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Samstag, 31.03.2018

2. Chance Fachoberschule

Nach Ausbildung und Praxis noch zum Studium? 58 Einrichtungen in Sachsen bieten dafür die Fachoberschule – zwei mit anschließender Lehre.

Von Gabriele Fleischer

Unter der Lupe: Die Fachoberschülerinnen Ulrike Brick (l.) und Deborah Nicko untersuchen Pflanzenteile. Agrarbiologie ist für sie eines der Hauptfächer am BSZ Agrarwirtschaft und Ernährung Dresden – und im Mai ein Prüfungsfach. Foto: Robert Michael
Unter der Lupe: Die Fachoberschülerinnen Ulrike Brick (l.) und Deborah Nicko untersuchen Pflanzenteile. Agrarbiologie ist für sie eines der Hauptfächer am BSZ Agrarwirtschaft und Ernährung Dresden – und im Mai ein Prüfungsfach. Foto: Robert Michael

© Robert Michael

Wie sieht eine pflanzliche Zelle aus? Ulrike Brick und Deborah Nicko gehen den Dingen mit Reagenzglas und Mikroskop auf den Grund. Agrarbiologie gehört zum Unterrichtsangebot der Fachoberschule am Beruflichen Schulzentrum für Agrarwirtschaft und Ernährung Dresden. Dort bereiten sich die jungen Frauen gerade auf die Abschlussprüfungen im Mai vor. Nach neun Monaten intensiven Unterrichts können sie nach erfolgreichem Abschluss mit der Fachhochschulreife studieren. Voraussetzung für die einjährige Ausbildung ist neben dem Realschulabschluss eine abgeschlossene Berufsausbildung oder eine mindestens dreijährige Praxis.

Sachsenweit gibt es laut Kultusministerium aktuell 58 Einrichtungen, die eine Fachoberschulausbildung anbieten: 37 Berufliche Schulzentren in öffentlicher und 21 Schulen in freier Trägerschaft. Derzeit sind knapp 6 000 junge Leute dabei, die Fachhochschulreife zu erwerben. Meist schließen die Absolventen ein Studium oder eine Qualifizierung in der Fachrichtung der Schule an. „Das ist aber kein Muss. Mit dem Abschluss können sie an allen Fachhochschulen studieren“, sagt Referentin Anne Schaffarsch.

Die 31-jährige Ulrike Brick hat Fachverkäuferin gelernt und viele Jahre in einer Bäckerei gearbeitet. Irgendwann war ihr das zu wenig, und sie bewarb sich an der Fachoberschule. Kein leichter Schritt, wenn der Schulstoff schon so lange zurückliegt. Trotzdem hat sie den Anschluss geschafft. Sie möchte aber nicht studieren, sondern ein Weiterbildungsangebot der Handwerkskammer nutzen und später als Lebensmittelprüferin oder in der Ernährungsberatung arbeiten. Eine beratende Tätigkeit wäre für sie wie geschaffen, da Reden ihre Stärke ist. Eine Altersbegrenzung für die Aufnahme an der Fachoberschule gibt es nicht. Allerdings seien 30-Jährige meist die Ältesten, sagt Fachleiterin Sabine Schütze. Die Jüngsten sind 18 oder wie Deborah Nicko 19. Sie hat die Ausbildung an der Fachoberschule direkt an ihre Lehre zur Diätassistentin angeschlossen. „Ich möchte Ökotrophologie studieren, also Haushalts- und Ernährungswissenschaften, und später im Qualitätsmanagement arbeiten“, sagt Nicko.

Neben der einjährigen Ausbildung können Jugendliche auch in zwei Jahren die Fachhochschulreife erwerben. Wer sich dafür entscheidet, absolviert im ersten Jahr einen fachpraktischen Teil in einem Unternehmen – insgesamt 800 Stunden. Im zweiten Jahr durchlaufen die Schüler den gleichen Unterricht wie die Einjährigen. „Die Bewerbung ist an das Berufliche Schulzentrum zu richten, dessen Fachoberschule die Interessenten besuchen möchten. Die Schule ist auch behilflich bei der Suche nach Praxispartnern“, sagt Anne Schaffarsch, Referentin an Sachsens Kultusministerium. Beim BSZ für Agrarwirtschaft und Ernährung Dresden ist das beispielsweise das Gut Pesterwitz. „Bei uns werden die Praktikanten überall mit eingesetzt – bei Pflanzungen, Erdarbeiten, aber auch bei Arbeiten im Hofladen“, sagt Mitarbeiterin Carola Folde. Dabei lasse sich schnell feststellen, wer es von zu Hause auch gewöhnt ist, mit anzupacken.

Eine Vergütung gibt es für die Ausbildung an einer Fachoberschule nicht. BAföG können aber alle beantragen, die nicht älter als 30 sind und weitere Voraussetzungen erfüllen. Das heißt, wenn die Eltern eine Ausbildung nicht finanzieren können.

Ulrike Brick musste als Ältere größere bürokratische Hürden überwinden. Für sie kam nur Sozialhilfe infrage. Auch ein Bildungskredit sei möglich, so Schaffarsch. Allerdings sollte es für ältere Auszubildende eine einfachere Lösung geben. Denn viele Firmen seien an jungen Leuten mit längerer Praxiserfahrung interessiert. „Es ist eine Chance im Wettlauf um Fachkräfte“, ergänzt Anja Unger, Schulleiterin des BSZ für Agrarwirtschaft und Ernährung. Das soll auch ein neues Angebot an ihrer Schule unterstützen. Ab kommendem Schuljahr wird dort die Fachoberschule plus Grün angeboten. Dabei ist der Erwerb der Fachhochschulreife mit einer verkürzten dualen Ausbildung im Praktikumsbetrieb verbunden. Das Modell wurde mit Handwerkskammern und Umweltministerium entwickelt. Die Dresdner sind sachsenweit die zweite Einrichtung mit einer solchen Doppelqualifizierung. Seit 2017 ist das am BSZ für Technik „August Horch“ in Zwickau möglich. „Nach zwei Lehrjahren ergänzt ein Gesellenbrief die Fachhochschulreife der Auszubildenden“, so Schaffarsch.

Ulrike Brick und Deborah Nicko haben bereits ihren Lehrabschluss. Schaffen sie im Mai ihre Prüfungen, öffnet ihnen die Fachhochschulreife neue Möglichkeiten.

Weitere Informationen und einen Überblick gibt es hier:

www.bildung.sachsen.de

www.schuldatenbank.sachsen.de