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Freitag, 04.11.2016

Ärger für die „Polit-Putze“

Eine Berlinerin übersprüht bundesweit Hassparolen. In Bautzen kassiert sie dafür eine Anzeige von der Polizei.

Von Sebastian Kositz

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Das Farbspray ist für Irmela Mensah-Schramm ein wichtiger Teil ihrer Ausrüstung. Regelmäßig zieht die 70-Jährige los, um Hass-Parolen zu übersprühen oder Aufkleber mit rechtsextremen Botschaften abzukratzen. Für ihr Engagement hat die Berlinerin bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. Archivfoto: dpa/Swen Pförtner
Das Farbspray ist für Irmela Mensah-Schramm ein wichtiger Teil ihrer Ausrüstung. Regelmäßig zieht die 70-Jährige los, um Hass-Parolen zu übersprühen oder Aufkleber mit rechtsextremen Botschaften abzukratzen. Für ihr Engagement hat die Berlinerin bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. Archivfoto: dpa/Swen Pförtner

© dpa

  • Das Farbspray ist für Irmela Mensah-Schramm ein wichtiger Teil ihrer Ausrüstung. Regelmäßig zieht die 70-Jährige los, um Hass-Parolen zu übersprühen oder Aufkleber mit rechtsextremen Botschaften abzukratzen. Für ihr Engagement hat die Berlinerin bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. Archivfoto: dpa/Swen Pförtner
    Das Farbspray ist für Irmela Mensah-Schramm ein wichtiger Teil ihrer Ausrüstung. Regelmäßig zieht die 70-Jährige los, um Hass-Parolen zu übersprühen oder Aufkleber mit rechtsextremen Botschaften abzukratzen. Für ihr Engagement hat die Berlinerin bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. Archivfoto: dpa/Swen Pförtner
  • Auch im Fußgängertunnel am Kornmarkt hat Irmela Mensah-Schramm eine Hass-Parole mit roter Farbe umgestaltet.
    Auch im Fußgängertunnel am Kornmarkt hat Irmela Mensah-Schramm eine Hass-Parole mit roter Farbe umgestaltet.

Bautzen. Die Büchse mit dem Farbspray ist für Irmela Mensah-Schramm ein beständiger Begleiter. Auch als die Berlinerin am Donnerstagmorgen gegen 6 Uhr in den Zug steigt, hat sie eine Dose mit roter Farbe in ihrem Gepäck verstaut. Die 70-Jährige will nach Bautzen, um dort das zu tun, was sie schon seit ziemlich genau 30 Jahren in ganz Deutschland tut: Nazi-Aufkleber entfernen und Hassbotschaften umgestalten. Doch in ihrem Engagement ist die mehrfach ausgezeichnete Menschenrechtsaktivistin nun ausgebremst worden. In Bautzen nahmen ihr Polizisten das Farbspray weg – und schickten die couragierte Dame stattdessen mit einer Anzeige nach Hause.

Zunächst aber der Reihe nach. Als nach den erneuten Angriffen gegen Asylsuchende in der Bautzener Innenstadt wieder einmal die verruckelten Bilder vom nächtlichen Treiben auf dem Kornmarkt ausgestrahlt werden, überlegt Irmela Mensah-Schramm gar nicht erst lange. Für die selbst ernannte „Polit-Putze“ ist klar: Sie muss eingreifen. Und genau das macht sie auch, nachdem sie am Donnerstagvormittag in Bautzen aus dem Zug gestiegen war.

Herz verdeckt Naziparole

Schon im Fußgängertunnel am Kornmarkt stößt sie auf die erste Hassbotschaft. „Demokratie ist gleich Volkstod“, habe dort gestanden, so die 70-Jährige, die umgehend die Spraydose zückt. Sekunden später ist das Wort „Volkstod“ unter satter roter Farbe verschwunden. Auf den zuvor ohnehin schon beschmierten und besprühten Steinkacheln klebt jetzt ein Herz. Irmela Mensah-Schramm hat ihre Mission erfüllt. Wieder eine dumpfe Nazi-Parole weniger.

