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Kommentar

Am Abgrund

Frank Grubitzsch über Katalonien und die Unabhängigkeit.

05.10.2017

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Frank Grubitzsch

© Robert Michael

Die Fronten bleiben verhärtet. Auch wenn sich Kataloniens Regierungschef Puigdemont in seiner Fernsehrede gesprächsbereit zeigte: Von dem Ziel Unabhängigkeit rückt er nicht ab. Beide Seiten haben die Chance verpasst, den Konflikt rechtzeitig zu entschärfen. Tritt das Regionalparlament am Montag trotz des höchstrichterlichen Verbots zusammen, droht die nächste Konfrontation.

Die spanische Regierung und auch König Felipe haben zwar recht, wenn sie auf Geist und Buchstaben der Verfassung pochen. Doch Madrids harte Haltung hat die Gräben vertieft und einen Dialog unmöglich gemacht. Und das brutale Vorgehen der spanischen Polizei am Tag des Referendums lieferte der Unabhängigkeitsbewegung das stärkste Argument. Es überzeugte auch jene, die noch gezweifelt und gezögert hatten, dem Ruf nach einer Loslösung von Spanien zu folgen.

Dennoch wären die Katalanen gut beraten, über die praktischen Folgen einer Abspaltung nachzudenken. Über Nacht stünde die Region außerhalb der EU, zunächst ohne Währung und traditionelle wirtschaftliche Bindungen da. Und der Wunsch nach einem EU-Beitritt würde am Einspruch Spaniens scheitern.

Für die EU ist das Ganze eine Katastrophe. Wenn sie von einem „innerspanischen Problem“ spricht und eine Vermittlerrolle ablehnt, hält sie sich an geltendes Recht. Doch will Brüssel tatenlos zusehen, wie die Beteiligten den Konflikt bis zum Äußersten treiben? Es wäre verantwortungslos, nicht alle Möglichkeiten zu nutzen. Sonst bleiben am Ende nur Verlierer: Spanien, Katalonien und Europa.

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