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Dienstag, 29.03.2016

Anwohner ärgern sich über Baggerlärm

In Dresden wird an vielen Ecken gebaut. Das geht meist nicht ohne Baulärm. Wie groß ist die Chance für eine geringere Miete?

Von Nora Domschke

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Direkt vor dem Schlafzimmerfenster von Christian und Ursula Hantke befindet sich die benachbarte Hausbaustelle in der Liliengasse. Im März vergangenen Jahres wurde dort eine alte Kita abgerissen. Seitdem lebt das Ehepaar mit ständigem Baulärm.
Direkt vor dem Schlafzimmerfenster von Christian und Ursula Hantke befindet sich die benachbarte Hausbaustelle in der Liliengasse. Im März vergangenen Jahres wurde dort eine alte Kita abgerissen. Seitdem lebt das Ehepaar mit ständigem Baulärm.

© Sven Ellger

  • Direkt vor dem Schlafzimmerfenster von Christian und Ursula Hantke befindet sich die benachbarte Hausbaustelle in der Liliengasse. Im März vergangenen Jahres wurde dort eine alte Kita abgerissen. Seitdem lebt das Ehepaar mit ständigem Baulärm.
    Direkt vor dem Schlafzimmerfenster von Christian und Ursula Hantke befindet sich die benachbarte Hausbaustelle in der Liliengasse. Im März vergangenen Jahres wurde dort eine alte Kita abgerissen. Seitdem lebt das Ehepaar mit ständigem Baulärm.
  • In der Troppauer Straße in Laubegast werden neue Leitungen verlegt. Die Bauarbeiten sollten im Herbst fertig sein. Nun dauern sie bis Ende 2016.
    In der Troppauer Straße in Laubegast werden neue Leitungen verlegt. Die Bauarbeiten sollten im Herbst fertig sein. Nun dauern sie bis Ende 2016.

Seit 55 Jahren wohnen Ursula und Christian Hantke in der Dresdner Seevorstadt. „Dass wir die Wohnung hier bekommen haben, war damals wie ein Sechser im Lotto“, erinnert sich der heute 85-Jährige. Ende der 1950er-Jahre wurden die Wohnblöcke zwischen der Annen- und der Budapester Straße gebaut – 1961 zog Familie Hantke ein. Ursula Hantke arbeitete als Erzieherin in der Kita gleich neben ihrem Wohnhaus in der Liliengasse. Alle drei Kinder des Ehepaars gingen dort zur Krippe.

Seit vergangenem Jahr gibt es das Kita-Gebäude, das seit 1994 leer stand, nicht mehr. Es wurde abgerissen, um Platz für ein neues Haus mit 66 Wohnungen zu machen. Dass diese in Dresden dringend gebraucht wird, wissen auch Ursula und Christian Hantke. Und dass es bei einem Hausneubau mal laut und dreckig zugeht – auch damit haben sie gerechnet.

Doch seit im März 2015 der Abrissbagger anrollte, um die alte Kita dem Erdboden gleichzumachen, kommt das Ehepaar nicht mehr zur Ruhe. „Sechs Uhr morgens geht der Baulärm los“, sagt Christian Hantke. Nicht selten wird bis 20 Uhr abends gewerkelt. Besonders schlimm war es in den Sommermonaten, als die Baugrube auf dem Grundstück in der Liliengasse 19 ausgehoben wurde und dabei riesige Bohrer zum Einsatz kamen.

Vom Schlafzimmerfenster aus blicken Hantkes direkt auf die Baustelle. „Das Problem für uns Rentner ist, dass wir ja den ganzen Tag zu Hause sind“, sagt Ursula Hantke. „Wir können dem Lärm nicht entfliehen.“ Gemütliche Stunden auf dem Balkon fielen im vergangenen Sommer sogar komplett aus – zu viel Staub, dazu ohrenbetäubender Lärm von den Baumaschinen. Daraufhin schrieb Christian Hantke einen Brief an seinen Vermieter, die Gagfah. „Ich habe darum gebeten, den Mietpreis mindern zu dürfen. Schließlich war unsere Wohnqualität extrem beeinträchtigt.“

Die Gagfah lehnte ab – zu Recht, sagt Matthias Wagner vom Mieterverein. „Bei der privaten Baustelle in der Nachbarschaft handelt es sich um einen Mangel, den der Vermieter nicht selbst abstellen kann.“ Dennoch gebe es durchaus Einzelfälle – wie etwa der ungenutzte Balkon bei Familie Hantke – bei denen Gerichte einer Mietminderung mitunter zustimmen.

Wagner rät dem Ehepaar, sich in einer Rechtsberatung über die Möglichkeiten zu informieren. Wenn das neue Wohnhaus im Herbst fertig ist und die ersten Mieter einziehen, will es Hantke jedenfalls erneut mit einer Mietminderung probieren. Denn die Einfahrt der Tiefgarage befindet sich direkt unterhalb seines Schlafzimmerfensters.

Von heftigem Baulärm, Staub und Schlamm geplagt sind seit Monaten auch die Laubegaster, die in oder rund um die Troppauer Straße wohnen. Die Dresdner Stadtentwässerung lässt mitten im Wohngebiet einen zwei Meter dicken Abwasserkanal aus Beton sanieren. Ein Millionenprojekt, das sich noch Monate hinzieht – und dabei gehörig die Nerven der Anwohner strapaziert.

Bagger rollen noch bis Jahresende

Besonders betroffen ist Frank Ludwig. Er wohnt in der Troppauer Straße und hat die Riesenbaustelle direkt vor seiner Haustür. Gleich mehrere schwere Lkw und Baumaschinen rollen hier täglich durch den Schlamm. In regelmäßigen Abständen gibt es einen lauten Knall, als ob ein schweres Rohr zu Boden fällt. „Ich frage mich immer, was die Bauarbeiter eigentlich machen“, sagt Ludwig. Mehrfach schon wurde die Erdschicht aufgebaggert, Rohre wurden verlegt, die Baugrube wieder verfüllt.

Obwohl der Bauabschnitt auf der Troppauer Straße mit einer Länge von 500 Metern einer der kürzesten des Altstädter Abfangkanals ist, gestalten sich die Bauarbeiten hier als eher schwierig. Auf beiden Seiten befinden sich Wohngebäude, und es gibt mehrere Kreuzungsbereiche. In offener Bauweise müssen sämtliche Versorgungsleitungen ausgewechselt und zusätzlich zum großen Kanal zwei kleinere für die Wohnungen eingebaut werden. Begonnen wurde auf beiden Seiten der Troppauer Straße – nun bewegen sich die Kanalbaustellen von der Leubener und von der Salzburger Straße aus aufeinander zu. Bis Jahresende soll alles fertig sein.

Die meisten Wohnungen entlang der Riesenbaustelle gehören der Wohnungsgenossenschaft GWG. Jörn Opitz ist der technische Vorstand und bekommt seit Monaten immer wieder Anfragen wegen Mietminderung auf den Tisch. „Wir müssen das leider ablehnen – das ist eine öffentliche Baustelle, gegen die wir nichts unternehmen können.“ Das sieht auch Wagner vom Mieterverein so. „Lärm von derartigen Bauprojekten wird von den Gerichten nur sehr selten als Grund für eine Mietminderung anerkannt.“ Es sei denn, es wird zum Beispiel in den Nachtstunden gearbeitet, wie es etwa bei Gleisarbeiten der Deutschen Bahn oft der Fall ist. Dennoch hat GWG-Vorstand Opitz viel Verständnis für den Ärger seiner Mieter. „Ich kann nur hoffen, dass alle durchhalten.“