Mittwoch, 4. Dezember 2002
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Das Leben ist stöhn
Kazushi Watanabe langweilt sich in Japan - und drehte ein künstlerisch umwerfendes Nippon-Roadmovie
Von Oliver Reinhard
Japan ist eng. Hier uralte und beinharte gesellschaftlichen Traditionen, dort ein junger technologischer und ultrakapitalistischer Fortschritt. Dazwischen bleibt kaum Raum für Unangepasste. Zumal im Bereich der Kultur. Gut, da sind die quirligen, recht tabulosen, unglaublich populären Manga-Comics. Und da ist diese überreich sprudelnde Musikszene mit so rotzfrechen Anderstönern wie Pizzicato Five oder Cornelius. Nur - was machen die jungen Irrlichter, wenn sie älter werden und das Korsett der Konventionen fester? "Keine Ahnung", sagt Kazushi Watanabe. "Entweder sie passen sich an, stumpfen ab oder verlassen das Land." Auch er, Filmer, Schauspieler, 23, denkt ans Abhauen. "Egal wohin. Irgendwann und nach irgendwo, wenn man mich dort haben will."
Das könnte schon bald der Fall sein. Denn Watanabe hat mit "19" einen Film gedreht (und die Hauptrolle übernommen), der nicht nur die Fustration junger unangepasster Japaner geradezu von der Leinwand tropfen lässt: Er begeht zudem einen erzählerischen und ästhetischen Weg, bei dem man einen ganzen Beutel Bauklötze staunen möchte. Aber der Reihe nach. "19" ist eine Geschichte, deren grober Rahmen auf einer wahren Begebenheit beruht: Drei junge Männer entführen einen Studenten, anscheinend nur aus einer Laune heraus. Sehr spaßig ist das für den Studenten nicht. Er kennt weder Ziel noch Sinn der Reise, will ein paar Mal abhauen, kommt aber nicht weit, und fügt sich bald den Dingen, die da kommen.
Was kommt? Nicht viel, aber doch so einiges. Die vier reisen in gestohlenen Autos durch Japan. Machen einen Einkaufsbummel. Einen Zoobesuch. Einen Strand-Trip. Der Student beginnt, sich an seine Entführer zu gewöhnen. Und sie an ihn. Als sie ihn nach einer Art Mord aus Versehen zurücklassen, wirkt er wenig glücklich. Sein letzter, beinahe wehmütiger Blick verfolgt den Wagen des seltsamen Trios, das ins Irgendwo davonknattert. Es ist, als habe ihn der Rocksaum der Rebellion gestreift. Einer Rebellion gegen Anpassertum, in Nippon und überall. Die sich in nur scheinbar sinnloser Form äußert, die starren Regeln bricht, sie zugleich spiegelt.
Das Gleiche gilt für Watanabes Film-"Look". Er bricht mit nahezu sämtlichen Traditionen - und bedient sich doch einer Ästhetik, die zum beliebten Spielzeug aus dem Videoclipkasten gehört: "19" ist auf Super-16-Material gedreht, grobkörnig, rauh, wie ausgewaschen. Entsprechend die Farben: Neben der Grau-Palette schimmern nur matte Rot- und Grüntöne. Ziemlich cool - und passt genau zum Inhalt dieses eher schweigsamen Films.
Überhaupt ist "19" ein Triumph der Farbe, des Lichtes, der Gesten, des Tempos. Was passiert, geschieht als eine einzige große, lakonisch erzählte Handlungsdehnung, die sich im sanften Wechselspiel zwischen surreal wirkenden und realen Momenten spannt. Manchmal scheint das Geschehen geradezu in einem Vakuum abzulaufen, einem Leeraum der Zeit, der Moral, die für das Entführertrio längst ihre Gültigkeit verloren hat. Solche wie sie können wohl nicht anders als aus der Geschichte einfach verschwinden, gelangweilt, verloren, hoffnungs-, aber nicht atemlos. Das Leben? Ein langer Seufzer. Ein müdes Stöhnen.
Kazushi Watanabe jedenfalls hat seine Chance genutzt und aus "19" ein wundersames Gesamtkunstwerk gemacht. In das er freilich etliche Versatzstücke einwob. Vor allem aus Jim Jarmuschs "Dead Man", jener gemächlich dahinfließenden Ballade vom langen Sterben eines Cowboys. Auch bei Watanabe schleppt sich die Musik einer einsamen Gitarre durch "19". Beiläufig und doch aggressiv, wie dieser ganze grandiose Film. So könnte es klingen, wenn die Nerven von Rebellen zu lange im kalten Wind einer Gesellschaft wehen, in der kein Platz für sie ist.
