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Donnerstag, 06.09.2012

Als Bonn die Spalterflagge setzte - 25 Jahre Honecker-Besuch

Es war einer der großen Momente der deutsch-deutschen Geschichte: Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Erich Honecker zum ersten und einzigen Mal nach Bonn kam. Für den Staats- und Parteichef der DDR bedeutete das einen Triumph. Aber keinen von Dauer.

Von Christoph Sator

Bonn. Wie das, wenn es bedeutend wird im Leben, dann manchmal so ist: Man tut, als sei das alles das Normalste der Welt. Und trotzdem sieht jeder auf den ersten Blick, dass eben nichts gewöhnlich ist. So erging es auch den beiden Männern, die an jenem 7. September 1987 zu den Klängen der DDR-Hymne vor dem Bundeskanzleramt in Bonn zusammenstanden. Erich Honecker musste vor Ergriffenheit mehrmals fest schlucken. Und Helmut Kohl schaute so verdrossen wie oft, wenn er seine Gefühle unbedingt verbergen wollte.

An diesem Freitag ist es genau 25 Jahre her, dass erstmals ein Staats- und Parteichef aus der DDR in der bundesdeutschen Hauptstadt empfangen wurde, die diesen Titel seinerzeit selbstverständlich nur provisorisch trug, als Statthalter für Berlin. Es blieb das einzige Mal. Und wenn damals auch nur einer geahnt hätte, dass es mit der DDR kaum drei Jahre später vorbei sein würde, hätte es diesen Besuch wohl nie gegeben.

So aber blickte an jenem September-Montag fast die ganze Welt auf Bonn, wo die beiden deutschen Staaten die Normalisierung ihres Verhältnisses zelebrierten. Zwar hatte sich Kohl seit Beginn seiner Kanzlerschaft 1982 mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden und SED-Generalsekretär schon dreimal getroffen - aber das war stets nur kurz, am Rande von Staatsbegräbnissen im Ausland.

Alles vermeiden, was nach Zweistaatlichkeit aussieht

Mehrere Anläufe für eine Westreise Honeckers scheiterten an Bedenken, die es auf beiden Seiten zu Haufe gab. Die Bundesregierung wollte alles vermeiden, was nach endgültiger Teilung und Zweistaatlichkeit aussehen könnte. Genau das - die Anerkennung als selbstständiger und international gleichberechtigter Staat - war auf der anderen Seite das erklärte Ziel.

Die Lage änderte sich, als 1985 in der Sowjetunion Michail Gorbatschow an die Macht kam. Aber auch dann dauerte es noch. Als der Kreml im Frühjahr 1987 endlich grünes Licht gab, musste noch viel Protokoll geklärt werden. Honecker bekam zwar keinen richtigen Staatsbesuch - so weit war man noch lange nicht -, aber einen „Arbeitsbesuch eines Staatsoberhaupts mit Exekutivgewalt“.

Das bedeutete: Vorfahrt mit einem dicken Mercedes 600, auf dem der DDR-Stander gesetzt war, gefolgt von rotem Teppich, Hymne und Ehrenformation. Dazu wurde vor dem Kanzleramt Schwarz-Rot-Gold mit Hammer und Zirkel gehisst - die „Spalterflagge“, wie sie manche nannten. Dafür war der Teppich einige Meter kürzer als üblich, die Motorrad-Eskorte sieben Männer kleiner als sonst, und auf Salut-Schüsse verzichtete man ganz. Solche Nickligkeiten waren damals wichtig.

Der Pfälzer führt den Saarländer

Beim Abschreiten der Soldaten konnte es Kohl (damals 57) auch nicht lassen, dem eben erst 75 Jahre alt gewordenen Kommunisten demonstrativ den Weg zu weisen. Honecker, einen Kopf kleiner und in zu kurz geratenen Hosen, folgte brav. Anschließend ging es weiter zu Bundespräsident Richard von Weizsäcker in die Villa Hammerschmidt - auf das Treffen von Staats- und Staatsoberhaupt hatte die DDR-Führung bestanden.

Später beim festlichen Abendessen - kein Staatsbankett - mahnte Kohl: „Das Bewusstsein für die Einheit der Nation ist wach wie eh und je.“ Und ergänzte, live vom DDR-Fernsehen übertragen: „Die Menschen in Deutschland leiden unter der Trennung.“ Honecker entgegnete, dass die Unverletzlichkeit der Grenzen „grundlegende Bedingung für den Frieden“ sei. Und fügte die längst bekannte Wendung hinzu, „dass Sozialismus und Kapitalismus sich ebenso wenig vereinigen lassen wie Feuer und Wasser“.

Spätestens da war klar, dass sich der Christdemokrat aus dem Westen und der Kommunist aus dem Osten weiterhin nicht viel zu sagen hatten. Vom wirtschaftlichen Zustand der DDR - die Bundesrepublik war längst einer der wichtigsten Geldgeber - wurde bei offiziellen Anlässen schon gar nicht geredet. In Bonn blieb alles, wie es seit Jahrzehnten war: arg verkrampft.

Fünf Tage durch die „Bunsreplik“

Die Atmosphäre entspannte sich erst auf den restlichen Stationen von Honeckers fünftägiger Reise durch die „Bunsreplik“, wie der berüchtigte Silbenschlucker gern verkürzte. In Neunkirchen, wo der gebürtige Saarländer zum ersten Mal am Grab seiner Eltern stand, prophezeite er sogar den Tag, „an dem uns die Grenzen nicht mehr trennen, sondern vereinen“. Zum Abschluss in München wurde er vom CSU-Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß regelrecht hofiert.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schrieb als Bilanz von „Honeckers Triumph“. Aber der war nicht von Dauer. Mit der DDR ging es dermaßen bergab, dass er als Staats- und Parteichef im Oktober 1989 gestürzt wurde. Wenige Tage später fiel die Mauer. Kein Jahr danach war Deutschland tatsächlich vereint. Zwischendurch, im Mai 1990, kam sogar noch einmal ein DDR-Staatsoberhaupt nach Bonn, Volkskammer-Präsidentin Sabine Bergmann-Pohl. Aber daran erinnert sich heute kaum noch wer. (dpa)