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Dienstag, 16.02.2016

400 Jahre alter Meißen-Kupferstich gefunden

Auf einem Antik-Markt bei Aachen ist eine Rarität aufgetaucht. Sie war Teil eines ehrgeizigen Projektes.

Von Atze Schmidt

Um 1575 ist dieser Kupferstich mit zwei Wappenkartuschen oben links und oben rechts entstanden. Es gibt den Blick auf die Albrechtsburg, den Dom und damalige Bauten der Kernstadt frei. Das Kunstwerk ist etwa 34 Zentimeter breit und 50 Zentimeter lang.
Um 1575 ist dieser Kupferstich mit zwei Wappenkartuschen oben links und oben rechts entstanden. Es gibt den Blick auf die Albrechtsburg, den Dom und damalige Bauten der Kernstadt frei. Das Kunstwerk ist etwa 34 Zentimeter breit und 50 Zentimeter lang.

© Repro/SZ

Meißen. Es war ein tollkühnes Vorhaben, das der flämische Kupferstecher Frans Hogenberg und der Kölner Kanonikus Georg Braun im Jahr 1572 in Angriff nahmen. Einen Welt-Städte-Atlas wollten sie erstellen, „Civitates Orbis Terrarum“ genannt, in dem alle wichtigen Städte der damals bekannten Welt abgebildet und beschrieben sein sollten. Nicht weniger als 46 Jahre lang, bis zum Ausbruch des Dreißigjähriges Krieges, haben sie daran gearbeitet.

Auf einem Antikmarkt in Würselen bei Aachen tauchten jetzt einige der Stiche auf, darunter eine Ansicht von Meißen, wie sie vor rund 400 Jahren festgehalten wurde. Entdeckt hat die Raritäten der Journalist und Sammler Atze Schmidt aus dem Emsland, der in seinem Privatarchiv stöberte und sogar noch Anmerkungen des Kanonikus Braun zu den Städtebildern, die damals viel Aufsehen erregten, vorfand.

So hieß es unter der Überschrift „Wo man Silber und Blei gräbt“: „Die Lage der Stadt ist günstig in der Nähe anderer Städte, an schiffreichem Wasser und in gesunder Luft des Hügellandes“. In die heutige Sprache hat die Ausführungen aus dem Braun’schen Text Erika Wenig. „Ringsum ist gutes Getreideland und am Gebirge ist Erz. Eine Meile entfernt liegt elbaufwärts der Scharfenberg, wo man Silber und Blei gräbt, und nach Freyberg zu hat man erst vor 20 Jahren abzubauen aufgehört“, heißt es in dem Dokument weiter.

Weiter erfuhren die damaligen Leser über die Stadt an der Elbe, Triebisch und Meiße, dass man nach Westen zu das rissige Erdreich zu Äckern, Weinbergen und Gärten gemacht hat. „Und über die Elbe führt eine hölzerne Schwebebrücke, daran das Fachwerk so kunstreich verfertigt ist, dass seinesgleichen im ganzen Römischen Reiche nicht sein soll.“

Was Georg Braun über die „Nützlichkeit“ der Stadt-Ansichten schrieb, klingt für uns heute eher amüsant, war jedoch damals durchaus von Bedeutung. Immerhin stand Braun in hohem Ansehen als Geistlicher und Publizist. Er stellt also fest, dass man dem Leser die Städtebilder so detailgetreu vor Augen führe, „als sähe er die Stadt, davon geredet wird, persönlich vor sich liegen“, und so könne man, „weil nicht jeder reisen kann und man in jetziger Zeit auch nicht ohne Gefahr die Welt durchreist“ in alle Gassen und Straßen sehen, auch alle Gebäude und Plätze anschauen.“ Weiter heißt es, dass man hier ohne Gefahr der Ansteckung und der Berührung böser Sitten spazieren könne, „denn gar oft kommen, die große Reisen gemacht, mit den Mängeln und Lastern der Völker heim, mit denen sie eine Zeit lang zusammen waren.“

Wichtig erschien Braun offenbar auch, Befürchtungen ob eines möglichen Missbrauchs der Städtebilder zu entkräften. Er schreibt, Alexander der Große habe alle Orte, die er belagern wollte, zuerst abmalen lassen, um die Zugänge, Befestigungen und Besonderheiten zu kennen. Im Hinblick auf die von Türken drohenden Einfälle fährt Braun fort: „Es besteht keine Gefahr, dass sie das Buch in die Hand bekommen und zu unserem Schaden benutzen, denn diesem Übel sind wir in der Weise begegnet, dass wir aller Nationen und Völker Kleidung hohen und niederen Standes bei jeder Stadt beifügen lassen. Deshalb werden die blutrünstigen Türken, die keine gemalten oder geschnittenen Bilder dulden, dieses Buch niemals zulassen.“