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Mittwoch, 25.01.2017

Abhängen im Kartoffelkeller

Bei Siegfried Thiemig haben fünf Braune Langohren ihr Fledermaus-Winterquartier bezogen.

Von Manfred Müller

Siegfried Thiemig (r.) schaut sich in seinem Keller in Bauda mit Fledermausexperte Steffen Pocha die Braunen Langohren an.
Siegfried Thiemig (r.) schaut sich in seinem Keller in Bauda mit Fledermausexperte Steffen Pocha die Braunen Langohren an.

© A. Hübschmann

Bauda. Fledermäuse haben es im Winter gern kühl, aber frostfrei. Sie verkriechen sich in Felshöhlen, Erdspalten und hohlen Bäumen. Mit Vorliebe auch in alten Kartoffelkellern, wie in dem von Siegfried Thiemig aus Bauda. Fünf Braune Langohren haben es sich dort gemütlich gemacht. Wobei „gemütlich“ ein relativer Begriff ist. Vier Grad plus sind nach menschlichem Ermessen eine eher unangenehme Schlaftemperatur. Aber Fledermäuse verlangsamen ihren Stoffwechsel, um den kalten und darum insektenarmen Winter überdauern zu können. Dabei zehren sie einzig von ihren Fettreserven. Ihre Körpertemperatur entspricht der Umgebungstemperatur, der Herzschlag wird von über 1000 pro Minute im Flug auf oft weniger als ein Dutzend reduziert und die Atmung sinkt auf wenige Atemzüge pro Stunde. Der Energieverbrauch wird damit auf ein Minimum reduziert. Darum meiden sie im Winter zu warme Verstecke, weil das den Stoffwechsel aktiviert und die Fettreserven zu schnell aufgebraucht würden.

Eine Stunde auf – eine Woche Schlaf

Aber in Siegfried Thiemes Kartoffelkeller ist alles perfekt. Die gleichbleibende Temperatur, die hohe Luftfeuchtigkeit, die verhindert, dass die kleinen Körper der Langohren austrocknen. Der Baudaer hat sogar Loch- und Hohlblocksteine in Wände und Decken eingemauert, damit sich die Tiere verkriechen können. Schließlich bevorzugen sie in der freien Natur für den Winterschlaf auch enge Spalten in Felshöhlen und Bäumen. Und sie sollten möglichst wenig behelligt werden, denn das Aufwachen kostet viel Energie. Eine Stunde Wachzeit entspricht etwa dem Verbrauch von einer Woche Winterschlaf. Häufige Störungen können die Tiere daher erschöpfen. Aber heute bekommen sie trotzdem Besuch. Einmal im Jahr macht Fledermaus-Experte Steffen Pocha seine Runde durch die Winterquartiere im Elbe-Röder-Gebiet. Etwa 20 davon hat er ausfindig gemacht – und zu Jahresbeginn kontrolliert der Artenschützer, ob sie von den Tieren angenommen worden sind. Mit einer Taschenlampe und einer Art Zahnarztspiegel steigt er in Erd- und Gebäudekeller, aber auch in alte Militärbunker und leuchtet in die Mauerspalten. Zumeist hängen dort Braune und Graue Langohren, Mops- und Wasserfledermäuse ab. Pocha beherbergt auch im Keller seines eigenen Grundstücks in Görzig regelmäßig Fledermäuse. Das Winterquartier ist vor allem bei den Langohren beliebt.

Schon mehr als 15 Jahre

Es muss natürlich eine Öffnung haben, durch die die pelzigen Gesellen zu Beginn der kalten Jahreszeit einschlüpfen können. „Ich beschäftige mich seit 30 Jahren mit Fledermäusen“, erzählt der Görziger. „Jetzt konnte ich zum ersten Mal beobachten, wie eine auf dem Hof herumflatterte, den Eingang suchte und schließlich im Keller verschwand.“ Das ist Siegfried Thieme noch nicht gelungen, obwohl bei ihm die Fledermäuse schon mehr als 15 Jahre überwintern. „Ich habe auch noch fünf Kästen für die warme Jahreszeit angebracht“, erklärt der Baudaer. „Die sind aber leider noch nicht angenommen worden.“ Der heute 64-Jährige hat für sein Engagement beim Schutz der gefährdeten Hautflügler die sogenannte Fledermaus-Plakette verliehen bekommen.

Das Metallschild mit der Aufschrift „Fledermaus komm ins Haus“ kann am Hoftor oder an der Hauswand angebracht werden und weist darauf hin, dass hier jemand wohnt, der sich um die Erhaltung einer geschützten Tierart verdient gemacht hat. Es wird von der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt verliehen, und Thieme war 2005 einer der Ersten im Großenhainer Raum, die die Plakette erhielten. In Sachsen wurden mittlerweile mehr als 600 solcher Plaketten vergeben, vorwiegend an private Hausbesitzer, aber auch an öffentliche Einrichtungen.