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Wissenschaft
Montag, 15. März 2010
(Sächsische Zeitung)

Aussichtsturm unter Wasser

Von Birgit Holzer, Paris

Der Architekt Jacques Rougerie plant mit dem „Sea Orbiter“ eine einzigartige Station zur Erforschung der Ozeane.

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In zwei Jahren könnte das 51Meter hohe Observatorium, das zur Hälfte unter dem Meeresspiegel steht und einer Raumstation gleicht, einsatzfähig für Tauchgänge im Ozean sein. Fotos: Jacques Rougerie architecte

Ein Blick in die unendliche Weite des Ozeans – und Jacques Rougerie konnte nie wieder wegsehen. Bis heute bekommt der Franzose nicht genug von der Erforschung einer Welt auf der Erde, die noch voller Geheimnisse ist: des Lebens unter Wasser.

Seine Kindheit verbrachte Rougerie am Strand von Abidjan an der Elfenbeinküste, wo er stundenlang ins Wasser schaute, ohne sich je zu langweilen: „Das Meer in Bewegung hat mich immer fasziniert.“ Später verschlang er die Erzählungen des französischen Science-Fiction-Autors Jules Verne über Entdeckungen der Ozeane.

Als Erwachsener träumt Rougerie nicht mehr nur von Abenteuern „20000 Meilen unter dem Meer“, wie sie Jules Verne in seinem gleichnamigen Roman beschrieb. Durch konkrete Projekte will Rougerie selbst tief unter die Meeresoberfläche blicken. „Seefahrer schauen nur auf das Wasser“, bedauert der 64-Jährige. „Sie sind blind für die riesige Welt unter ihnen.“

Sein aktuelles Vorhaben klingt wie eine Science-Fiction-Utopie. Doch mit dem Observatorium „Sea Orbiter“ plant der renommierte Architekt ganz real eine bislang einzigartige, bewohnbare „Raumstation“ für Meeresforscher. Von ihren insgesamt 51Metern sollen 31Meter unter der Meeresoberfläche liegen. Die gigantische Aluminium-Schale könnte eine 18-köpfige Forschungs-Mannschaft beherbergen, darunter acht „Unterwasser-Astronauten“ im unterirdischen Teil. Dieser wird mit großflächigen Fenstern über fünf Stockwerke ausgestattet, durch die die Wissenschaftler die Unterseewelt beobachten können; vier weitere Stockwerke liegen über der Wasserlinie. Zu den Wissenschaftlern sollen auch Astronauten gehören, so könnte der „Sea Orbiter“ auch als Trainingsstation für Weltraumbesucher dienen.

Bislang sind sehr lange Tauchgänge aufgrund des begrenzten Vorrats an Sauerstoff nicht möglich. Der bisher längste Aufenthalt unter Wasser währte 70Tage und wurde 1992 sechs Meter unter dem Meeresspiegel durchgeführt. Auch der „Sea Orbiter“-Architekt Jacques Rougerie nahm daran teil.

Lautlos mit der Strömung

Vom „Sea Orbiter“ erhoffen sich die Planer Nutzen für die weitere Erforschung der Ozeane. Bislang sind Forschungs-U-Boote oft zu klein und die Motorengeräusche vertreiben zudem die Tiere. Der „Sea Orbiter“ hingegen soll lautlos mit der Strömung treiben. Zwei Elektromotoren mit Geschwindigkeiten von bis zu vier Knoten (7,4Kilometern pro Stunde) lassen Kurskorrekturen zu. Im Regelfall soll das Gefährt nur von der natürlichen Strömung angetrieben werden.

Die ersten Skizzen zum „Sea Orbiter“ entwarf Jacques Rougerie im Jahr 2000 gemeinsam mit dem Astronauten Jean-Loup Chrétien und dem Schweizer Jacques Piccard. Der Ozeanograf und Taucher Piccard, der im November 2008 starb, gilt als Pionier der Tiefseeforschung.

Rougerie zufolge sind die Pläne für den „Sea Orbiter“ inzwischen weit gediehen. 2011 könnte er ihn testweise erstmals ins Wasser lassen und 2012 offiziell eröffnen.

Die Finanzierung steht allerdings noch nicht: Die Bezahlung der Gesamtkosten, die er auf mindestens 35 Millionen Euro schätzt, sei erst zu einem Teil gesichert, gibt Rougerie zu, trotz internationaler Partner wie der US-amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa und deren Tiefseeforschungsprogramm „Neemo“ sowie der Europäischen Weltraumbehörde Esa. Auch in Frankreich hat er mit Umweltminister Jean-Louis Borloo und Präsident Nicolas Sarkozy einflussreiche Fürsprecher.

Sarkozy verwies auf das meereskundliche Renommee, das Frankreich durch die Verwirklichung des „Sea Orbiters“ ernten könnte. Kritiker befürchten hingegen, andere Projekte würden auf Kosten der millionenteuren Meeresbeobachtung zurückgestellt.

Respekt vorm Meer

Für Jacques Rougerie aber ist sie erst der Anfang. Er träumt bereits von einem Sea Orbiter in jedem Ozean oder Binnenmeer. Der 64-Jährige, in dem sich die Lust an der Vision mit konkretem Entdeckergeist mischt, betont stets das ökologische Ansinnen seiner Projekte: „Nur wer das Meer besser versteht, respektiert es auch.“

In den vergangenen Jahrzehnten hat er zahlreiche Unterwasser-Siedlungen und riesige Aquarien auf der ganzen Welt installiert. Dazu gehören wissenschaftliche Meereszentren in Japan und Frankreich, ein Unterwasser-Museum in Ägypten und der Entwurf der Unterwasser-Stadt „City in the Ocean“ in Abu Dhabi, die aus künstlichen Lagunen erwächst.

Nichts scheint ihm zu futuristisch, keine Vision zu utopisch. Denn seinen Lieblingsautor Jules Verne hat Rougerie aufmerksam gelesen und sich den Ausspruch gemerkt: „Alles, was sich der Mensch vorstellen kann, können andere Menschen realisieren.“



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