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Freitag, 12.06.2015

Alte Zöpfe für neue Frisuren

Am 1. Haarspendetag tauschen zwei Perückenmacherinnen frische Schnitte gegen Mähnen und Strähnen.

Von Nadja Laske

Tausende einzelne Haare knüpfen Maxi Kowalke (r.) und Evelyna Schubert zu einer Perücke. Rund 50 Stunden dauert das. Die Mühe hat ihren Preis.
Tausende einzelne Haare knüpfen Maxi Kowalke (r.) und Evelyna Schubert zu einer Perücke. Rund 50 Stunden dauert das. Die Mühe hat ihren Preis.

© Norbert Millauer

Es gibt ein Leben nach dem Schnitt. Nicht als Knäuel unterm Friseurstuhl, mülleimerreif verfitzt. Sondern als wohl frisierter Alltagsbegleiter auf dem Kopf eines dankbaren Trägers. Wenn die Schere sich durch Zöpfe arbeitet, beginnt für den Schopf eine neue Zeit. Perücke, Toupet, Bart oder sogar Augenbrauen können aus abgeschnittenen Haaren werden. Schade um die vielen schönen Strähnen, die meist im Abfall landen, finden Maxi Kowalke und Evelyna Schubert. Und weil das, was mit den meisten gestutzten Mähnen passiert, reine Verschwendung ist, laden die Perückenmacherinnen zum ersten „Dresdner Haarspendetag“ ein.

Die einen wollen es loswerden, die anderen vermissen es schmerzlich. „Wächst ja wieder“ – welch tröstlicher Satz, wenn die neue Frisur nicht der erhoffte Volltreffer war. Doch es gibt Menschen, denen ist viel wichtiger, überhaupt Haare zu haben. Sie leiden unter krankhaftem oder altersbedingtem Haarausfall, haben als Folge einer Chemotherapie das Haar verloren oder sind von Natur aus viel zu licht auf dem Kopf. Für Frauen ist das noch schwerer zu ertragen als für Männer. Kunden wie diese finden bei den studierten Maskenbildnerinnen Verständnis und vor allem Hilfe. Ihr künstlerisches Handwerk ist es, mit einer Art superfeinen Häkelnadel Haar für Haar auf feinste Gaze zu knüpfen. Schlinge für Schlinge ziehen sie fest. Rund 50 Stunden lang für eine Perücke. „Etwa zehn Wochen dauert die Fertigung insgesamt“, sagt Maxi Kowalke. Bis die Kundin oder der Kunde damit nach Hause geht, sind etliche Anproben und zum Schluss eine Schulung in Sachen Pflege nötig. Denn damit eine Perücke bis zu zwei Jahre schön aussieht, braucht sie viele Streicheleinheiten. Jede Woche einmal muss sie gewaschen, getrocknet und frisch frisiert werden – zu Hause, beim Friseur oder im Perückenstudio. In Letzterem werden die haarigen Kunstwerke nach etwa zwei Jahren aufgearbeitet, um noch länger zu halten. Schließlich sind sie eine Investition.

Rund 2 000 Euro kostet eine handgeknüpfte Echthaarperücke. Krankenkassen übernehmen nur einen Teil. „100 Gramm Echthaar in 40 Zentimetern Länge kosten 200 Euro. Für eine Perücke muss man 500 Euro Materialkosten einplanen, dazu kommt die Arbeitsleistung“, rechnet Maxi Kowalke vor. Seit immer mehr Frauen ihre natürlichen Haare mit sogenannten Extensions verlängern und verdichten lassen, sei der Preis für echtes Haar um rund 40 Prozent gestiegen. Nach dem Abitur hat die Dresdnerin ein einjähriges Praktikum an der Semperoper absolviert und dort Grundlagen der Maskenbildnerei gelernt. Dann studierte sie an der Kunsthochschule Maskenbild und ging mit dem Diplom in der Tasche nach Norwegen. „Ich habe mich auf eine freie Stelle am Opernhaus Oslo beworben und wurde angenommen.“ Es begann ein großes Abenteuer für die heute 31-Jährige, die in ihrer Wahlheimat rasch Norwegisch gelernt hat. Nach fast sechs Jahren zog es Maxi Kowalke zurück nach Dresden – mit einem Plan im Kopf. Sie wollte etwas Eigenes verwirklichen, spezialisierte sich auf Echthaarperücken und öffnete in Dresden-Plauen ihre „Capilli-Haarwerkstatt“.

Das meiste menschliche Haar, das Friseure und Perückenmacher verwenden, kommt aus Indien. Dort opfern Frauen in einem rituellen Akt ihre langen Haare und lassen sich eine Glatze scheren. Tempel verkaufen das Haar in Auktionen und lassen das Geld sozialen Projekten zukommen. In Fabriken werden die Haare dann für Perückenhersteller aufbereitet. „In der Fachwelt gilt die Meinung, dass gespendetes Haar aus Europa ohne diese besondere Behandlung durch Sortieren und Färben nicht zu gebrauchen sei. Ich verstehe gar nicht, warum eigentlich“, sagt Evelyna Schubert. Auch sie hat Maskenbild an der Hochschule für Bildende Künste Dresden studiert und das „Lamettanest“ eröffnet und zieht gerade mit ihrem „Studio für angewandte Kunst“ in die Bautzner Straße um. „Anfangs wollte ich nur Kunst und Happening machen“, sagt sie. Doch eine immer größere Nachfrage nach guten Perücken erreichte sie. Die fertigt Evelyna Schubert für haarlose Menschen ebenso wie für Theaterinszenierungen und Ausstellungen. Erst kürzlich waren riesige Perücken gefragt. Die brauchte der Gestalter Andreas Heller für überlebensgroße Figuren im Europäischen Hansemuseum.

Wenigstens 20 Zentimeter lang soll das Haar sein, das am Aktionstag mehr getauscht als gespendet wird. Denn die Besitzer und Besitzerinnen bekommen etwas zurück: einen neuen professionellen Haarschnitt, ein Tages-Make-up und ein Vorher-Nachher-Porträt zur Erinnerung. Bereits abgeschnittene Zöpfe nehmen Maxi Kowalke und Evelyna Schubert ebenfalls entgegen. Eingeladen sind zudem Menschen, die krankheitsbedingt auf eine Perücke angewiesen sind. Spendenhaar geht kostenlos an Kunden wie sie. Das macht eine neue Perücke preiswerter – und ein besseres Lebensgefühl erschwinglicher.

1. Haarspendetag, Sonnabend, 10 bis 18 Uhr, Lamettanest, Bautzner Straße 6: Mindesthaarlänge 20 Zentimeter. Um Wartezeiten für den neuen Haarschnitt zu vermeiden, bitte vorher anmelden unter 65399874