erweiterte Suche
Freitag, 19.02.2016

Aber der Wagen, der rollt

Auf den Verkauf von Autos hat der Abgasskandal wenig Einfluss. Doch die Händler fürchten eine andere Konkurrenz.

Von Burkhard Fraune, Sascha Meyer und Marco Hadem

VW-Neuwagen stehen für den Abtransport bereit. Der Abgasskandal hat dem Verkauf nur wenig geschadet.
VW-Neuwagen stehen für den Abtransport bereit. Der Abgasskandal hat dem Verkauf nur wenig geschadet.

© dpa

Der VW-Abgasskandal hat den Autohändlern zugesetzt, aber nicht so stark wie befürchtet. Dennoch sollen die Hersteller zu mehr Transparenz gezwungen werden. Im Interesse der Verbraucher. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) setzt auf eine abschreckende Wirkung der geplanten strengeren Abgaskontrollen als Lehre aus dem VW-Skandal.

„Das sind schlagkräftige Maßnahmen, damit jedem auch zukünftig klar ist: Der Versuch von Manipulation bleibt nicht unentdeckt“, sagte der CSU-Politiker am Donnerstag in einer Aktuellen Stunde im Bundestag. Herstellern solle vorgeschrieben werden, Motorsoftware beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) offenzulegen. Technische Prüfdienste sollen sich bei Autobauern abwechseln. In „Anti-Schadstoff-Dopingtests“ sollen unangemeldet zugelassene Wagen kontrolliert werden. Dafür sollen staatliche Prüfstände entstehen.

Die Opposition warf Dobrindt Zögerlichkeit und Intransparenz beim Aufklären vor. Die von ihm eingesetzte Untersuchungskommission sei eher eine Beratungskommission, kritisierte Linken-Verkehrsexperte Herbert Behrens. Es sei inakzeptabel, wenn mit der Manipulation von Schadstoffwerten Profit vor Gesundheit gehe. Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer sprach von einem „gigantischen Industrie- und Umweltproblem“. Überschreitung von Abgaswerten finde bei vielen Automarken statt. „Dass die Branche das billigend nach wie vor in Kauf nimmt, das können wir nicht länger hinnehmen.“

VW-Kunden sind nun von einer großen Rückrufaktion betroffen. Diese läuft seit knapp drei Wochen. Ein VW-Sprecher sagte am Donnerstag in Wolfsburg, man komme damit „planmäßig voran“. Ab Anfang März will Volkswagen mit dem Passat das erste Volumen-Modell in die Werkstätten zurückrufen.

Auf den Autohandel hat das Ganze indes erstaunlich wenig Einfluss. Betreiber von Autohäusern beklagen vielmehr die gewachsene Konkurrenz aus dem Internet. Eigentlich müssten Kunden im Autohaus für die Probefahrt bezahlen, meint Jürgen Karpinski. Der Autohändler aus Frankfurt am Main ist nach Berlin gekommen, um seinem Ärger Luft zu machen. Seinem Ärger über Kunden, die im Internet ihr Auto kaufen – aber vorher bei ihm Probe fahren. „Beratungsdiebstahl“ könne man das nennen. „Eigentlich“ sollten Kunden dafür bezahlen, sagt Karpinski. „Ich glaube aber nicht, dass sich das durchsetzen lässt.“ Denn das Kfz-Gewerbe in Deutschland steht unter gewaltigem Druck. Die Welt der Autokäufer ändert sich gerade rasant.

28 600 Euro gaben die Deutschen im vergangenen Jahr durchschnittlich für einen Neuwagen aus – so viel wie nie und immerhin ein Fünftel mehr als noch vor zehn Jahren. Das Problem ist: Nur noch etwa jeder dritte Neuwagen geht an Privatkunden, wie der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe ermittelt hat, dessen Präsident Karpinski ist.

Den Rest kaufen Großkunden, die für ihre Flotten kräftige Rabatte aushandeln. Oder es sind Händler- und Herstellerzulassungen, die kurze Zeit später deutlich billiger als junge Gebrauchte wieder in den Handel kommen. Die Rendite vieler Autohäuser ist bescheiden, denn der deutsche Markt gilt seit Jahren als gesättigt. Und: 7,3 Millionen Gebrauchte wurden 2015 verkauft – so viele wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Das ist der wichtigste Grund für das Umsatzwachstum auf rund 157 Milliarden Euro. Mit Neuwagen machen die Autohändler heute dagegen weniger Umsatz als zur Jahrtausendwende.

Und jetzt gibt es auch noch Leute wie Alexander Bugge. Der Kaufmann vermittelt mit seinem Neuwagenportal meinauto.de Kunden an die Autohäuser – mit dem Versprechen, bundesweit große Rabatte für die Kunden rauszuholen. Bugge und andere Portale wie autohaus24.de und Carneeo drücken damit ebenso auf die Preise. „Wir schicken niemanden in den Handel, um eine Probefahrt zu machen und dann bei uns zu kaufen“, sagt Bugge. Aber dass Kunden das tun, schließt er nicht aus. „So sind Kunden eben.“

Andere stehen mit dem Angebot aus dem Netz im Autohaus und verlangen dort diesen Preis oder einen besseren. „Der Kunde konfiguriert sein Auto nicht nur am Samstagabend in Pantoffeln auf dem Sofa, er weiß auch mehr“, umschreibt ZDK-Vize Ulrich Fromme die gewachsene Markttransparenz. Er ruft die Autohäuser auf, umzudenken. Kunden online an sich binden und dann offline Autos zu verkaufen, darin sei man noch nicht gut, bekennt Fromme. Um zwei Arten von Autohändlern macht er sich aber wenig Sorgen: die mit Häusern in kleineren Städten, wo der Verkäufer Hinz und Kunz kennt, und die ganz Großen in den Großstädten. Für alles dazwischen werde es schwierig.

Das Vertrauen in die Hersteller scheint indes kaum gestört zu sein, egal, in welcher Form die Bundesregierung die geplanten Regelungen beschließt.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein