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Sonntag, 30.12.2012

„Applaus ist die Medizin“ - Das „Hartz IV-Orchester“

Vor vier Jahren gründete Manfred Hampel in München das „Hartz IV-Orchester“ - das erste und einzige seiner Art in Deutschland. Das Ziel: arbeitslosen Künstlern wieder Selbstvertrauen geben. Dafür wurde das Projekt sogar von höchster Stelle ausgezeichnet.

Von Britta Schultejans

Sänger des Hartz IV-Orchesters, Zimon (v.l.), Maxi, Renia, Manfredo und Franky, singen am 10.12.2012 in einem Restaurant in Starnberg (Bayern).
Sänger des Hartz IV-Orchesters, Zimon (v.l.), Maxi, Renia, Manfredo und Franky, singen am 10.12.2012 in einem Restaurant in Starnberg (Bayern).

© dpa

München. Amedeo de Rosa kam vor sieben Jahren nach Deutschland. Der italienische Sänger wollte auftreten und Geld verdienen mit der Musik und seiner Band Mediterraneo. Das klappte nicht immer. Nebenbei arbeitete er in der Gastronomie, um sich über Wasser zu halten. Doch die Jobs waren nicht von Dauer, immer wieder musste der heute 50-Jährige Hartz IV beantragen, um sich und seine sechs Kinder über Wasser zu halten. Seine Partnerin Yvonne ist ebenfalls Musikerin, Jazz-Sängerin. Vor einem Monat hat es ihn wieder erwischt. „Ich bin jetzt wieder Hartz IV.“

Amedeo de Rosa ist Mitglied des ersten und einzigen „Hartz IV-Orchesters“. Vor vier Jahren hat Manfred Hampel es in München gegründet, um Menschen wie de Rosa die Möglichkeit zu geben, Musik zu machen und auf der Bühne zu stehen - auch wenn es gerade beruflich nicht so läuft wie geplant. „Es gibt viele Gründe, wie man als Musiker abstürzen kann“, sagt Hampel. „Und es gibt einfach Leute, die haben die Chance verpasst.“ Genau diesen Menschen will Hampel, ein Architekt und Hobby-Musiker, wieder eine musikalische Heimat geben.

„Bei jeder Absage sinkt das Selbstbewusstsein“, sagt er. „Applaus ist die Medizin.“ Und so sollen arbeitslose Musiker in seinem Orchester, das eher ein Zusammenschluss von Solo-Künstlern ist und nur zu einem Drittel aus Hartz-IV-Empfängern besteht, aufgefangen und mitgezogen werden. Angefangen wird im Hintergrund, dann kommt irgendwann ein Solo auf der Bühne und zum Schluss die Königsdisziplin: singend durch die Zuschauerreihen wandeln. „Eine unserer Sängerinnen, die heute sicher gar nicht mehr zugeben würde, dass sie jemals bei uns war, ist heute eine richtige Diva“, sagt Hampel. „Aber das macht nichts. Im Gegenteil: Das ist das Ziel.“

100 Auftritte haben die Orchester-Mitglieder bereits absolviert, einige von ihnen sind gerade erst von einer Tournee in Mexiko zurückgekehrt - begeisterte Zeitungsartikel aus Mittelamerika im Gepäck. Und kaum zu Hause gab es gleich das nächste große Lob: eine Auszeichnung im seinerzeit vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler ausgerufenen Wettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“.

„Im „Hartz IV-Orchester“ bekommen arbeitslose Künstler Anerkennung und Feedback vom Publikum“, sagt Ronald Schubert von der Initiative „Deutschland - Land der Ideen“ bei der Preisverleihung in edlem Champagner-Ambiente in Starnberg. Im April 2013 soll eine große Benefiz-Gala in München folgen. „Es gibt für einen Künstler nichts Schöneres, als wenn er auf der Bühne steht und Applaus bekommt“, sagt Martin Huber von der Deutschen Bank, einem Sponsor der Ideen-Initiative.

Amedeo de Rosa hofft nicht nur auf Applaus, sondern vor allem auch auf neue, gut bezahlte Engagements - damit er bald nicht mehr sagen muss: „Ich bin wieder Hartz IV.“ (dpa)

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