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Mittwoch, 26.07.2017

Amerika steigt in den Gasmarkt ein

Die EU-Kommission vermutet, dass die USA mit Sanktionen den Konkurrenten Russland klein halten wollen.

Von Christian Mihatsch

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Der Innenraum eines LNG-Schiffstanks (Liquefied Natural Gas - Flüssigerdgas).
Der Innenraum eines LNG-Schiffstanks (Liquefied Natural Gas - Flüssigerdgas).

© dpa

Derzeit windet sich ein Gesetz mit neuen Sanktionen gegen Russland durch den US-Kongress. Dieses sieht Strafen gegen Firmen vor, die Russland beim Export von Gas helfen. In Berlin und Brüssel ist daher die Aufregung groß, denn das Gesetz könnte auch gegen europäische Konzerne angewendet werden, die an der „Nord Stream 2“-Pipeline beteiligt sind.

Diese Röhre soll unter Umgehung der Ukraine russisches Gas nach Deutschland liefern. Die EU-Kommission fürchtet denn auch einen Eingriff der USA in Europas Energiepolitik und will mit Gegenmaßnahmen reagieren, falls das Gesetz verabschiedet wird. Die EU-Kommission hat zudem den Verdacht, dass es den USA weniger um die Bestrafung Russlands für die Einmischung in die US-Wahlen geht, sondern um schnöden Profit: Washington sanktioniere russisches Gas, um mehr US-Flüssiggas (LNG) exportieren zu können, glauben viele in Brüssel.

Aber können die USA beim Gasexport in der gleichen Liga wie Russland spielen? Kurze Antwort: Noch nicht, aber wohl bald. Russland hat letztes Jahr gut 150 Milliarden Kubikmeter Gas an EU-Kunden verkauft – Rekord – und bestreitet ein Drittel des EU-Gasverbrauchs.

Auf den Preis kommt es nicht an

Im Vergleich dazu sind die US-Exporte minimal. Noch wird über jede US-Lieferung in den Medien berichtet: Bis jetzt haben Portugal, Polen und Großbritannien US-LNG erhalten. Die USA begannen erst im Februar 2016 mit dem LNG-Export. Damals nahm das LNG-Terminal des US-Konzerns Cheniere Energy in Sabine Pass den Betrieb auf. Bis in zwei Jahren soll dieses Terminal ausgebaut werden – auf eine Kapazität von 42 Milliarden Kubikmeter. Außerdem sind fünf weitere Terminals im Bau mit einer Kapazität von weiteren 73 Milliarden Kubikmetern. Diese sollen ebenfalls in den Jahren 2018 und 2019 fertig sein. Für vier weitere Terminals liegen Baugenehmigungen vor. Damit würden die USA zum drittgrößten LNG-Exporteur der Welt aufsteigen mit einem Marktanteil von 14 Prozent nach Australien mit 22 Prozent und Katar mit 20 Prozent. All diese Terminals haben zudem etwas gemeinsam: Sie liegen an der US-Ostküste. Der US-Energieminister Rick Perry sagt denn auch, wen er als Kunden für das Gas sieht: „Eine zunehmende Zahl an LNG-Lieferungen werden erwartungsgemäß nach Europa verkauft, wenn mehr Terminals entlang der Ostküste die Produktion aufnehmen.“

Der Transport von LNG ist relativ teuer, da Spezialschiffe erforderlich sind, auf denen das Gas permanent auf minus 162 Grad gekühlt wird. Dank der Erweiterung des Panamakanals sind auch LNG-Transporte von der US-Ostküste nach Asien möglich. Kürzer und billiger bleibt aber der Weg über den Atlantik. Um Marktanteile im eigentlich gesättigten Gasmarkt zu erobern, setzen US-Exporteure auf Flexibilität und den Preis. Statt langjährige Lieferverträge abzuschließen, verkaufen sie ihr Produkt oft auf dem Spotmarkt. Cheniere bietet außerdem Verträge an, bei denen der Endpreis an den Preis gekoppelt ist, der auf Amerikas Gasumschlagsplatz „Henry Hub“ gerade gilt. Der „Henry Hub Preis“ liegt meist deutlich unter dem Gaspreis in Europa oder Asien. Das wird wohl auch so bleiben, denn in den USA ist Gas oft ein Beiprodukt der Ölförderung. Duane Kokinda vom US-Pipelinekonzern Kinder Morgan sagt: „Ölfirmen wollen das Gas so schnell wie möglich loswerden, damit sie mehr Öl fördern können.“ Für die Ölfirmen ist das Gas somit nur ein „Zubrot“ und der Preis nicht entscheidend.

