass Dresden ein Herz im Zentrum besitzt, das weit in die Landschaft ausstrahlt. Verstärkt wird dieses Bild durch die Perlenkette von Villenbauten, die die Bautzner Straße säumen. Der Bildteil des Buchs „Das alte Dresden“ von Fritz Löffler wird mit einem Foto von dieser Stelle her eröffnet. Es ist aber auch die Stelle, wo über einem Bogen der Elbe die Höhen der Loschwitzer und Wachwitzer Hänge sichtbar werden und die Weite der sich in der Talaue ausgebreiteten östlichen Vorstädte und Vororte sowie Vorhöhen des Osterzgebirges. An keiner Stelle stellt sich Dresden so als Stadtganzes in der Landschaft, gewissermaßen in der Übersicht dar. Der um 1935 hier erbaute Pavillon trägt dieser auf Sammlung des Betrachters abzielenden Aufgabe Rechnung. Eine Brücke – gleich welchen Ausmaßes – an dieser Stelle opfert das Innehalten, zu dem der bisherige Standort einlädt. Jenseits von allen Diskussionen von Welterbe oder Brücke – „Sowohl-als-Auch“ oder „Entweder-Oder“: Mit der Brücke an dieser Stelle opfert Dresden gerade in dem Moment ein Stück seiner „Seele“, wo mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche sein Herz wieder zu schlagen beginnt.
Prof. Dr. Heinrich Magirius ist Kunsthistoriker und stand über 40 Jahre im Dienst der sächsischen Denkmalpflege, zuletzt bis Ende 1999 als Landeskonservator.
Diejenigen, die im Sinne eines „Entweder-Oder“ glauben, in diesem oder ähnlichem Sinne den Status des „Welterbes“ zu Gunsten dieser Brücke wieder preisgeben zu sollen, gestehen immerhin ein, dass – von anderer Sicht her – die Brücke eine Missgeburt sein könnte. Für sie ist allerdings eine Abwägung von Argumenten völlig unerheblich.
Was bisher in der Öffentlichkeit zwar diskutiert, aber kaum durch Pläne belegt worden ist, sind die Folgemaßnahmen einer Brücke, die optische und funktionale Wirkung ihrer verkehrlichen Anbindungen im Stadtganzen. Selbst wenn am Ende doch eine bescheidenere Brücke oder ein Elbtunnel gebaut werden sollte, wären die Auswirkungen sehr weitreichend. Davon wären insbesondere die relativ gut erhaltenen Stadtquartiere im Osten der Stadt, von Johannstadt und Gruna, betroffen.
An die zentrale Stelle der Diskussion aber gehört nicht das Problem der Vereinbarkeit oder Nichtvereinbarkeit der geplanten Brücke mit dem Welterbestatus. Es geht vielmehr um etwas schwer messbar „Seelisches“. Dresden ist es bisher gelungen, über viele Katastrophen hinweg, nicht zuletzt durch seine großzügige landschaftliche Lage am Elbestrom seine Identität zu wahren und zurückzuerobern. Nicht zuletzt darum ging es beim Wiederaufbau der Frauenkirche, deren Kuppel – vom Pavillon am Waldschlösschen her gesehen – sich wieder über dem Strom und den Wiesen, die seine Ufer begleiten, erhebt. Wenigstens von hier aus stört bisher nichts den Eindruck, dass Dresden ein Herz im Zentrum besitzt, das weit in die Landschaft ausstrahlt. Verstärkt wird dieses Bild durch die Perlenkette von Villenbauten, die die Bautzner Straße säumen. Der Bildteil des Buchs „Das alte Dresden“ von Fritz Löffler wird mit einem Foto von dieser Stelle her eröffnet. Es ist aber auch die Stelle, wo über einem Bogen der Elbe die Höhen der Loschwitzer und Wachwitzer Hänge sichtbar werden und die Weite der sich in der Talaue ausgebreiteten östlichen Vorstädte und Vororte sowie Vorhöhen des Osterzgebirges. An keiner Stelle stellt sich Dresden so als Stadtganzes in der Landschaft, gewissermaßen in der Übersicht dar. Der um 1935 hier erbaute Pavillon trägt dieser auf Sammlung des Betrachters abzielenden Aufgabe Rechnung. Eine Brücke – gleich welchen Ausmaßes – an dieser Stelle opfert das Innehalten, zu dem der bisherige Standort einlädt. Jenseits von allen Diskussionen von Welterbe oder Brücke – „Sowohl-als-Auch“ oder „Entweder-Oder“: Mit der Brücke an dieser Stelle opfert Dresden gerade in dem Moment ein Stück seiner „Seele“, wo mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche sein Herz wieder zu schlagen beginnt.
Prof. Dr. Heinrich Magirius ist Kunsthistoriker und stand über 40 Jahre im Dienst der sächsischen Denkmalpflege, zuletzt bis Ende 1999 als Landeskonservator.






