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Freitag, 21.04.2017

Abgefahren

Eine Schau in Wilsdruff würdigt die Erfindung des Fahrrads vor 200 Jahren. Mit dabei ist auch das Ur-Rad.

Von Annett Heyse

Frank Papperitz (rechts) vom Verein Fahrrad-Veteranen-Freunde-Dresden erklärt Museumsbesuchern die Technik eines Velocipeds von 1860. Damals hatten Fahrräder noch einen Kurbelantrieb an der Vorderradachse. Wie die Entwicklung weiterging, ist bis zum 11.Juni in einer Sonderschau im Wilsdruffer Heimatmuseum zu sehen.
Frank Papperitz (rechts) vom Verein Fahrrad-Veteranen-Freunde-Dresden erklärt Museumsbesuchern die Technik eines Velocipeds von 1860. Damals hatten Fahrräder noch einen Kurbelantrieb an der Vorderradachse. Wie die Entwicklung weiterging, ist bis zum 11. Juni in einer Sonderschau im Wilsdruffer Heimatmuseum zu sehen.

© Oberthür

Wilsdruff. Da steht also die bahnbrechende Erfindung. Damals, im Jahr 1817, schüttelten viele den Kopf darüber, schließlich aber eroberte sie die gesamte Welt. Zwei Holzräder, verbunden durch einen Holzrahmen, darauf ein Sitz aus Leder und vorn eine Lenkstange mit zwei Griffen– fertig war die Laufmaschine, die der Forstbeamte Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn zum Patent anmeldete. Jungfernfahrt war übrigens am 12. Juni 1817 zwischen Mannheim und Schwetzingen. Karl Drais, so sein verkürzter Name, soll 15 Stundenkilometer schnell gewesen sein. Es war die Geburtsstunde des Fahrrads, auch wenn die Draisine damals noch keine Kette, keinen Kurbelantrieb und nicht einmal Bremsen hatte.

Nun ist die Drais’sche Laufmaschine eines von vielen historischen Gefährten, die in einer Sonderschau des Heimatmuseums Wilsdruff zu sehen sind. „Auf und Ab“ heißt die Ausstellung, die bis zum 11. Juni gezeigt wird. Es ist ein kleiner Ritt durch die Geschichte eines Fortbewegungsmittels, das vom Kind bis zum Senior von jedermann genutzt wird.

So sind im Museum die Weiterentwicklungen der Laufmaschine zu sehen, wie ein französisches Velociped, gebaut um 1860 mit Kurbelantrieb an der Vorderradachse, dass schon einen Metallrahmen besaß. Oder ein Hochrad, gebaut vor 1885. „Die meisten Ausstellungsstücke sind noch nie gezeigt worden, sie standen immer im Depot“, sagt Museums-Leiterin Angelika Marienfeldt. Das Hochrad aber war schon seit Langem Teil der Dauerausstellung und gewissermaßen Ausgangspunkt für die jetzige Schau. Denn der Verein Fahrrad-Veteranen-Freunde-Dresden, der sich dem historischen Aspekt des Verkehrsmittels verschrieben hat, kam vor etwa zwei Jahren gezielt wegen des Hochrads ins Heimatmuseum. „Die wollten sich das ansehen. Wir kamen ins Gespräch, schließlich schauten sich die Fahrrad-Veteranen im Depot um.“ Dort entdeckten die Experten noch ganz andere Raritäten. Etwa ein vermutlich in Wilsdruff geschmiedetes Rad von 1880 mit riesigen Laufrädern, dass schon eine Bremse hatte: Um anzuhalten, wurde der Lenker komplett nach vorn drehen. Über eine Zugmechanik wurde der Hinterradbremsklotz ausgelöst.

Dieses und weitere Fahrräder bilden nun den Grundstock bei „Auf und Ab“, einen Teil steuerte der Dresdner Verein als Leihgabe bei. Das Fahrrad selbst war lange Zeit ein Vehikel für Gutbetuchte – nur sie konnten sich so ein sportliches, extravagantes Gerät leisten. Der gemeine Arbeiter ging noch bis zur Jahrhundertwende zu Fuß. Erst mit der Entwicklung des Niederrades mit Kettenantrieb um 1890 wurde das Fahrrad zu einem Massenartikel. Viele Maschinenbaufabriken stellten nun auch Fahrräder her, die Preise sanken. „Damit war das Fahrrad in seiner heutigen Form praktisch erfunden“, sagt Marienfeldt. Von nun an wurde lediglich an Technik, Größe, Rahmengeometrie und Optik gefeilt – je nach Einsatzgebiet. Schon bald gab es Kinderräder, Rennräder, Radball-Räder, später Klappräder und BMX-Räder.

Auch am Wilsdruffer Land ging der sportliche Aspekt nicht vorbei. So gründete sich 1903 der Arbeiter-Radfahrer-Bund Solidarität, auch gab es seit 1902 der Radverein Wanderer. Und es gab Erich Maidorn, ein talentierter Radfahrer, der zunächst als Radballer, denn als Straßen- und Bahnradsportler Furore machte. Maidorn gewann etliche Rennen, wurde schließlich 1930 Berufsradfahrer. 1933 starb der Wilsdruffer an den Folgen eines Autounfalls, er wurde nur 27 Jahre alt. Zum Andenken an ihn gab es später Rennen in der Stadt – im Museum sind davon Bilder und Berichte zu sehen.

Faszinierend aus Sicht der Historiker ist beim Thema Fahrrad aber nicht nur die Technik, sondern auch das, was das Fahrrad gesellschaftlich bewirkt hat. „Bis dahin gab es so gut wie keine individuelle Mobilität. Zur schnellen Fortbewegung brauchten die Menschen Pferde und Kutschen, später die Eisenbahn“, sagt Angelika Marienfeldt. Aufs Rad aber konnte sich jeder schwingen, wann und wo er wollte. Und auch zur Emanzipation habe das Rad beigetragen. Marienfeldt: „Korsett und lange, steife Kleider – auf dem Rad ging das gar nicht. Die Frauen haben deshalb angefangen, bequeme Röcke und Blusen oder sogar Hosen zu tragen.“ Ganz nebenbei prägte das Rad also auch die Mode. Und heute? 73 Millionen Fahrräder gibt es laut Zweirad-Industrieverband in deutschen Haushalten, Tendenz steigend. Allein mit Fahrradverkäufen wurde in Deutschland zuletzt ein Umsatz von 2,4 Milliarden Euro pro Jahr generiert.

Das Heimatmuseum, Am Gezinge, ist montags bis donnerstags 9 bis 14 Uhr, freitags 9 bis 15 Uhr, sowie sonn- und feiertags 14 bis 18 Uhr geöffnet. Die Laufmaschine von Drais ist vorerst nur bis zum 14. Mai zu sehen, anschließend kommt sie bei einer Jubiläumsfahrt zwischen Frankreich und Karlsruhe zum Einsatz.