Doch gerade in Fahrt gekommen, gerät die unter anderem mit der Bundesverdienstmedaille geehrte Aktivistin wenige Meter weiter auf der Hauensteingasse ins Visier eines Bundespolizisten. An einem Verteilerkasten hatte sie schon wieder zur Farbe gegriffen. Da wurde es dem Uniformierten ganz offenbar zu bunt. Er verständige deshalb die in dieser Sache zuständigen Kollegen des Polizeireviers in Bautzen.

Arger über Beamte

Was dann geschah, war aus Sicht von Irmela Mensah-Schramm ziemlich abenteuerlich. Von den Beamten fühlt sie sich rüde behandelt und beleidigt. „Einer der Beamten hat zu mir gesagt, ich sei kriminell“, empört sich die 70-Jährige. Sie erwägt deshalb nun sogar eine Anzeige wegen Beleidigung. Ihre Erklärungsversuche hätten die Polizisten indes nicht interessiert. Bei dem Verweis auf eine auf die Wand geschmierte „88“, einem Nazi-Code, hätte einer der Beamten geantwortet, dies sei auch nur eine Zahl. Dabei, so ist Irmela Mensah-Schramm überzeugt, müsse doch allen voran die Polizei dafür sorgen, dass volksverhetzende Parolen nicht stehen bleiben. „Das habe ich den beiden Polizisten so auch gesagt“.

Und nicht nur das. Dass sie für ihr Engagement zudem den Göttinger Friedenspreis und den Dresdner Erich-Kästner-Preis erhalten hat, habe die Ordnungshüter allerdings ebenso wenig beeindruckt. Stattdessen kassierten sie die Spraydose ein. Aus Sicht der Beamten besteht der Anfangsverdacht einer Straftat, wie Thomas Knaup, Sprecher der Polizeidirektion in Görlitz erklärt: „Zu deren Verfolgung ist die Polizei von Gesetzes wegen verpflichtet.“ Die Kriminalpolizei werde nun die weiteren Ermittlungen führen, anschließend geht der Fall an die Staatsanwaltschaft, wo letztlich entschieden wird, wie es weitergeht.

Von Passanten beschimpft

Tatsächlich würde der Einsatz der Berlinerin gegen rechte Schmierereien, Nazi-Aufkleber und Parolen nicht zum ersten Mal die Justiz beschäftigen. In der Bundeshauptstadt droht ihr nach einem Gerichtsurteil nun ein Jahr lang eine Geldbuße in Höhe von 1 800 Euro, wenn sie ihre politische Arbeit mit der locker sitzenden Spraydose fortsetze. Zuvor hatte sie in einer Unterführung in ihrem Stadtteil Zehlendorf die Parole „Merkel muss weg!“ mit Sprühfarbe in „Merke! Hass weg!“ verändert.

Doch nicht nur das Verhalten der Polizisten, auch die Reaktionen einiger Bautzener habe die Rentnerin unangenehm überrascht. „Ich bin von Passanten beschimpft worden. Das ist mir so zuvor in den gesamten 30 Jahren noch nicht passiert“, sagt Irmela Mensah-Schramm, die zuletzt unter anderem auch in Dresden mit Protesten gegen Pegida für Schlagzeilen sorgte. Sie hatte sich dort unter anderem trotz anderslautender Auflagen in Hör- und Sichtweite mit einem Plakat postiert und sich auch von den Polizisten nicht vertreiben lassen.

In Bautzen hat sie am Donnerstag übrigens ebenfalls nicht klein beigegeben. Erleichtert ums Farbspray machte sie sich sofort daran, von Masten oder Schildern Nazi-Aufkleber abzukratzen. Und die 70-Jährige möchte wiederkommen. Neues Farbspray habe sie sich noch während der Heimfahrt beim Zwischenstopp in Görlitz besorgt. Denn, so formuliert es Irmela Mensah-Schramm: „Alles lässt sich reparieren – nur die Menschenwürde nicht.“