Samstag, 23.02.2013

85.000 Euro für die Freiheit

Die Freilassung von Oscar Pistorius auf Kaution löst Empörung aus. Ist sie das Privileg eines berühmten Weißen?

Oscar Pistorius kann jetzt drei Monate an seiner Verteidigungs-Strategie feilen – am 4. Juni steht er wieder vor Gericht. Foto: dpa
Oscar Pistorius kann jetzt drei Monate an seiner Verteidigungs-Strategie feilen – am 4. Juni steht er wieder vor Gericht. Foto: dpa

Der Zorn in der Stimme des Richters war nicht zu überhören. Die Polizei habe „grobe Fehler“ begangen, eine Pistolenkugel in der Toilettenschüssel übersehen und Beweismaterial nicht sichergestellt. Richter Desmond Nair ließ kaum einen Zweifel daran, dass er den mordverdächtigen Paralympics-Stars Oscar Pistorius vor allem deshalb gegen Kaution freilasse, weil die Polizei schlampig gearbeitet habe. Daher habe auch die Staatsanwaltschaft nicht hinreichend belegen können, dass der 26-Jährige seine Freundin Reeva Steenkamp vorsätzlich ermordet habe. Also müsse der behinderte Profisportler bis zum Beginn des Prozesses aus der Haft entlassen werden – gegen die Zahlung von einer Million Rand, das sind umgerechnet rund 85000 Euro. Ein Zehntel der Summe musste gleich in bar hinterlegt werden, schreibt die englische Zeitung „Guardian“.

Die kaum noch erwartete Wende in der viertägigen Anhörung bringt für den weltberühmten Angeklagten noch weitere Auflagen mit sich: So muss Pistorius alle Waffen in seinem Besitz abgeben, ebenso seinen Pass. Es ist ihm verboten die internationalen Terminals von Häfen oder Flughäfen zu betreten und von Alkohol solle er sich ebenfalls fernhalten, sagte der Richter am Ende seiner zweistündigen Erklärung. Freunde und Familie freuten sich sichtlich über die Entscheidung, Pistorius übte sich in Zurückhaltung. Der 26-Jährige weiß, dass seine Haftentlassung die Gemüter in Südafrika noch mehr erhitzen wird.

Viele sind schon jetzt empört und enttäuscht, wie Behörden und Polizei mit dem als „Blade Runner“ bekannten Sportler umgehen. „Pistorius wurde mit Samthandschuhen angefasst, von den Behörden und den Medien, weil er ein privilegierter, reicher, weißer Südafrikaner ist“, empörte sich der angesehene Kolumnist Rapule Tabane von der Wochenzeitung „Mail & Guardian“. Manche würden dank „Rasse und Klasse“ geschützt. „Viel zu oft haben wir in Südafrika gesehen, dass Geld und gute Anwälte die Waagschalen der Justiz beeinflussen.“

In der Tat können viele Südafrikaner nicht verstehen, wieso Pistorius von Anfang an Privilegien genoss. Er musste trotz Mordverdachts nicht ins Untersuchungsgefängnis, sondern wurde in einem Polizeirevier untergebracht, wo ihn ständig Freunde und Familie besuchen konnten. Im Polizeifahrzeug zum Gericht saß der Angeklagte nicht wie üblich auf dem Rücksitz, sondern auf dem Beifahrersitz. Anderen blühe in solchen Fällen „der gewöhnliche Schrecken der südafrikanischen Gefängnisse“, lästerte Tabane.

Einen Rassenhintergrund stellte auch der Kolumnist Niren Tolsi her: Die große Angst vor Gewalt sei bei weißen Südafrikanern ein äußerst beliebtes Dauerthema. Dabei zeigten doch Untersuchungen, dass in der Mehrheit Schwarze Opfer von Verbrechen sind, wenngleich meist von schwarzen Kriminellen verübt. Und der Autor schlug den großen Bogen von Kolonialismus und Apartheid zur Gegenwart: „Seit 1652 nutzen Weiße ihre Feuerwaffen, um ihren Besitz und ihre Frauen vor den schwarzen Eingeborenen zu schützen.“

In Südafrika wächst aber auch die Befürchtung, dass die noch junge Demokratie wegen des Falles weltweit an Ansehen verlieren könnte. „Die Marke Südafrika hat wegen der demonstrierten Inkompetenz der Polizei Schaden genommen“, kommentierte die Zeitung „Business Day“. Die Pistorius-Anhörung habe demonstriert, wie „chaotisch die Justiz“ sei und welchen Einfluss ein Staranwalts habe.

Der Sportler hat vor dem Gericht einen Etappensieg errungen, aber ihm stehen dennoch schwere Zeiten bevor. Eine Ikone wird er kaum bleiben können. Auch das Misstrauen seiner Landsleute wird ihn belasten. Wenige glauben, dass jemand spät nachts auf den Balkon geht, dann ein Geräusch im Bad hört, zu seinem Bett zurückkehrt, dort die Pistole ergreift und dann im Bad auf die verschlossene Toilettentür schießt – ohne ein einziges Mal zu schauen oder zu fragen, wo sich denn seine Freundin zu diesem Zeitpunkt befindet.

Alles schon sehr unwahrscheinlich, meinte auch der Richter skeptisch. Er betonte auch, dass seine Entscheidung in keiner Weise eine Vorentscheidung über Schuld oder Unschuld sei. (dpa)

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