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Freitag, 08.09.2017

Abgewiesen trotz Wehen

In Deutschland fehlen Hebammen. Für Schwangere wird die Suche nach der passenden Betreuung stressig.

Von Tanja Tricarico

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Der komplizierte Weg zueinander: Schwangere und Hebamme.
Der komplizierte Weg zueinander: Schwangere und Hebamme.

© dpa

Silvia wird ihr erstes Kind zu Hause bekommen. Zusammen mit ihrem Partner hat sie sich vorbereitet – so gut es geht. Sogar einen Gebärpool, eine Art Sitzbadewanne aus Plastik, haben sie sich ausgeliehen. Die Entscheidung für die Hausgeburt traf Silvia nicht freiwillig. Eigentlich wünschte sie sich einen festen Platz in einem der umliegenden Krankenhäuser – oder wenigstens in einem der Geburtshäuser. Doch ihre Anfrage wurde abgewiesen. Irgendwann hat sie aufgegeben. Silvia will sich nicht mehr länger mit der Suche nach einer passenden Hebamme quälen, sondern lieber ihre Schwangerschaft genießen. Angst hat sie nur noch ein bisschen. „Das haben schließlich schon andere Frauen geschafft“, sagt Silvia.

Ähnlich ergeht es Jenny. Die 40-Jährige Lehrerin erwartet ihr drittes Kind. Nur per Zufall hat die Berlinerin einen Platz im Geburtshaus bekommen. Vor wenigen Tagen hat sie die Hebamme, die ihrer ersten Tochter auf die Welt geholfen hat, auf der Straße getroffen. Sie hat ihr Hilfe zugesagt.

Reisewarnung in der Ferienzeit

Die Geschichten von Silvia und Jenny sind keine Einzelfälle. Schwangere, die auf der Suche nach einer Hebamme sind, müssen viel Geduld und Zeit mitbringen. Wie ernst die Lage ist, zeigte unlängst eine „Reisewarnung“ der Elterninitiative „Mother Hood“. Pünktlich zum Beginn der Sommerferien Anfang Juli informierten die Mitglieder des Vereins mit einer Deutschlandkarte über überlastete Geburtsstationen in der Republik. In Berlin oder München würden Frauen immer wieder von Krankenhäusern abgewiesen, obwohl sie bereits Wehen hätten, hieß es. Ohnehin sei eine Ein-zu-eins-Betreuung nicht oder nur schwer möglich. An manchen Urlaubsorten – vor allem auch auf Nord- und Ostseeinseln – gebe es gar keine Geburtshilfe mehr. Bis zum nächsten Krankenhaus müssten die Schwangeren mit einer Autofahrt von 45 Minuten und mehr rechnen.

Die Reisewarnung sorgte für Aufruhr und machte auf ein Problem aufmerksam, das im politischen Betrieb keine große Lobby hat. Seit Jahren reduzieren die Krankenhäuser ihr Personal an Hebammen und Geburtshelfern. Da die Versicherungssummen kaum zu bezahlen sind, steigen viele Fachkräfte aus dem Beruf wieder aus. Die Folge: Personalmangel und etliche besorgte werdende Mütter, die nicht wissen, wie und wo sie Unterstützung bei der Geburtsvorbereitung bekommen.

Nach dem Druck von Verbänden und Elterninitiativen hatte sich auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) der Hebammen angenommen. Gröhe hätte in dieser Legislaturperiode für die Geburtshilfe einiges herausgeholt, sagt Susanne Steppat aus dem Präsidium des Deutschen Hebammenverbands. Zum Beispiel was den Sicherstellungszuschlag für freiberuflich in der Geburtshilfe tätige Hebammen angeht. Damit sind Regelungen für einen Ausgleich für die steigenden Kosten der Berufshaftpflicht-Versicherung gemeint. Doch Personalnotstand und auch die schlechte Bezahlung der Hebammen sind deshalb noch lange nicht gelöst. In manchen Kliniken wurde die Zahl der Hebammen stark reduziert, obwohl der Bedarf groß ist. Allein 2015 gab es mehr als 737 000 Geburten bundesweit, 3,2 Prozent mehr als 2014. „Jede Frau muss Vertrauen in die Krankenhäuser und die medizinische Versorgung bei der Geburt haben“, sagt Steppat.

Bereits heute wissen viele Frauen nicht, wo sie die Unterstützung sowohl zur Vorbereitung als auch bei der Geburt selbst und danach bekommen. Diese Unsicherheit hat langfristige Folgen. Manche Frauen stillen beispielsweise ihre Kinder nicht. Dies birgt zahlreiche gesundheitliche Nachteile – vor allem für die Säuglinge.

Reisewarnungen wie die der Initiative „Mother Hood“ hält Steppat jedoch für den falschen Weg. „Die Frauen haben es schon schwer genug und wir sehen davon ab, sie noch weiter zu verunsichern, das wäre fahrlässig.“ Sie sieht vor allem die Politik in der Pflicht – und die Kliniken. „Wir brauchen eine gute Datenlage darüber, wie viele Hebammen in den Kliniken gebraucht werden oder überhaupt verfügbar sind, um eine gute Versorgung zu gewährleisten“, sagt Steppat.

Geburt – mehr als medizinischer Fall

Die Hebammenvertretung spricht sich für einen nationalen Aktionsplan zur Förderung der physiologischen Geburt aus. Es geht um die Aufwertung des Berufs, um eine bessere Bezahlung und eine flächendeckende Grundversorgung von Schwangeren und ihren Kindern. Auch der nächste Gesundheitsminister, die nächste Ressortministerin, wird sich um die Geburtshilfe kümmern müssen. Eine Geburt ist schließlich kein regulärer medizinischer Fall, sondern braucht den besten Start ins das noch so junge Leben.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Anne Jandt

    Vielen Dank für diesen Artikeln. Auch regional in Dresden, vor allem aber in der größeren Umgebung Sächsische Schweiz, Kamenz, Erzgebirge ist das Problem in Sachsen stark spürbar. Wir von Mother Hood fordern die Politik auf, endlich zu handeln. Und auch die Eltern müssen sich endlich aktiv in den #elternprotest einbringen. Es geht uns alle an, es ist nicht egal wie wir geboren werden oder gebaren! Mit freundlichen Grüßen, Anne Jandt

  2. Sören

    Es ist unglaublich, daß Geld für Rüstung und Auslandseinsätze vorhanden ist, um Menschen zu töten, es jedoch an Mitteln fehlt, Hebammen zu finanzieren, die bei der Geburt helfen. Als Nicht-Christ frage ich die Christen, wie das mit christlichen Werten zu vereinbaren ist...

  3. DDler

    @Sören: ... es ist garnicht zu vereinbaren.

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