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Mittwoch, 02.01.2008

Analyse: Kenias Wahlen haben Land tief gespalten

Nairobi - Beißende Tränengaswolken, schwarze Rauchschwaden über Wellblechhütten - Kibera, einer der größten Slums Afrikas in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, ist in diesen Tagen noch trostloser und gewalttätiger. Die Präsidentenwahl vom vergangenen Donnerstag hat das Land tief gespalten, und in den Armenvierteln Nairobis, in denen die Landflüchtlinge aus den armen Provinzen im Westen ebenso leben wie die alteingesessenen Habenichtse, entladen sich Wut, Frustration und ethnischer Hass in Gewalt.

Mit Macheten und Knüppeln gehen Männer der Volksgruppen der Luo und Kikuyu aufeinander los. Für andere sind die Unruhen ein willkommener Anlass, zu plündern und alte Rechnungen mit missliebigen Nachbarn zu begleichen. «Kein Frieden ohne Raila!» skandieren die jungen Männer in den Slums von Nairobi, und in vielen Städten vor allem an der Küste und im Westen des Landes wird der Ruf aufgegriffen.

Raila Odinga, der Kandidat des Orangenen Demokratiebündnis, hat hier besonders viel Rückhalt. Hier stimmten die Menschen für den charismatischen 62-Jährigen, weil sie hoffen, er werde ihre Lebensverhältnisse verbessern. Nun fühlen sie sich um den Sieg betrogen.

Odinga selbst akzeptiert den umstrittenen Wahlsieg von Amtsinhaber Mwai Kibaki nicht. Für Donnerstag hat er seine Anhänger zu Demonstrationen im ganzen Land aufgerufen. Nairobis Stadtzentrum ähnelt inzwischen einer Geisterstadt. In den besseren Vierteln der Hauptstadt haben sich die Einwohner mit Vorräten eingedeckt - wenn sie es denn schafften, einen geöffneten Supermarkt zu finden. Viele Geschäfte haben seit Donnerstag geschlossen - erst wegen der Wahl, dann aus Furcht vor Plünderern und Brandstiftern.

"Wir alle haben ähnliche Probleme"

Für die Initiatoren von «Umoja Pamoja» (Zusammen sind wir stark) sind die Vorfälle der vergangenen Tage eine bittere Erfahrung. Die jungen Kenianer hatten vor allem unter Altersgenossen um rege Wahlbeteiligung geworben, gegen Stammesdenken und politische Gewalt plädiert. Die Fehler vergangener Wahlen sollten nicht wiederholt werden. «Wir sind doch heute vor allem Kenianer, nicht Kikuyu oder Luo oder Massai», betonte etwa Eric Wainaina, einer der bekanntesten Sänger des Landes, vor den Wahlen. «Wir alle haben ähnliche Probleme, die wir lösen müssen und wollen.»

Doch nach diesen Wahlen scheinen die ethnischen Gräben im Vielvölkerstaat tiefer denn je. Das ostafrikanische Land galt international als Pfeiler der Stabilität in einer Region, die durch die Dauerkrisen in Somalia, im Sudan oder den noch ungelösten Bürgerkrieg in Uganda geprägt ist. Nun aber droht Kenia seinen Ruf als eines der wenigen halbwegs demokratischen Länder zu verlieren. Selbst in der kenianischen Wahlkommission ist der angebliche Sieg Kibakis mittlerweile umstritten. Mehrere Kommissionsmitglieder fordern eine richterliche Untersuchung.

Auch die internationalen Wahlbeobachter etwa der EU fordern eine unabhängige Untersuchung, berichten von massiven Unstimmigkeiten bei der Auszählung, nachdem die Wahl selbst überwiegend korrekt und friedlich verlief. Die US-Regierung, die in ihrem Kampf gegen den Terror in Afrika auf Kenia setzt und Kibaki zunächst zum Sieg gratulierte, zeigt sich nun besorgt über Chaos und blutige Gewalt. Was als demokratisches Kräftemessen begann, wird zunehmend zum Tanz auf dem Vulkan. (dpa)