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Mittwoch, 26.07.2017

Alte Scheunen, neu belebt

Die Erlichthofsiedlung in Rietschen ist ein besonderes Freilichtmuseum. Es versammelt ein Dutzend alter Heidehäuser aus der Oberlausitz.

Von Frank Seibel

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Zeit zum Ausruhen gönnt sich Steffi Barna selten. Seit 20 Jahren betreibt sie ihren Hofladen in einer Bauernscheune, die vor dem Abriss stand. Hier bietet sie für Kinder unter anderem Kerzenziehen und Korbflechten an. Foto: André Schulze
Zeit zum Ausruhen gönnt sich Steffi Barna selten. Seit 20 Jahren betreibt sie ihren Hofladen in einer Bauernscheune, die vor dem Abriss stand. Hier bietet sie für Kinder unter anderem Kerzenziehen und Korbflechten an. Foto: André Schulze

© andré schulze

  • Zeit zum Ausruhen gönnt sich Steffi Barna selten. Seit 20 Jahren betreibt sie ihren Hofladen in einer Bauernscheune, die vor dem Abriss stand. Hier bietet sie für Kinder unter anderem Kerzenziehen und Korbflechten an. Foto: André Schulze
    Zeit zum Ausruhen gönnt sich Steffi Barna selten. Seit 20 Jahren betreibt sie ihren Hofladen in einer Bauernscheune, die vor dem Abriss stand. Hier bietet sie für Kinder unter anderem Kerzenziehen und Korbflechten an. Foto: André Schulze
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    Romantische Paddeltour

    Allein die Vorstellung, genau auf der Grenze zwischen zwei Ländern zu paddeln, hat ihren Reiz. Die Bootstour auf der Neiße führt zudem durch ungemein idyllische Wälder und Felder. Foto: G. Schulze www.neisse-tours.de

Zum Glück ist Steffi Barna kreativ. So hat sie herausgefunden, wie man mit einem Glühweinkocher Kerzen macht. Dass sie diese Utensilien in diesem Sommer häufiger benötigt als in anderen Jahren, liegt nicht allein an den kühlen Tagen, von denen es zumindest in der ersten Ferienhälfte genügend gab. Auch bei Hitze holt Steffi Barna den Glühweintopf gern hervor. Denn der hilft gegen die Malaise, mit der nicht nur Steffi Barna in diesen Wochen zu kämpfen hat. Auch die anderen Händler und Handwerker im Rietschener Freilichtmuseum „Erlichthof“ merken nur zu deutlich, dass eine dicke Baustelle die Bundesstraße 115 blockiert, die von Görlitz nach Cottbus führt und direkt an der Siedlung vorbeiführt, die mit ihren Schrotholzhäusern vor allem an alte Orte in der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft erinnert, die in den vergangenen Jahrzehnten dem Braunkohletagebau zum Opfer gefallen sind. Hier, am nördlichen Rand von Rietschen, wird seit über 20 Jahren ein Stück Heimatgeschichte gepflegt.

Weil wegen der Langzeit-Baustelle viel weniger Menschen den Weg zum Erlichthof finden als üblich, muss sich Steffi Barna strecken. Vor allem für Ferienkinder bietet sie fast täglich Aktionen an. Hoch im Kurs steht das Kerzenziehen. 15 Kilo Bienenwachs passen in den Blecheimer, den sie in den mit Wasser gefüllten Glühweintopf stellt. Wenn der das Wasser erhitzt, schmilzt das Wachs ganz langsam, und die Kinder können einen Docht in die honigfarbene Masse tauchen, wieder herausholen, abkühlen lassen, noch mal eintauchen ... So wird die Kerze Schicht um Schicht dicker und runder.

Steffi Barna war Ende vierzig, als sie ihrem Leben nochmal einen ganz neuen Dreh gab und das große Abenteuer wagte, sich mit einem eigenen Laden in einer alten Scheune selbstständig zu machen. Bis dahin war es ein weiter Weg: von Glauchau in die östliche Oberlausitz, vom Kunststudium über die Arbeit als Designerin im Textilwerk und die Leitung der Kulturabteilung im Braunkohletagebau bis zu einer längeren Durststrecke ab 1990, als für Kulturleiter im Tagebau kein Platz mehr war. Die Liebe zu alten Häusern, Möbeln und Alltagsdingen hat sie schon in den 1980er Jahren für sich entdeckt. Darum landete sie bei einer der vielen „Maaaaaßnahmen“ gegen die Arbeitslosigkeit bei der Denkmalpflege – und und half bei der Rettung alter Häuser und Gehöfte zwischen Neiße und Spree; oder aber bei der Dokumentation, um wenigstens Bilder, Pläne und Maße für die Nachwelt bewahren zu können, wenn ein Gebäude etwa dem Kohlebagger zum Fraß vorgeworfen werden sollte.

