Kino
Donnerstag, 24. Januar 2008
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Glückskügelchen zum Schluss
Vater und Sohn im Gespräch: Jan und Zdenek Sverák über „Leergut“, Wahrhaftigkeit und wichtige Momente
Elf Jahre nach ihrem Welterfolg „Kolya“ haben Zdenek (71) und Jan Sverák (42) erneut zusammengefunden. Sie sind Vater und Sohn – der Ältere ist Drehbuchautor und Schauspieler, der Jüngere ist Regisseur. Und ihr „Leergut“ ist eine weitere charmante nachbarliche Alltagskomödie geworden. PLUSZ traf die beiden Prager zur Dresden-Premiere.
Spielten schon vor 30 Jahren zusammen, seitdem nicht mehr: Daniela Kolarova und Zdenek Sverák. Foto: PR
In sz-online
Die Parallelen zwischen den älteren Männern aus „Kolya“ und „Leergut“ sind unverkennbar …
Zdenek Sverák: Weil wir beide Väter und Söhne sind. Dieses Thema interessiert uns einfach. Alles, was vom wahren Leben kommt, ist auch am wahrhaftigsten. Wenn ich weiß, dass ich Drehbuchautor für eine Figur bin, die ich selbst spiele, versuche ich sie so zu gestalten, wie ich in Zivil bin. Ich bin kein gelernter Schauspieler und verfolge überhaupt nicht das Ziel, etwas zu verkörpern, sondern möglichst authentisch zu sein. Obwohl, die Kamera kann man nicht austricksen. Sie entdeckt jeden falschen Ton und entlarvt jedes Getue. Bei professionellen Schauspielern merkt man das nicht, denn sie spielen.
Jan Sverák: …und ich muss ihnen ein wenig das Gas wegnehmen, damit sie auf Papas Niveau landen.
Was ist mit Szenen, die richtig weh tun?
Zdenek S.: Die kann ich nur ein- oder zweimal spielen, weil sie mir sonst das Herz brechen würden. In „Leergut“ gibt es zwei davon; als ich den Schwamm über dem Kopf des Schülers ausdrücke, und dann am Schluss, als ich meiner Frau im Ballon eine Liebeserklärung mache.
Hat sich Ihre Vater-Sohn-Beziehung durch die gemeinsame Arbeit verändert?
Jan S.: Wir haben ja erst begonnen, miteinander zu arbeiten, als ich schon meine eigene Familie hatte. So wurde die berufliche Beziehung nicht durch die familiäre belastet. Wenn gedreht wird, muss Vater meinen Anweisungen folgen. Sonntag im Wochenendhaus bestimmt er, welcher Baum gefällt wird.
Zdenek S.: Jan hat gar nicht gesagt, dass wir uns sehr gern haben. Wir sind wirklich zwei Freunde. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass ich meinem Vater je so viel anvertraut hätte, wie ich Jan.
Jan S.: Wir haben ja auch schon viele gemeinsame Ängste und Siege erlebt, denk’ nur an die Oscar-Nominierungen.
Zdenek S.: Wie zwei Krieger, die gewinnen und verlieren können.
„Kolya“ wie auch „Leergut“ sind die erfolgreichsten Filme ihrer Zeit in Tschechien. Ist die Konkurrenz stark?
Jan S.: Unsere Zuschauer sind sehr offen für einheimische Filme. 30 Prozent Marktanteil bei 20 neuen Streifen im Jahr, das ist sehr ordentlich. Allerdings ist unübersehbar, dass es mit Prag nur ein wirkliches kulturelles Zentrum gibt.
Was ist aus den internationalen Angeboten nach „Kolya“ geworden?
Jan S.: Der Reiz war da, und Hollywood wollte durchaus sehen, was wir nach „Kolya“ vorhaben würden. Man hat mir auch drei Drehbücher offeriert, die dann allesamt von Lasse Hallström verfilmt wurden: „Chocolat“, „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ und „Schiffsmeldungen“. Ich weiß nicht, warum. „Chocolat“ beispielsweise war schlichtweg Kitsch, und bei „Gottes Werk“ hätte ich mich erst eingehend mit dem Rassenkonflikt in den USA beschäftigen müssen. Nicht nur das war mir fremd. Also sagte ich mir: Du bist nicht aus politischen Gründen emigriert, tue es auch nicht aus ökonomischen.