Die US-Gasindustrie hat zudem in Präsident Donald Trump einen wichtigen Mentor, und dieser macht eine klare Ansage: Seiner Regierung gehe es nicht länger um „Energie-Unabhängigkeit“ sondern um „Energie-Vorherrschaft“. LNG-Exporte hätten einen weiteren Vorteil, meint der Energiemarktexperte Daniel Yergin: „Die Trump-Regierung mit ihrem Fokus auf bilaterale Handelsdefizite sieht LNG als Möglichkeit, diese Defizite anzugehen.“ Ein Kandidat ist hier Südkorea. Das Land könnte LNG aus den USA statt aus Australien oder Katar beziehen, um den Exportüberschuss im Handel mit den USA zu senken. Aus Sicht von Harold Hamm, dem Chef des Öl- und Gaskonzerns Continental Resources, ist derweil klar: „Gas aus den USA wird weltweiten Einfluss haben.“ Jetzt müssen nur noch die Europäer entscheiden, wo ihr Gas in Zukunft herkommen soll.

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Martin H.

    Es dürfte in deutschem Interesse sein, als einer der weltgrößten Gas-Importeure einen stabilen Lieferanten-Mix zu etablieren. Unabhängig von politischen Präferenzen, sondern ganz banal aus Risiko-Erwägungen bis hin zum politischen Erpressungs-Potenzial. Aktuell sehen die Lieferzahlen folgendermaßen aus. RU 38 % Lieferanteil, 26% Norwegen, 20% Niederlande, 6% Sonstige und 10 % aus eigener Produktion. Da halte ich eine Steigerung des russischen Erdgas-Anteils, wie er mit Nord-Stream vorgesehen ist zwar im Schröders´schen und Putin´schen, aber nicht im deutschen Interesse. Ein langfristiger Mix von 30 % Norwegen, 20 % RU, 20 % USA, 20% Niederlande und 10 % aus einem Staatenmix ist wesentlich stabiler und risikoaverser. Was eine Abhängigkeit von einem diktatorischen Regime einbringt, sieht man in der Flüchtlingskrise, wo man sich mit viel Geld an Erdogan ausgeliefert hat.

  2. Dresdner45

    Russland ist ein sicherer und zuverlässiger Lieferant! Ob dies bei den USA der Fall sein wird, möchte ich bezweifeln. Dieser Staat versucht alles und mit allen Mitteln, die Welt in Schach zu halten. Die Sanktionen gegen Russland treffen besonders Deutschland (sollte doch ein Freund der USA sein!!!).

  3. Martin H.

    @3: Sehen Sie Russland einfach mit klarem Blick und nicht mit bedingungsloser Verklärtheit. . Es hat niemand behauptet, dass Russland ein unzuverlässiger Lieferant sei. Trotzdem ist es politisch unklug, sich an Russland (gaspolitisch) auszuliefern. Das bringt dem russischen Volk sowieso nichts, sondern mästet nur ein paar Oligarchen um Putin und Herrn Schröder. Warum sollen denn die USA die Welt in Schach halten? Die USA haben noch nie ein besiegtes Land zerstückelt, dauerhaft besetzt oder annektiert. Hätten sich beispielsweise alle Siegermächte nach dem 2. Weltkrieg ggü. Deutschland so verhalten wie ihr geliebtes Russland, wäre von uns nur noch der Landkreis Kassel übrig geblieben. Russland muss einfach seine Aggressionen stoppen, dann enden auch die Sanktionen.

  4. RU

    Wie immer geht es den USA doch nur darum, ihre politische, militärische und wirtschaftliche Vorherrschaft in der Welt zu behalten und möglichst auszubauen. Ist unter Kapitalisten immer noch so üblich, den Konkurrenten gnadenlos auszuschalten. Und, lieber Martin H., die USA sind wirklich ein sehr liebevolles, gütiges, hilfsbereites und um Frieden bedachtes Land, wie man ja in den letzten Jahrzehnten überall in der Welt sehen konnte: Vietnam, Chile, Nicaragua, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien usw.. Und sie verkaufen nur "wunderschöne Waffen" und "schöne weiße Kohle". Alles Super!

  5. Martin H.

    @4: Meinen Sie das im Ernst, was Sie als bedingungsloser Russland-Fan, den USA vorwerfen? Glauben Sie die Opfer der russischen Großmachtansprüche der letzten 100 Jahre fühlen sich besser behandelt, als die der USA? Fragen wir mal die abgeschlachteten Tschetschenen, die massakrierten Afghanen, die giftgasgemordeten Syrer, die hungernden Venezolaner, die überfallenen Georgier, die gemeuchelten Ukrainer......? Die Liste lässt sich leicht fortsetzen. Russland ist eine zutiefst destruktive Macht und das seit über 100 Jahren. Dazu haben sie mit Demokratie und Menschenrechten überhaupt nichts am Hut. Die USA mögen naiv und tollpatschig sein. Aber Demokratie und Menschenrechte sind selbst unter Trump noch nicht geschleift. Oder haben Sie schon mal erlebt, dass irgendein russischer Militär für seine Gräueltaten zur Verantwortung gezogen wurde? Die Prozesse der USA gegen die eigenen Armee-Vergehen sind dagegen der Normalfall. Also alles gut in Russland???

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