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Samstag, 12.03.2011

„All You Need Is Love“

Schauspieler Liam Neeson über das Leben nach dem Tod seiner Frau, über Boxerfahrungen und über frühe Zeitreisen im vereinten Deutschland.

Nicht mehr zu wissen, wer man ist, weil etwas Furchtbares passiert ist, das einem die Lebensgrundlage entzieht – das ist nicht nur eine Erfahrung, die der Wissenschaftler Dr. Martin Harris, gespielt von Liam Neeson, gerade in „Unknown Identity“ auf der Leinwand macht. Liam Neeson, 58, hat selbst eine Tragödie erlebt. Vor zwei Jahren kam seine Frau, die Schauspielerin Natasha Richardson, nach einem Skiunfall ums Leben. Ein vermeintlich harmloser Sturz hinterließ eine Gehirnblutung. Liam Neeson blieb mit zwei Söhnen zurück. Er verstummte öffentlich und begrub sich unter Arbeit. Erst seit Kurzem gibt er wieder Interviews.

Mr. Neeson, Sie spielen in „Unknown Identity“ einen Wissenschaftler, der in Berlin einen Unfall erleidet und dann auf der Suche nach seiner Identität umherirrt. Wie haben Sie sich in die Figur hineinversetzt?

Ich gehe jede Szene einzeln an, suche nach ihrer Wahrheit, egal wie klein sie auch sein mag. Ich gehe an einen Film nicht übergreifend heran. Den Rest überlasse ich dem Regisseur und dem Schnitt.

Ihr Dr. Harris findet sich in seinem Leben nicht mehr zurecht. Kennen Sie dieses Gefühl, verloren in Zeit und Raum zu sein?

Ja, mir ging es tatsächlich mal so, als ich sechs oder sieben Jahre lang Boxer war, da war ich noch sehr jung. Ich erinnere mich an einen Kampf, den ich mit sechzehn oder siebzehn bestritten und sogar gewonnen habe. Aber als ich nach drei Runden aus dem Ring stieg, hatte ich eine Gehirnerschütterung, die man damals aber noch nicht feststellen konnte. Mein Trainer gab mir Anweisungen, schickte mich in die Kabine zum Umziehen und wollte mich dann draußen treffen. Aber mir kam es so vor, als würde jemand in einer mir völlig fremden Sprache zu mir sprechen, seine Worte ergaben für mich keinen Sinn, waren überhaupt nicht verständlich. Das hat mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, obwohl dieser Moment nur zwei oder drei Minuten angedauert hat.

Ihre Konsequenz damals?

Es hat mir klargemacht, dass ich schnellstens aus diesem verdammten Geschäft aussteigen muss, wenn ich nicht meinen Verstand verlieren will. Es war mir eine Lehre und ich habe damit aufgehört.

Sie haben vor zwei Jahren Ihre Frau auf tragische Weise verloren. Betrachten Sie dramatische Szenen in Filmen heute anders als früher?

Eine sehr gute Frage, die Antwort lautet ja. Wann immer die Filme mit Tod, einer Lebensveränderung oder anderen ernsten Themen zu tun haben, berühren sie mich stärker, lösen eine tiefere emotionale Reaktion in mir aus.

Was gibt Ihnen Trost, wenn Ihnen selbst im Arbeitsalltag solche Erschütterungen drohen?

Die Familie und Freunde sind da wichtig. Und auch ein starkes Team am Set! Das in Berlin war großartig und extrem professionell.

Sie drehen in letzter Zeit sehr viel. 2009 waren es allein neun Filme. Ist die Arbeit für Sie eine Form von Therapie?

Ja, die Arbeit hat große therapeutische Wirkung. Arbeit hilft einem in allen persönlichen Situationen! Immerhin stamme ich aus einer Arbeiterfamilie, wo man nach dem Job das Geld mit nach Hause bringt und seine Rechnungen zahlt. Diese Einstellung hat oft eine reinigende Wirkung. Außerdem arbeite ich in einem Beruf, in dem siebzig Prozent der Kollegen nicht durchgehend Aufträge kriegen. Und wenn man dann eine Rolle von völlig Fremden angeboten bekommt, dann versetzt mir das schon einen Kick. Wann immer ich ein Angebot bekomme, richte ich ein herzliches Dankeschön ans Universum, ganz ehrlich!

Sind Sie religiös?

Sagen wir mal, ich bin spirituell. Ich wurde in Irland streng katholisch erzogen, aber dieser Tage bin ich weniger religiös als spirituell.

Was genau meinen Sie damit? Glauben Sie, dass alles – auch ein Schicksalsschlag – einen tieferen Sinn hat?

Diese Frage nach dem tieferen Sinn sollten sich Menschen täglich stellen, wenn sie abends zu Bett gehen. Aber natürlich beschäftigen sich vor allem und besonders Künstler, Dichter, Musiker damit, zu beschreiben, in was für einer Welt wir leben und was das Leben an sich überhaupt ist.

Haben Sie schon eine Antwort auf die große Frage gefunden?

Je älter ich werde, desto mehr glaube ich an das, was John Lennon mit „All You Need Is Love“ sagen wollte. Wenn man viel Liebe in dieses Universum schickt, dann bekommt man es zehnfach zurück. So ähnlich steht es auch in der Bibel geschrieben. Man sollte seine Mitmenschen so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte, mit Respekt und Liebe.

„Unknown Identity“ wurde 2010 auch in Berlin gedreht, bei Frost, Glatteis, Schnee. Wie hat es Ihnen gefallen?

Ich fand’s großartig! Ich habe schon mal in Berlin gedreht, das war kurz nach dem Mauerfall. Da spielten auch Michael Douglas und Melanie Griffith mit, der Film hieß „Hot Stuff“ und wurde hauptsächlich im Ostteil gedreht. Jeden Morgen durch die Straßen zu fahren, das war wie eine Zeitreise in die Vergangenheit, ins Jahr 1947/48. Die Stadt machte gerade einen riesigen Wandel durch.

Wie haben Sie Berlin dann 20 Jahre später empfunden?

Es war voller jugendlicher Vitalität und sprühte vor Energie. Die Dreharbeiten in Potsdam-Babelsberg, was wahrscheinlich das älteste Filmstudio im Westen ist, fast hundert Jahre alt, wo all diese wunderbaren Marlene-Dietrich-Filme entstanden, all das hat mich extrem inspiriert. Ich habe mich in den Studios so gefühlt, als würde ich ein Museum betreten, voller lebendiger Filmgeschichte, einfach wunderbar!

Das Gespräch führte Mariam Schaghaghi.