Freitag, 07.12.2012

29 Tage unschuldig hinter Gittern

Der 24-jährige Patrick aus Langenau wurde im Sommer wegen versuchten Mordes festgenommen. Obwohl er unschuldig ist, haben sich viele Freunde von ihm abgewandt.

Von Peggy Zill

Patrick vorm Ortseingang von Langenau: Seit seiner Verhaftung sind die Nachbarn sehr distanziert. Foto: Dietmar Thomas
Patrick vorm Ortseingang von Langenau: Seit seiner Verhaftung sind die Nachbarn sehr distanziert. Foto: Dietmar Thomas

Mit seiner Familie hat Patrick ausgemacht, dass sie nicht mehr darüber reden. Trotzdem kommt das Thema immer wieder auf. 29 Tage saß der 24-Jährige im Gefängnis – unschuldig. Manchmal hat er nachts noch Alpträume. Der Tag, an dem sich alles veränderte, war der 5. Juli. Patrick hatte Nachtschicht und schlief noch, als am Vormittag zwei Polizisten klingelten. Die Oma erzählte ihm von dem Besuch der Ermittler. „Da dachte ich noch, die wollen eine einfache Befragung machen“, erzählt er. Denn drei Tage vorher war eine 42-Jährige in seinem Heimatort Langenau nachts in ihrer Wohnung von einem maskierten Mann niedergestochen worden. Der Täter konnte flüchten. Dass Patrick selbst ins Visier der Ermittler geraten war, ahnte er nicht.

Gegen 17 Uhr, Patrick stand barfuß und in kurzen Hosen auf dem Hof, kamen plötzlich ein Dutzend Polizisten. „Ich wusste gar nicht, was los war“, schildert der 24-Jährige. „Sie sind festgenommen!“, erklärte ihm ein Polizist und legte ihm Handschellen an. Patrick durfte sich noch eine lange Hose und Schuhe anziehen und wurde dann vor den Augen seiner Großmutter abgeführt. In Leipzig wurde er bis spät in die Nacht verhört und von einer Ärztin untersucht. Am Arm hatte der 24-Jährige eine Schürfwunde. Der mutmaßliche Messerstecher von Langenau sollte sich bei dem Überfall auf die Frau selbst verletzt haben, wie die Polizei damals mitteilte. Patrick hatte sich die Verletzung aber bei der Arbeit zugezogen. Das konnten später zum Glück Kollegen bezeugen.

Beim Verhör erklärte er den Ermittlern immer wieder, dass er mit der Sache nichts zu tun habe, er die schwer verletzte Frau nur flüchtig kenne. Man riet ihm, sich einen Anwalt zu nehmen. „Das wollte ich aber nicht, weil ich ja unschuldig war.“ Trotzdem landete er in einer Zelle und verbrachte die Nacht auf einer Holzpritsche. Seine Eltern wussten zwar, dass ihr Sohn verhaftet worden war, aber nicht, wo er sich befindet. Das sollte auch zwei Wochen so bleiben.

Jahrelange Haft drohte

Am nächsten Tag wurde Patrick dem Haftrichter vorgeführt. Da hatten die Ermittler in seinem Zimmer eine Maske und Bundeswehrstiefel gefunden. So wie sie zur Täterbeschreibung gepasst hätten. „Die Maske war eine Motorradhaube und die Stiefel konnte ich nach der Bundeswehr behalten“, erklärt er. Als der Staatsanwalt ihm mit jahrelanger Haft drohte, merkte Patrick, wie ernst die Situation war. Ein Alibi für die Tatnacht hatte er nicht. „Ich habe geschlafen – allein.“ Eine Gegenüberstellung mit dem Opfer und der Zeugin habe es nicht gegeben.

Man brachte den 24-Jährigen nach Zwickau in Untersuchungshaft. Die ersten Tage verweigerte er das Essen, bis man ihm mit einem Haftkrankenhaus drohte. Damit er nachts überhaupt zur Ruhe kommt, nahm er Schlaftabletten. „Psychisch war diese Zeit sehr belastend“, sagt Patrick rückblickend.

Nach drei Wochen konnten seine Eltern ihn das erste Mal für eine halbe Stunde besuchen. Es sollte auch das letzte Mal sein. Am 2. August, nach 29 Tagen Haft, war er gerade einkaufen, als der Schließer neben ihm sagte, dass er nichts mehr einpacken solle, weil er jetzt nach Hause könne. „Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Das war unbeschreiblich“, sagt der Langenauer. Mit einem Taxi fuhr er zu einem Freund, von dort rief er seinen Vater an, der ihn abholte.

Wie sich herausstellte, hatten die Ermittler an Patricks Sachen und in seinem Auto keine weiteren Spuren gefunden. Und auch seine Fingerabdrücke passten nicht zu denen am Tatort. Der dringende Tatverdacht war damit nicht mehr vorhanden. Aber die Ermittlungen gegen Patrick gingen weiter. Erst im Oktober bekam er den Brief vom Staatsanwalt, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt ist.

Bis dahin waren viele Freundschaften aber schon zerstört. Seine Freundin hat ihn verlassen. Die Nachbarn schauten komisch. „Dass man so schnell vorverurteilt wird, ärgert mich“, sagt der 24-Jährige. Kurz nach seiner Verhaftung tauchte ein Kamerateam vorm Haus seiner Eltern auf. Nur mit seinem Arbeitgeber hatte Patrick sehr viel Glück. Er ist Produktionshelfer in Colditz und die Chefs haben abgewartet, statt ihn sofort zu entlassen. Sein Vertrag wäre im August ausgelaufen. „Ich hatte große Angst, dass ich den Job verliere.“ Die Sozialarbeiterin der JVA hat sich aber dafür eingesetzt, dass das nicht passiert. „Als ich wieder draußen war, wurde der Vertrag sofort verlängert.“

Haftentschädigung beantragt

In der vergangenen Woche wurde ein neuer Tatverdächtiger aus Langenau festgenommen. DNA-Spuren und die Aussage der Geschädigten hätten laut Staatsanwaltschaft zu ihm geführt.

Für Patrick kommt das zu spät. Er hat mit seinem Anwalt Antrag auf Haftentschädigung gestellt. Ob er die bekommt, steht noch nicht fest. Das muss erst geprüft werden. Theoretisch stehen unschuldig Inhaftierten 25 Euro pro angefangenem Hafttag und der Verdienstausfall zu. Den verpassten Sommerurlaub und die Freunde kann aber auch das Geld nicht zurückbringen.

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