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Montag, 17.07.2017

Als eine ganze Gartensparte umzog

In der Erholung beackern noch immer fünf Gründer eine Parzelle. Von denen gibt es aber nicht mehr so viele wie 1967.

Von Marcus Moeller

Otto Scharfe, Christine Mäß und Rolf Krejci gehören zu den Gründern der Gartensparte Erholung in Hartha. Bis heute sei der Zusammenhalt der Gemeinschaft unvergleichlich, sagen sie.
Otto Scharfe, Christine Mäß und Rolf Krejci gehören zu den Gründern der Gartensparte Erholung in Hartha. Bis heute sei der Zusammenhalt der Gemeinschaft unvergleichlich, sagen sie.

© Dietmar Thomas

Hartha. Das Galgenkegeln hat in der Gartengruppe „Erholung“ Tradition. Neun Kegel stehen dabei auf einem Quadrat, an einem Galgen ist mit einem Seil eine schwere Kugel befestigt. Nun muss im richtigen Winkel ausgeholt werden, um möglichst viele Kegel abzuräumen. Dazu läuft Musik, Achtziger-Jahre-Hits schallen aus den Boxen. Die Kleingärtner sehen einander entspannt zu – jeder hat drei Versuche. Aber das Spielchen ist eher Belustigung als ernsthafter Wettkampf. Es ist den Leuten hier anzumerken, dass sie einfach gern entspannt beisammen sind. In der Gartengruppe „Erholung“ ist der Wert einer solchen Gemeinschaft wohlbekannt: 1967 zog es dem Vorgänger der Sparte nämlich ähnlich rapide den Boden unter den Füßen weg, wie den umgestoßenen Kegeln beim Galgenkegeln.

Nicht zuletzt deshalb ist der Anlass des Festes der Gartengruppe am Sonnabend auch die Ehrung fünf verbliebener Gründungsmitglieder von 1967. Christine Mäß, Helga Radke, Otto Scharfe, Hubert Hendrich und Rolf Krejci sind noch heute Pächter in der Sparte, drei von ihnen sind zur Ehrung erschienen.

Rolf Krejci erinnert sich noch an die lebhafte Gründungsgeschichte, als wäre es gestern gewesen. Vom Ende der Feldstraße bis hin zum Reichsbahngelände erstreckte sich damals in Hartha eine Gartensparte. Es handelte sich um jenes Gelände, auf dem schließlich das VEB Stoßdämpferwerk gebaut wurde. Die Gärten wurden umgesiedelt. „Innerhalb eines Wochenendes kamen 20 Lauben nach hier unten.“, sagt Rolf Krejci. Mit „hier unten“ ist der Ort gemeint, an dem sich die Gartengruppe unter dem Namen „Erholung“ 1967 schließlich neu gründete – und zwar an der Dresdener Straße, hinter dem Hotel „Zum Schwan“.

Und dort hinter dem Schwan ging in den Folgejahren ziemlich die Post ab, glaubt man den Aussagen der alteingesessenen Gartenpächter. „Die Gurke“ entwickelte sich vom Vereinshaus zum Speise-, Kultur- und Feiersaal für ganz Hartha. In den Achtzigern sei mindestens dreimal in der Woche „Die Gurke“ auf dem Plan gewesen, riesige Feste seien gefeiert worden. Krejci erinnert sich an Tausende Besucher und etliche verkaufte Fässer Bier. Silvester wurde jährlich in großem Stil gemeinsam mit 50 Leuten gefeiert.

Heute ist es etwas ruhiger um die Harthaer Gartenlauben. Von einst 72 Parzellen sind noch 60 besetzt, dazu drei Tafelgärten, die von Ein-Euro-Jobbern gepflegt werden. Sie machen ihre Sache gut, wie die Pächter finden. Es springe da eine Menge für Bedürftige ab. Die Gurke wurde nach einem Brand im Februar 2012 um etwa zwei Drittel der ursprünglichen Gebäudegröße zurückgebaut. Wo früher der große Saal der berüchtigten Gurke war, steht heute ein Bierzelt, um die Feiernden vor Regen zu schützen.

Nach der Wende habe es langsam angefangen weniger zu werden in der Gurke. Sie warf nicht mehr so viel Gewinn ab, wie früher, bis sich noch vor dem Brand 2012 schließlich kein Pächter mehr finden ließ.

Die Geschichte der Gurke nach der Wende steht stellvertretend für ganz Hartha. Sie steht für einen einst florierenden Industriestandort, der den Übergang in die Neuzeit nicht gut überstanden hat. Rolf Krejci arbeitete damals selbst im Stoßdämpferwerk – mehr als 600 Leute seien sie gewesen, um nach der Wende sukzessive auf eine Zahl von 130 Beschäftigten zu sinken. Die anderen Pächter haben Ähnliches zu berichten. Es gab plötzlich einfach keine Arbeit mehr.

Doch in der Gartengruppe Erholung nehmen sie das nicht allzu tragisch. An die Gurke, wie sie einmal war und an die großen Silvesterfeiern denken sie zwar sehnsüchtig zurück. „Aber mittlerweile sind wir auch alle alt geworden“, sagt Rolf Krejci. Die anderen widersprechen ihm. Er sei doch mit 78 noch ein junger Hüpfer. Der Pächter Frank Helbig hat eine kleine Chronik erstellt, ein gebundenes Buch mit Fotos von jedem einzelnen Garten, Luftaufnahmen und Bildern aus der Gründungszeit. Und auch wenn es insgesamt etwas ruhiger geworden sei, so sehen Rolf Kejci und die anderen Pächter noch immer etwas in der Gartengruppe, dass es nirgendwo anders gäbe: „Der Zusammenhalt dieser Gemeinschaft hier ist unvergleichlich.“