Was könnte aus Kolya geworden sein?
Jan S.: Er ist 18 Jahre alt, hat immer noch Probleme mit dem vorderen Zahn, ist ein wenig zu dick, hat eine Strähne im Haar und träumt davon, in Moskau eine große Millionen-Villa zu besitzen, zumindest aber die Steuern der Reichen einzutreiben. Und die tschechische Sprache hat er ganz vergessen.
Zdenek S.: Es ist immer ein wenig traurig mit Kindern im Film, man steht ihnen besonders nahe, aber man kann sie nicht festhalten. Film ist nur Illusion. Zum Glück habe ich meine Enkel.
Josef in „Leergut“ beendet eine Arbeit stets, wenn er nicht mehr glücklich ist. Ist Glücksgefühl für Zdenek Sverák etwas, das ihn eine Arbeit erst beginnen lässt?
Zdenek S.: Das trifft den Nagel auf den Kopf. Ich strebe nach Glücksmomenten, weil das Leben eh nur aus Augenblicken besteht. Schade ist, wenn das Halsband, das man sich am Lebensende umlegt, nicht vor allem aus Glückskügelchen besteht. Oder aus jenen, die das Lachen gemacht hat.
Ist Altersweisheit manchmal hinderlich?
Zdenek S.: Im Prinzip habe ich trotz meines Alters überhaupt keine Ahnung vom Leben. Es ist sicher weise zuzugeben, dass man eigentlich nichts weiß. Ich würde gern noch eine Runde Leben haben wollen, wie im Restaurant, wenn das Essen so richtig lecker ist.
Der typische tschechische Humor überlebt scheinbar mühelos …
Zdenek S.: Humor als Mittel, den Alltag zu bewältigen, ja. Vielleicht wird es dadurch verursacht, dass wir uns immer zwischen großen Mächten befunden haben. Als kleines Land kamen wir oft in Situationen, deren Ausweg wir nicht allein bestimmen konnten. Da half uns der Humor.
Jan S.: Was immer auch in den Filmen zu spüren war, im Mix zwischen Traurigkeit und Witz. Doch wenn wir nicht weiter wissen, lachen wir lieber. Obwohl wir in der EU sind, bleiben wir traditionell eine Gesellschaft, die nach innen geschlossen ist und sich eher mit sich selbst beschäftigt.
Zdenek S.: Aber wir wissen schon mehr von der Welt als beispielsweise die US-Amerikaner von uns. Kürzlich hat man uns dort gefragt, ob in unserem Land der Balkankrieg schon vorbei sei …
Zdenek Sverák: Weil wir beide Väter und Söhne sind. Dieses Thema interessiert uns einfach. Alles, was vom wahren Leben kommt, ist auch am wahrhaftigsten. Wenn ich weiß, dass ich Drehbuchautor für eine Figur bin, die ich selbst spiele, versuche ich sie so zu gestalten, wie ich in Zivil bin. Ich bin kein gelernter Schauspieler und verfolge überhaupt nicht das Ziel, etwas zu verkörpern, sondern möglichst authentisch zu sein. Obwohl, die Kamera kann man nicht austricksen. Sie entdeckt jeden falschen Ton und entlarvt jedes Getue. Bei professionellen Schauspielern merkt man das nicht, denn sie spielen.
Jan Sverák: …und ich muss ihnen ein wenig das Gas wegnehmen, damit sie auf Papas Niveau landen.
Was ist mit Szenen, die richtig weh tun?
Zdenek S.: Die kann ich nur ein- oder zweimal spielen, weil sie mir sonst das Herz brechen würden. In „Leergut“ gibt es zwei davon; als ich den Schwamm über dem Kopf des Schülers ausdrücke, und dann am Schluss, als ich meiner Frau im Ballon eine Liebeserklärung mache.
Hat sich Ihre Vater-Sohn-Beziehung durch die gemeinsame Arbeit verändert?
Jan S.: Wir haben ja erst begonnen, miteinander zu arbeiten, als ich schon meine eigene Familie hatte. So wurde die berufliche Beziehung nicht durch die familiäre belastet. Wenn gedreht wird, muss Vater meinen Anweisungen folgen. Sonntag im Wochenendhaus bestimmt er, welcher Baum gefällt wird.
