Mittwoch, 28.11.2012

Arbeiten in der „Todeszone“: Neue Schutzhülle für Tschernobyl

Gut ein Vierteljahrhundert nach dem Super-Gau in Tschernobyl entsteht in der „Todeszone“ eine neue Schutzhülle für den havarierten Reaktor. Die Ukraine hofft auf mehr Sicherheit - aber auch auf Touristen und Investoren in dem Gebiet.

Von Wolfgang Jung

Der englische Sicherheitschef der Baustelle in Tschernobyl, David Jackson, erklärt am 27.11.2012 die Arbeiten an der im Bau befindlichen neuen Schutzhülle für den havarierten Reaktor, links im Nebel zu erkennen. Foto: dpa
Der englische Sicherheitschef der Baustelle in Tschernobyl, David Jackson, erklärt am 27.11.2012 die Arbeiten an der im Bau befindlichen neuen Schutzhülle für den havarierten Reaktor, links im Nebel zu erkennen. Foto: dpa

Tschernobyl. Nur wenige Meter vom havarierten Atomkraftwerk Tschernobyl entfernt drücken 40 Hydraulikkräne im Zeitlupentempo 5.000 Tonnen Stahl auf 22 Meter Höhe. Als die halbrunde Konstruktion an diesem milden Novembertag auf zehn Gerüsten zum Stehen kommt, jubeln die Arbeiter auf der wohl berühmtesten Baustelle der Ukraine. „Das war der technische Durchbruch“, sagt Vince Novak von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und atmet durch. Bis Ende 2015 entsteht hier unter Leitung der EBRD eine neue Schutzhülle um den 1986 explodierten Reaktor. „Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, wir dürfen uns keine Fehler erlauben“, sagt Novak.

Düster grau ragt das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl rund 75 Meter hoch in den Himmel. Weit und breit ist nur schmutziger Beton zu sehen; die ersten Bäume stehen sehr weit entfernt und wirken kränklich. Die Explosion am 26. April 1986 wirbelte über Tage radioaktive Teilchen in die Luft, von der damaligen Sowjetrepublik breitete sich die abgeschwächte Wolke über weite Teile Europas aus.

Für die Baustelle in der „Todeszone“ sei eine nicht so stark belastete Stelle gewählt worden, sagt der englische Sicherheitschef der Anlage, David Jackson. Damit aber in der Umgebung Menschen ohne Schutzkleidung jahrelang arbeiten könnten, musste dort die verstrahlte Erde bis zu acht Meter tief abgetragen werden. Wie jeder der rund 1.500 Arbeiter aus 22 Ländern trägt er ein Strahlenmessgerät über der grauen Arbeitsweste. „Sicher ist sicher“, betont Jackson.

40 Länder errichten die Schutzhülle

Mehr als 40 Staaten beteiligen sich an den rund 1,54 Milliarden Euro Kosten für den dringend benötigten neuen Schutzmantel. Am Ende sollen etwa 29.000 Tonnen Stahl über den radioaktiv strahlenden Betonklotz gedrückt werden. „Allein dieses technisch anspruchsvolle Manöver auf Schienen wird drei Tage dauern“, sagt Nicolas Caille von dem französischen Konsortium Novarka der Nachrichtenagentur dpa.

Auch das deutsche Unternehmen Kalzip aus Koblenz (Rheinland-Pfalz) ist an dem Bau beteiligt. „Mit 109 Metern Höhe, 260 Metern Breite und 150 Metern Länge wird es größte bewegliche Halle der Welt sein“, hatte Firmensprecher Joachim Wolke bei Baustart im April gesagt.

Ein Jahrhundert lang soll der neue „Sarkophag“ halten. Tschernobyl bleibe eine Baustelle für Generationen, sagt der Chef der Anlage, Igor Gramotkin. Dennoch gebe es auch Pläne, den zerstörten Reaktorblock in den nächsten Jahrzehnten abzutragen. Wie, ist völlig unklar.

Den künftigen Schutzmantel preist Gramotkin als „technische Meisterleistung“ vom Range des Eiffelturms. „Der sollte auch nicht so lange stehen bleiben, aber noch heute reisen Leute nach Paris und staunen.“ Tschernobyl werde ein ähnlicher Touristenmagnet, meint er.

Schon jetzt können Besucher unter Auflagen die atomar verseuchte Zone besichtigen. In Abstimmung mit der ukrainischen Regierung bieten private Veranstalter Reisen von der etwa 110 Kilometer entfernten Hauptstadt Kiew aus an. Mehr als 26 Jahre nach dem Super-Gau denken die Behörden auch darüber nach, in die Gegend von der Größe des Saarlands Investoren zu locken. So wolle die US-Firma Holtec für mindestens 254 Millionen Euro im Sperrgebiet ein Zwischenlager für Atommüll bauen, erzählt der Chef der Verwaltungsbehörde für Tschernobyl, Wladimir Choloscha.

Dass Japan nach der Fukushima-Katastrophe und zum Beispiel auch Deutschland aus der Atomenergie aussteigen würden, sei „ihre Sache“, sagt Anlagendirektor Gramotkin. „Das ist absolut zu respektieren. Aber die Ukraine ist vergleichsweise arm und kann sich das derzeit nicht leisten“, meint er. Der zweitgrößte Flächenstaat Europas betreibt 15 Reaktoren. Bis 2030 soll sich deren Zahl verdreifachen. (dpa)

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