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Arnsdorfs berühmter Sohn

Was nur wenige wissen: der einzigartige Liedermacher und Rocktexter Gerulf Pannach wurde hier geboren – vor 66 Jahren. 1998 starb er mit erst 48 Jahren an Krebs.

24.06.2015
Von Bernd Goldammer

 berühmter Sohn
Gerulf Pannach (l.) und sein langjähriger Musiker-Kollege Christian Kunert bei einem gemeinsamen Auftritt in den 1980er-Jahren. Pannach wurde heute vor 66 Jahren in Arnsdorf geboren.

© buschfunk.com

Bei zwei DEFA- Filmen konnte das Arnsdorfer Kino 1973 einen regelrechten Massenandrang vermelden. In beiden Filmen gehörte die Filmmusik zu den Erfolgsgaranten. Die Puhdys wurden mit „Wenn ein Mensch lebt“ in „Die Legende von Paul und Paula“ zu Senkrechtstartern. Und schon kurze Zeit später kam dann der Streifen „Für die Liebe noch zu mager“ ins Arnsdorfer Kino. Regie führte Bernhard Stephan. Erstmals hörten dort die Filmfreunde den Namen „Klaus Renft Combo“. Dass ihn viele nie mehr vergessen haben, hat mit den Filmsongs „Der Wind weiß, was mir fehlt“ und „Als ich wie ein Vogel war“ zu tun. Doch nur wenige im Arnsdorfer Kino wussten damals: Die Texte zu diesen unsterblichen Songs hatte ein gebürtiger Arnsdorfer geschrieben. Gerulf Pannach nämlich, der 1998 starb und heute seinen 66. Geburtstag feiern würde.

Maßstäbe für den Ostrock

Kurz nach dem Kinostart hatte die DDR-Plattenfirma Amiga die erste Renft-Langspielplatte produziert. Und die setzte durchaus Maßstäbe für den Ostrock. Was sicher vor allem den Texten Pannachs zu verdanken war. Erstmals identifizierten sich die DDR-Jugendlichen mit einheimischen Songs. Das war ungewöhnlich, hatte aber triftige Gründe: Nach dem Machtantritt des damals noch relativ jungen SED-Generalsekretärs Erich Honnecker begann eine fast dreijährige Tauwetterperiode. Die DDR wollte international anerkannt werden. Für eine kurze Zeit hatte das eine folgenreiche Wirkung in die innerlich erstarrte Kulturpolitik der DDR. Die Titel der Klaus Renft Combo brachen ideologische Verkrustungen auf. Sie lebten von großartigen Texten, in denen Gerulf Pannach und auch Kurt Demmler facettenreiche Fragen der DDR-Realität an die Oberfläche brachten. Die SED-Führung versuchte diese Entwicklung später um ein paar Stufen zurückzuschalten. Das aber war der Anfang vom Ende ihrer Glaubwürdigkeit. Und der Arnsdorfer Gerulf Pannach gehörte zu den ersten prominenten Opfern.

Kritik in aller Öffentlichkeit

Klaus Renft behielt ihn allerdings in seiner Bandbesetzung. Pannach unterhielt zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Freundschaften zu regimekritischen Sängern und Schriftstellern. 1974 trat er gemeinsam mit dem von den SED-Oberen ungeliebten Liedermacher Christian Kunert auf. Pannach war zudem mit dem kritischen Schriftsteller Jürgen Fuchs befreundet. Und das in aller Öffentlichkeit. Das blieb natürlich nicht unbemerkt. Auftrittsverboten folgten nur noch befristet erteilte Spielerlaubnisse. Später wurden Gerulf Pannach gar nur noch Auftritte bei inoffiziellen Veranstaltungen gestattet. Im November 1976 unterzeichnete er dann die Protesterklärung gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR.

Zunehmend problematisch gestalteten sich aber auch die Beziehungen zwischen Renft und den staatlichen Organen. In vielen Liedtexten war – nicht mehr nur zwischen den Zeilen – Kritik am „real existierenden Sozialismus“ zu lesen. Die von Pannach getexteten Lieder für ein drittes Album der Band stießen bei den Behörden auf gänzliche Ablehnung. Das Lied „Glaubensfragen“ beispielsweise thematisierte die Bausoldaten. Das waren Jugendliche die sich weigerten, sich zum Töten ausbilden zu lassen. Staatlicherseits wurden die Bausoldaten der NVA totgeschwiegen. In der Rockballade vom kleinen Otto wurde sogar eine missglückte Republikflucht thematisiert. Renft wurde im Sommer 1975 verboten. Die Lieder aber waren aus der DDR- Realität nicht zu verbannen.

Begehrte Tauschobjekte

Zahlreiche Bands sangen sie in ihren Konzerten und wurden dafür vom Publikum in überfüllten Sälen bejubelt. Auch Condor, damals aus Dresden, heute aus Liegau-Augustusbad, eilte dieser Ruf voraus. Das moralische Wir-Gefühl der DDR-Jugend hatten die Machthaber unterschätzt. Sie waren es gewohnt, den Leuten die Welt zu erklären. Doch in den Jugendclubs wurde die Renft-Frage immer wieder diskutiert. Die Amiga-Schallplatten von Renft wurden zu begehrten Tauschobjekten für Tonbandüberspielungen. Im DDR-Rundfunk wurde Renft als nicht mehr existent betrachtet. Etliche Musiker der Band – auch Pannach – gingen in den Westen. Doch in der damaligen Bundesrepublik war Renft kaum bekannt. Ein Kultur-Phänomen, für das es bis heute kaum eine plausible Erklärung gibt.

Dann kam die Wende; und 1990 ein Konzert im Kreiskulturhaus Bischofswerda. Zuerst wurde der amtliche Text des einstigen Spielverbotes eingespielt. 800 Leute waren im Saal. An diesem Punkt herrschte knisternde Ruhe bis Sänger Thomas „Monster“ Schoppe rief: „Wir sind wieder da“. In diesem Moment schossen vielen die Tränen übers Gesicht. Und nun waren sie hier wieder zu Hause, jene Lieder aus der Feder von Gerulf Panach. Mit seinen Texten und Liedern ist er ein Beispiel für jene Künstler, die mit ihrer Aufrichtigkeit zwischen die Fronten des Kalten Krieges gerieten. Gerulf Pannach starb am 3. Mai 1998 in Berlin. Der gebürtige Arnsdorfer hatte den Kampf gegen den Krebs verloren.