erweiterte Suche
Samstag, 27.02.2016

An der Berliner Mauer erschossen

Vor 52 Jahren starb Walter Hayn bei einem Fluchtversuch. In der Marienkirche Großenhain wird auch an ihn erinnert.

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Walter Hayn als Volkspolizist.
Walter Hayn als Volkspolizist.

© privat

Großenhain/Ebersbach. Es könnte eine kalte Winternacht gewesen sein, am 27. Februar 1964. Walter Hayn wagt sich in Berlin-Treptow an die Sektorengrenze, er will fliehen. Auf beiden Seiten des dreireihigen Stacheldrahtzauns sind Kleingärten. Der 25-Jährige hat seinen Personalausweis, ein Arbeitsbuch, sein Scheidungsurteil und die Anschrift seines Bruders in Westdeutschland dabei. Zu ihm will er, das ist klar. Doch 22.20 Uhr wird Hayn von den Posten, die diesen Grenzabschnitt bewachen, entdeckt. Drei Schützen, so wird es dokumentiert, geben insgesamt 17 Schüsse auf ihn ab. Zwei treffen, einer davon ist tödlich. Seine Schlagader zerreißt. Dabei wollte er nur besser leben.

Der verhinderte Grenzdurchbruch hat damals in Ebersbach viel Wirbel ausgelöst. Walter Hayns Familie ist sich ziemlich sicher, dass er nicht an der Staatsgrenze ertrunken ist, wie die offizielle Todesnachricht lautete. Erst Tage später wurde sie überbracht. „Sie sagten, er hätte mit einem Taucheranzug durch die Spree schwimmen wollen, und machten ihn so zum Täter“, erinnerte sich sein jüngerer Bruder Peter.

Die Mutter des 25-Jährigen legt bei der örtlichen Polizei Beschwerde ein. Doch die Angehörigen werden bedroht, dass sie sich strafbar machen, „wenn sie über die Sache Gerüchte in Umlauf setzen.“ Obwohl sich der Bruder sofort auf den Weg nach Berlin machte, fand Peter Hayn keine Spuren mehr. Die Wohnung war ausgeräumt, die Nachbarn zum Schweigen verurteilt. Ein Telegramm an den West-Bruder kam nicht an. Stattdessen hatte sich in Ebersbach die Nachricht wie ein Lauffeuer herumgesprochen. „Bürgermeister und ABVer kamen und horchten uns aus“, erzählte Peter Hayn. Sie wollten herauskriegen, ob die Familie etwas von der Flucht gewusst hat.

Todesschützen zu Haft verurteilt

Die Hayns stammten aus Breslau, kamen als vertriebene Schlesier nach Ebersbach. Der Vater galt als kriegsvermisst. Sie waren vier Geschwister, Walter der Zweitjüngste. Er wurde Landwirt, arbeitete auch auf dem Bau. Dann folgte er 1958 für zwei Jahre dem Ruf nach Berlin zur Kasernierten Volkspolizei KVP. Weniger aus Überzeugung – eher wegen der Aufstiegschancen, heißt es.

Walter Hayn heiratete, wurde Vater. Doch die Ehe ging schon nach zwei Jahren auseinander. Da hat er wohl beschlossen, in den Westen zu gehen. Ein weiterer Bruder wohnte seit 1958 an der holländischen Grenze, dorthin wollte der Ebersbacher vielleicht. Doch sein Fluchtversuch wurde „mit Waffengewalt vereitelt“. Das Westradio hat darüber berichtet.

Aber erst nach der Wende kann Peter Hayn in Erfahrung bringen, dass Walter wirklich ein „Opfer der Mauer“ geworden ist, so der Name eines 1991 erschienen Buches, das auch über ihn berichtet. Im Januar 1996 wurden die Todesschützen je zu fast zwei Jahren Haft verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Walter Hayns Name steht heute auf einer Tafel an der Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Außerdem wird ihm in den Gedenkbüchern der IG Mahnmal Marienkirche gedacht.