Auch das Haus, in dem sie jetzt das Kerzenwachs erwärmt, lernte Steffi Barna schon kennen, als an ihren Hofladen in der Schrotholzsiedlung noch nicht zu denken war. „Das war die Eingangsscheune zu einem alten Gehöft in Kringelsdorf“, erzählt sie. „Die alten Leute konnten sie nicht restaurieren.“ Der Gemeinderat von Rietschen hat schon unmittelbar nach dem politischen Umbruch von 1989 beschlossen, eine Siedlung mit solchen alten Gebäuden aufzubauen und die traditionellen Häuser der Heidedörfer auf diesem Weg für die Nachwelt zu bewahren. Der Gemeinderatsbeschluss von 1990 war die Geburtsstunde der Erlichthofsiedlung, und die Umsetzung alter Häuser begann schon bald. Ein altes Forsthaus und eine Theaterscheune waren die ersten Gebäude in dem für die Region typischen Fachwerkstil, die ins neue Freilichtmuseum umgesetzt wurden.

Die Häuser und Scheunen, in denen sich Händler und Kunsthandwerker niederließen, entstanden an diesem Ort ab 1994. Zu diesem Zeitpunkt stieg auch Steffi Barna mit ein – und ist als eine der wenigen der ersten Stunde noch immer dabei. Obwohl sie nun auch schon so lange hier ist und etwas kürzer treten möchte. Denn die alte Scheune und das 2 000 Quadratmeter große Grundstück in Schuss zu halten, das erfordert einiges an körperlicher und finanzieller Kraft. „Aber ich habe bislang immer meine Pacht pünktlich bezahlen können“, sagt sie stolz.

Immer wieder hat sie ihr Angebot im Hofladen angepasst, bis sie den richtigen Mix aus rustikalen und romantischen Geschenkartikeln, aber auch Haushaltszubehör gefunden hat. Nun läuft es – eigentlich. Wenn nicht diese blöde Baustelle wäre, die den Erlichthof von jenen Besuchern abschneidet, die von Süden her kommen und die örtlichen Schleichwege nicht kennen. Wer von Norden her kommt, findet hingegen so leicht wie immer hierher. Und von dort kommen die Berliner, die einen guten Teil der Ausflügler und Touristen ausmachen, die bei ihren Touren durch die Oberlausitz auch in Rietschen Halt machen.

Der Ausflug in die kleine Siedlung lohnt sich! Jedes Haus hat einen anderen Betreiber, mit ganz unterschiedlichen Handwerken. Kerzen, Körbe und Geschenkartikel gehören zu Steffi Barnas Hofladen, nebenan lockt die Schoko-Scheune mit vielen Spezialitäten aus Kakao, in der Keramik-Scheune arbeitet eine Töpferin, die ihre Teller, Tassen und Schüsseln verkauft, das „Auszeit-Idyll“ bietet Yogakurse und andere Möglichkeiten der Entspannung.

Großer Anziehungspunkt ist seit über zehn Jahren die Wolfsausstellung, die zusammen mit dem „Wolfs-Kontaktbüro“ des Freistaats Sachsen in einer ehemaligen Theaterscheune zu Hause ist. Und wer ein bisschen Zeit mitbringt, kann sich Fahrräder leihen und über den Wolfsradweg zur nahen Neiße und einmal rund um die Erlichthofsiedlung fahren. Und wer mag, kann nicht nur im Forsthaus mit der rustikalen Gaststätte, sondern in mehreren anderen Häusern auch übernachten. Auch in Steffi Barnas Hofladen mit dem urigen Ambiente.

Mit diesem Ausflug an die Neiße endet die 20-teilige Sommerserie der SZ. Alle Folgen zum Nachlesen unter www.szlink.de/sommer17