Zdenek S.: Jan hat gar nicht gesagt, dass wir uns sehr gern haben. Wir sind wirklich zwei Freunde. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass ich meinem Vater je so viel anvertraut hätte, wie ich Jan.
Jan S.: Wir haben ja auch schon viele gemeinsame Ängste und Siege erlebt, denk’ nur an die Oscar-Nominierungen.
Zdenek S.: Wie zwei Krieger, die gewinnen und verlieren können.
„Kolya“ wie auch „Leergut“ sind die erfolgreichsten Filme ihrer Zeit in Tschechien. Ist die Konkurrenz stark?
Jan S.: Unsere Zuschauer sind sehr offen für einheimische Filme. 30 Prozent Marktanteil bei 20 neuen Streifen im Jahr, das ist sehr ordentlich. Allerdings ist unübersehbar, dass es mit Prag nur ein wirkliches kulturelles Zentrum gibt.
Was ist aus den internationalen Angeboten nach „Kolya“ geworden?
Jan S.: Der Reiz war da, und Hollywood wollte durchaus sehen, was wir nach „Kolya“ vorhaben würden. Man hat mir auch drei Drehbücher offeriert, die dann allesamt von Lasse Hallström verfilmt wurden: „Chocolat“, „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ und „Schiffsmeldungen“. Ich weiß nicht, warum. „Chocolat“ beispielsweise war schlichtweg Kitsch, und bei „Gottes Werk“ hätte ich mich erst eingehend mit dem Rassenkonflikt in den USA beschäftigen müssen. Nicht nur das war mir fremd. Also sagte ich mir: Du bist nicht aus politischen Gründen emigriert, tue es auch nicht aus ökonomischen.
Was könnte aus Kolya geworden sein?
Jan S.: Er ist 18 Jahre alt, hat immer noch Probleme mit dem vorderen Zahn, ist ein wenig zu dick, hat eine Strähne im Haar und träumt davon, in Moskau eine große Millionen-Villa zu besitzen, zumindest aber die Steuern der Reichen einzutreiben. Und die tschechische Sprache hat er ganz vergessen.
Zdenek S.: Es ist immer ein wenig traurig mit Kindern im Film, man steht ihnen besonders nahe, aber man kann sie nicht festhalten. Film ist nur Illusion. Zum Glück habe ich meine Enkel.
Josef in „Leergut“ beendet eine Arbeit stets, wenn er nicht mehr glücklich ist. Ist Glücksgefühl für Zdenek Sverák etwas, das ihn eine Arbeit erst beginnen lässt?
Zdenek S.: Das trifft den Nagel auf den Kopf. Ich strebe nach Glücksmomenten, weil das Leben eh nur aus Augenblicken besteht. Schade ist, wenn das Halsband, das man sich am Lebensende umlegt, nicht vor allem aus Glückskügelchen besteht. Oder aus jenen, die das Lachen gemacht hat.
Ist Altersweisheit manchmal hinderlich?
Zdenek S.: Im Prinzip habe ich trotz meines Alters überhaupt keine Ahnung vom Leben. Es ist sicher weise zuzugeben, dass man eigentlich nichts weiß. Ich würde gern noch eine Runde Leben haben wollen, wie im Restaurant, wenn das Essen so richtig lecker ist.
Der typische tschechische Humor überlebt scheinbar mühelos …
Zdenek S.: Humor als Mittel, den Alltag zu bewältigen, ja. Vielleicht wird es dadurch verursacht, dass wir uns immer zwischen großen Mächten befunden haben. Als kleines Land kamen wir oft in Situationen, deren Ausweg wir nicht allein bestimmen konnten. Da half uns der Humor.
Jan S.: Was immer auch in den Filmen zu spüren war, im Mix zwischen Traurigkeit und Witz. Doch wenn wir nicht weiter wissen, lachen wir lieber. Obwohl wir in der EU sind, bleiben wir traditionell eine Gesellschaft, die nach innen geschlossen ist und sich eher mit sich selbst beschäftigt.
Zdenek S.: Aber wir wissen schon mehr von der Welt als beispielsweise die US-Amerikaner von uns. Kürzlich hat man uns dort gefragt, ob in unserem Land der Balkankrieg schon vorbei sei …
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