Watanabe aber hat einen Platz gefunden. Es ist der eines Filmers, der dem taumelnd nach anderen Ausdrucksformen ausschauenden Kino einen neuen möglichen Weg gewiesen hat. Und sich hoffentlich nie von Hollywood versauen lässt.
Das könnte schon bald der Fall sein. Denn Watanabe hat mit "19" einen Film gedreht (und die Hauptrolle übernommen), der nicht nur die Fustration junger unangepasster Japaner geradezu von der Leinwand tropfen lässt: Er begeht zudem einen erzählerischen und ästhetischen Weg, bei dem man einen ganzen Beutel Bauklötze staunen möchte. Aber der Reihe nach. "19" ist eine Geschichte, deren grober Rahmen auf einer wahren Begebenheit beruht: Drei junge Männer entführen einen Studenten, anscheinend nur aus einer Laune heraus. Sehr spaßig ist das für den Studenten nicht. Er kennt weder Ziel noch Sinn der Reise, will ein paar Mal abhauen, kommt aber nicht weit, und fügt sich bald den Dingen, die da kommen.
Was kommt? Nicht viel, aber doch so einiges. Die vier reisen in gestohlenen Autos durch Japan. Machen einen Einkaufsbummel. Einen Zoobesuch. Einen Strand-Trip. Der Student beginnt, sich an seine Entführer zu gewöhnen. Und sie an ihn. Als sie ihn nach einer Art Mord aus Versehen zurücklassen, wirkt er wenig glücklich. Sein letzter, beinahe wehmütiger Blick verfolgt den Wagen des seltsamen Trios, das ins Irgendwo davonknattert. Es ist, als habe ihn der Rocksaum der Rebellion gestreift. Einer Rebellion gegen Anpassertum, in Nippon und überall. Die sich in nur scheinbar sinnloser Form äußert, die starren Regeln bricht, sie zugleich spiegelt.
Das Gleiche gilt für Watanabes Film-"Look". Er bricht mit nahezu sämtlichen Traditionen - und bedient sich doch einer Ästhetik, die zum beliebten Spielzeug aus dem Videoclipkasten gehört: "19" ist auf Super-16-Material gedreht, grobkörnig, rauh, wie ausgewaschen. Entsprechend die Farben: Neben der Grau-Palette schimmern nur matte Rot- und Grüntöne. Ziemlich cool - und passt genau zum Inhalt dieses eher schweigsamen Films.
Überhaupt ist "19" ein Triumph der Farbe, des Lichtes, der Gesten, des Tempos. Was passiert, geschieht als eine einzige große, lakonisch erzählte Handlungsdehnung, die sich im sanften Wechselspiel zwischen surreal wirkenden und realen Momenten spannt. Manchmal scheint das Geschehen geradezu in einem Vakuum abzulaufen, einem Leeraum der Zeit, der Moral, die für das Entführertrio längst ihre Gültigkeit verloren hat. Solche wie sie können wohl nicht anders als aus der Geschichte einfach verschwinden, gelangweilt, verloren, hoffnungs-, aber nicht atemlos. Das Leben? Ein langer Seufzer. Ein müdes Stöhnen.
Kazushi Watanabe jedenfalls hat seine Chance genutzt und aus "19" ein wundersames Gesamtkunstwerk gemacht. In das er freilich etliche Versatzstücke einwob. Vor allem aus Jim Jarmuschs "Dead Man", jener gemächlich dahinfließenden Ballade vom langen Sterben eines Cowboys. Auch bei Watanabe schleppt sich die Musik einer einsamen Gitarre durch "19". Beiläufig und doch aggressiv, wie dieser ganze grandiose Film. So könnte es klingen, wenn die Nerven von Rebellen zu lange im kalten Wind einer Gesellschaft wehen, in der kein Platz für sie ist.
Watanabe aber hat einen Platz gefunden. Es ist der eines Filmers, der dem taumelnd nach anderen Ausdrucksformen ausschauenden Kino einen neuen möglichen Weg gewiesen hat. Und sich hoffentlich nie von Hollywood versauen lässt.
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